Gaza Youth Breaks Out

05. Januar 2011 12:40; Akt: 05.01.2011 12:50 Print

«Fuck Hamas, Israel, Fatah, UNO und USA!»

Jugendliche im Gazastreifen haben ein mutiges Manifest verfasst, in dem sie ihre Lebensumstände anprangern. Dafür verantwortlich seien alle involvierten Parteien.

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«Wir wollen frei sein. Wir wollen ein normales Leben führen können. Wir wollen Frieden. Ist das zu viel verlangt?», fragen acht mutige Studenten aus Gaza. (Bild: sharek.ps)

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Das Ausmass ihrer Angst, Wut und Frustration wird Zeile um Zeile greifbarer. In ihrem Manifest, das sie vor drei Wochen per E-Mail verschickten, nehmen acht mutige Studenten aus Gaza kein Blatt vor den Mund: Sie prangern die israelische und ägyptische Belagerung Gazas an. Sie haben die zynischen politischen Spiele von Hamas, Fatah, der UNO und der internationalen Gemeinschaft satt. Und sie sprechen über ihre Furcht vor der allgegenwärtigen Kontrolle und vor dem Terror durch religiöse Fanatiker.

Tausende haben seither darauf reagiert und zurückgeschrieben. Vor einigen Tagen gelang es dem britischen «Guardian», die drei Frauen und fünf Männer in Gaza zu treffen. Geheim, ohne Namen und ohne Fotos. Sie waren aufgeregt, aber auch ängstlich: «Nicht nur unser Leben ist in Gefahr, auch das unserer Familien», sagte einer von ihnen, der sich Abu George nennt.

Angst ist ein wiederkehrendes Thema in ihrer Klageschrift: «Hier in Gaza haben wir Angst davor, eingesperrt, verhört, geschlagen, gefoltert, bombardiert, getötet zu werden. Wir haben Angst vor dem Leben, denn jeder einzelne Schritt, den wir tun, will genau kalkuliert und überlegt sein. Wir können uns nicht bewegen, wie wir wollen, sagen, was wir wollen, tun, was wir wollen, manchmal können wir nicht mal denken, was wir wollen.»

Auch die UNO enttäuscht die Jugend

Für ihre ausweglose Situation machen sie alle Parteien im Nahostkonflikt mitverantwortlich. Die ersten Zeilen ihres Manifests lassen diesbezüglich an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: «Fuck Israel. Fuck Fatah. Fuck UN. Fuck UNWRA (Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten). Fuck USA.» Die Hamas, die im Gazastreifen das Sagen hat, bezeichnen die Jugendlichen als «mächtige Organisation, die sich in ihrer Gesellschaft wie ein Kebsgeschwür ausgebreitet hat, Chaos und Verwüstung produziert und dabei in alle lebendigen Zellen, Gedanken und Träume dringt und sie zerstört, während sie die Menschen unter ihrem Terrorregime lähmt».

Doch auch die UNO und die internationale Staatengemeinschaft bekommen ihr Fett weg: «Wir haben die Gleichgültigkeit satt, mit der die Internationale Gemeinschaft uns begegnet, die sogenannten Experten in der Formulierung von Betroffenheit und in der Verabschiedung von Resolutionen, aber Feiglinge, wenn es darum geht, irgendwas von dem, was sie beschliessen, auch umzusetzen.»

Explosive Situation in Gaza

«Das Fass zum Überlaufen» brachte offenbar die Schliessung des international finanzierten Jugendzentrums «Scharek» durch die Hamas vor einem Monat. Die anschliessenden Proteste wurden von der Polizei brutal niedergeschlagen. Neben vielen anderen Jugendlichen waren auch zwei der Verfasser des Manifests verhaftet und misshandelt worden. Ein Sprecher des Innenministeriums der Hamas-Regierung im Gazastreifen machte gegenüber dem «Guardian» übereifrige Polizisten für die Übergriffe verantwortlich.

Die sozial-demografische Situation der Jugend von Gaza ist explosiv. Über die Hälfte der 1,5 Millionen dort lebenden Palästinenser ist unter 18. Reisen ist durch die israelische und ägyptische Blockade praktisch unmöglich. Das gilt auch für Studenten, die zur Ausbildung an einer ausländischen Universität zugelassen wären. In Gaza selbst gibt es kaum Jobs für die jungen Leute, eine wachsende Zahl nimmt Drogen. Freizeitvergnügen wie Ausgehen oder Freunde treffen betrachtet die Hamas als «westliche Dekadenz», sie werden entsprechend verfolgt.

Im Manifest der acht Studenten heisst es dazu: «In uns wächst eine Revolution heran, eine riesige Unzufriedenheit und Frustration, die uns zerstören wird, wenn wir keinen Weg finden, diese Energie in etwas umzusetzen, was die aktuelle Situation in Frage stellt und uns irgendeine Art von Hoffnung gibt.»

(kri)