Faymann, Gabriel & Hollande

17. Mai 2016 09:40; Akt: 17.05.2016 09:40 Print

«Europas Genossen sind in der grössten Krise»

von D. Pomper - Die Wähler laufen den Sozialdemokraten in Europa in Scharen davon. Das hätten die Genossen selbst verschuldet, sagt Europa-Experte Gilbert Casasus.

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Herr Casasus, wie würden Sie den Gesundheitszustand der Sozialdemokraten in Europa beschreiben?
Der Gesundheitszustand ist ernst. Doch das eigentliche Problem ist, dass die Sozialdemokraten nicht einsehen, wie krank sie wirklich sind. Dabei stecken die Genossen Europas in der grössten Krise seit 1945.

Die sozialdemokratischen Parteien in Europa sind auf Talfahrt (siehe Box). Warum?
Erstens existiert das klassische Klassenbewusstsein nicht mehr. Die Sozialdemokraten haben nicht erkannt, dass die Arbeitnehmer einen neuen Feind haben. Das ist nicht länger der Patron oder der mächtige Arbeitgeber. Der Arbeitnehmer fürchtet dagegen den Migranten, der zu billigeren Preisen arbeitet und ihm so seinen Arbeitsplatz streitig machen könnte. Zweitens ist nicht länger die Arbeit ausschlaggebend für den Erfolg, sondern das Kapital. Die Sozialdemokraten beackern also ein Feld, das weniger Anerkennung findet als das Kapital. Drittens gibt es eine wachsende Kluft zwischen den sozialdemokratischen Intellektuellen und den Arbeitern.

Inwiefern?
Der Büezer aus Schwamendingen hat nichts mehr gemein mit dem linken Anwalt, der an der Goldküste wohnt. Das war früher anders. Früher bewunderte der Arbeiter den Intellektuellen. Der Intellektuelle seinerseits war darum bemüht, dem Büezer Kultur näherzubringen. Es gab viele Kulturvereine, in denen sich die Arbeiter trafen. Darunter auch der der Freikörperkultur FKK. Doch heutzutage geht kein Arbeiter mehr ins Naturfreundehaus der SP. Die Intellektuellen ihrerseits befassen sich mit anderen Dingen. Etwa der Umwelt oder dem internationalen Kulturdialog. Dies ist dem Arbeiter fern.

Auch deshalb wählt der Büezer aus Schwamendingen nicht mehr SP, sondern SVP.
Ja, Arbeiter können mit den Sozialdemokraten nicht mehr viel anfangen. Arbeiter laufen in ganz Europa zu den rechten Parteien über. In Österreich profitiert die FPÖ davon, in Frankreich feiert der Front National in sozialistischen Hochburgen plötzlich grosse Erfolge.

Auch die von der Finanzkrise gebeutelte Mittelschicht wendet sich von den Linken ab. Sie haben keine Antworten auf ihre wirtschaftlichen Ängste.
Die Sozialdemokraten haben es nicht verstanden, ein internationales Gegenmodell zur Finanzkrise zu entwickeln. Sie wurden von den Geschehnissen schlicht überrumpelt. Dabei wäre diese Krise, die eine kapitalistische Krise war, eine Chance für die Sozialisten gewesen, mit der sie sich gut hätten profilieren können.

Terrorismus, Flüchtlingskrise, Kriminalität: Im Gegensatz zu den rechten Parteien scheinen die Sozialdemokraten auch hier keine Lösungsvorschläge zu haben.
Die Sozialdemokraten haben Angst, dass Migranten den nationalen Arbeitnehmern die Arbeitsplätze streitig machen könnten. Deshalb verteidigen sie den Solidaritätsgedanken nicht in dieser Vehemenz, wie sie das eigentlich sollten. Das ist schliesslich die Grundessenz ihrer Ideologie. Die Linken haben aus Angst vergessen, sich solidarisch zu zeigen. Sogar der Papst handelt da linker als die Linken. Eine Partei, die hin- und hergerissen ist, transportiert diese Unsicherheit auch nach aussen. Das schreckt die Wähler ab.

Tatsächlich trauen nur noch 32 Prozent der Deutschen der SPD Kompetenz in sozialer Gerechtigkeit zu.
Unter den Sozialdemokraten herrscht Uneinigkeit darüber, für welche Gerechtigkeit man sich einsetzen soll. Will man, dass es dem Lastwagenfahrer aus Schwamendingen besser geht, oder dem Elektriker aus Polen? Bisher haben sich die Sozialdemokraten für die soziale Gerechtigkeit auf nationaler Ebene starkgemacht. Doch mit der Globalisierung wird die soziale Gerechtigkeit auf internationaler Ebene immer wichtiger. Dafür müssten sie sich aber vom alten Bild der nationalen Arbeiterkultur lösen.

Mit dem Aufbau des Sozialstaates haben die Sozialdemokraten ihre Mission erfüllt. Brauchen sie jetzt nicht eine neue Mission?
Ja. Nur haben sie sich keine Gedanken darüber gemacht, wie sie die neuen Herausforderungen in unserer Gesellschaft lösen wollen. Sie sollten fünfzig Intellektuelle während sechs Monaten in ein Schloss einsperren, die sich ein neues Programm ausarbeiten müssten. Stattdessen versucht sie, Bestehendes aufrechtzuerhalten und werkelt am Status quo wie dem Sozialstaat herum. Dabei sollte sich die Partei modernisieren und progressiv werden.

Mit der Migrationswelle kommen auch junge, religiös geprägte Männer nach Europa, die zum Teil ein patriarchales, frauenverachtendes Weltbild pflegen. Die Linken scheinen hin- und hergerissen zu sein zwischen der Willkommenskultur und der Verteidigung westlicher Werte. Wie sehen Sie das?

Westliche Werte sind nicht verhandelbar. Das müssen auch die Linken den jungen Herren klipp und klar sagen. Entweder sie halten sich daran, dass wir hier keine Frauen belästigen. Sonst gehts zurück ins Heimatland. Statt des Multikulti-Geschwafels müssen auch die Linken Integration streng einfordern. Das aber scheint in grossen Teilen noch ein Tabuthema zu sein.

Am Dienstag wird die Schweizer SP kommunizieren, wie ihre Strategie bis zu den Wahlen 2019 aussehen wird. Wie sähe denn eine Erfolg versprechende Strategie aus?
Die Schweizer SP kann ein europäisches Experimenten-Labor für alle Sozialdemokraten werden. Die SP sollte sich von der Arbeiterschaft verabschieden und sich einem aufgeklärten Bürgertum zuwenden. Es gibt ein grosses Potenzial bei Wählern, die zwar keine Linken sind, aber gegen den Rechtsrutsch. Wenn sich die SP öffnet und offensiv und ohne Berührungsängste Themen wie die Flüchtlingskrise oder Terrorismus angeht, dann wäre das der Anfang einer Trendwende und eines Erneuerungsprozesses für die Sozialdemokraten in Europa.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Patricia am 17.05.2016 09:59 Report Diesen Beitrag melden

    jenseits von Gut und Böse

    Die Linken sind mit ihrer Politik nur noch jenseits von Gut und Böse. Sie propagieren dauernd mit ihrem Solidaritätsgewäsch für Fremde, ignorieren aber die eigene Bevölkerung. Die Linken wollen jeden in die Schweiz lassen der hier profitieren will, egal ob die Bevölkerung dafür aufkommen muss. Es ist völlig absurd so viel völlig kulturfremde Leute zu importieren, die sich noch nicht mal integrieren wollen. Ausbaden muss es immer die Bevölkerung. Ich habe es satt dass wir das Auffangbecken für jeden "Profiteur" sein müssen. Wir werden nur noch abgezockt.

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  • dani am 17.05.2016 09:56 Report Diesen Beitrag melden

    offene Grenzen

    Ich verstehe die Arbeiter nicht, die die SP wählen. Die Partei ist für offene Grenzen und EU Beitritt. Aber sie schneiden die eigene Klientel. Jetzt muss sich der Arbeiter um den Job mit dem Einwanderer aus Polen um den Job streiten und dies sicher nicht mit steigendem Lohn. Die SP hoffte nur, es kommen mehr Leute aus armen Länder die dann Mitglied werden. Gilt übrigens auch für die Gewerkschaften, mehr Einwanderer aus unterentwickelten Länder gleich mehr Mitglieder. Aber die stehen dann in Konkurrenz zu den bestehenden Arbeiter.

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  • Johnny B. Good am 17.05.2016 09:57 Report Diesen Beitrag melden

    Selber schuld

    Wenn man konstant neben dem Volk her politisiert ist das kein Wunder.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mundtod am 17.05.2016 22:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ergänzung:

    Monsieur Levrat fehlt noch in der Aufzählung ...

  • Geissenpeter am 17.05.2016 19:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    SP machte alles falsch

    sie verteidigte die hohen Löhne, aber es kamen billige MA aus der EU. Sie wollte Renten erhöhen, aber die Steuereinnahmen gehen zurück. Sie wollte Steuern erhöhen aber die Firmen gehen Konkurs oder ziehen ins Ausland. Sie wollte offene Grenzen aber die Einwanderung bricht nicht ab. Sie wollte in die EU aber die EU ist pleite und brauch Geld. Sie wollte Schengen aber Kriminalbanden ziehen durch die Schweiz. Die wollte die Armee abschaffen aber der Terrorismus kommt nach Europa... ein Fehltritt nach dem anderen.

  • Blueyonder am 17.05.2016 12:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alternative

    Auch ich werde in Italien nächstes mal Mitte-Rechts wählen MÜSSEN. Ich habe leider keine andere Wahl. Die anderen Parteien sind nicht fähig das Flüchtlingschaos in den Griff zu bekommen.

    • Mundtod am 17.05.2016 22:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Blueyonder

      Nicht nicht fähig, nicht willig!

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  • Corinne am 17.05.2016 12:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zuercherin

    Das Klischee von Schwamendingen hat sich ebenfalls veraendert, es gibt heute viel gut ausgebildete Buezer, Abgaenger von Unis und Hochschulen und ja es stimmt die SVP ist die mitgliederstaerkste Partei in Schwamendingen.

    • Norbert am 17.05.2016 12:30 Report Diesen Beitrag melden

      wenn zwei das gleiche tun....

      Wählt ein Uniabsolvent die SVP ist er ein gut ausgebildeter Büezer...wie aber nennen sie Uni Absolvent welche dann SP wählen? Wir kennen ja alle die Begriffe diesbezüglich :) wenn zwei das Gleiche tun, ist das scheinbar ein grosser Unterschied...

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  • Le Pen fän am 17.05.2016 12:12 Report Diesen Beitrag melden

    die beiden müssen abtreten

    der eine hat den Hut geworfen, dem anderen wird der Hut vom Kopf genommen