Idee eines Millionärs

03. August 2015 16:35; Akt: 03.08.2015 16:44 Print

«Geben wir Flüchtlingen einen eigenen Staat»

Ein US-Multimillionär hat eine Vision: Mit einem Flüchtlingsstaat – etwa in Finnland – will er die Migrationskrise lösen. Kritiker halten das Projekt für unrealistisch.

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Allein aus Syrien sind vier Millionen Menschen geflohen - die grosse Mehrheit in ein benachbartes Land. (Bild: AP/HO)

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Wir leben in der Zeit der beispiellosen Massenvertreibung: Einer von 122 Menschen ist entweder ein Flüchtling, ein Binnenvertriebener oder ein Asylsuchender. Politik und NGOs reagieren auf diese historische Krise mit kurzfristigen Massnahmen und ergebnislosen Debatten, und uns alle lassen die unvorstellbaren Zahlen – 60 Millionen Menschen waren 2014 auf der Flucht, so viele wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg – ein Stück weit abstumpfen.

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«Es ist Zeit für radikale Neuansätze», sagt Jason Buzi. Der 41-jährige Multimillionär (siehe Infobox) startet mit «Refugee Nation» (auf Deutsch «Flüchtlingsstaat», Pdf des Projekts in Englisch hier) ein neues Projekt: Statt von anderen aufgenommen zu werden, sollen Flüchtlinge in einem eigenen Land Zuflucht finden. 20 Minuten hat mit Buzi gesprochen.

Jason Buzi, worum geht es bei Ihrem Vorhaben?
Ich bin etwas schockiert, dass noch niemand ernsthaft darüber nachgedacht hat: Es gibt so viele Vertriebene auf der Welt wie kaum jemals zuvor. Also könnten wir den Flüchtlingen einen eigenen Staat geben, in dem sie in Sicherheit leben und arbeiten können. Genau das, was alle von ihnen wollen.

Wie soll das gehen?
Wir haben ziemlich viel Platz, die Industrienationen mehr als die Entwicklungsländer. Ein Industrieland mit wenig bevölkerten Gebieten könnte diese gegen eine Pacht den Flüchtlingen zur Verfügung stellen.

Haben Sie konkrete Beispiele?

Finnland etwa hat fünf Millionen Einwohner, ist aber gleich gross wie das Vereinigte Königreich, wo 65 Millionen Menschen leben. Oder Inselstaaten wie Indonesien oder die Philippinen: Sie besitzen Tausende unbewohnter Inseln, von denen viele zum Verkauf stehen. Zudem gibt es die Möglichkeit, dass ein bereits existierender Staat quasi übernommen wird. Der Inselstaat Dominica in den Kleinen Antillen hat weniger als 100’000 Bewohner. Würde so ein Staat seine Souveränität quasi verkaufen und zu einer eigentlichen Flüchtlingsnation werden, könnte er vom Zuwachs von Arbeitern und oft sehr gut ausgebildeten Fachkräften profitieren.

Die Schaffung eines Nationalstaates ist kaum je gewaltfrei über die Bühne gegangen. Wieso soll das jetzt anders sein?
Wir reden hier nicht von der Schaffung eines Staates wie etwa Israel. Es wäre viel mehr wie ein Geschäft aufgezogen: Staaten mit kleiner Bevölkerungsdichte lassen gegen Bezahlung oder ein Leasing Flüchtlinge bei sich leben. Tatsächlich haben wir genug Fläche. Es braucht aber den politischen Willen.

Haben Sie denn genug Geld, um ein Land oder Inseln zu kaufen?
Nein, das habe ich nicht. Wir reden hier von mehreren Milliarden. Es gibt über 2000 Milliardäre weltweit, sie könnten zusammen mit den Regierungen der Welt, der Uno und NGOs zusammenspannen. Ich habe auch Kontakt zu Prominenten wie Angelina Jolie aufgenommen, um Publicity zu schaffen.

Wie soll so ein Staat funktionieren? Wie wird er regiert und finanziert?
Ich stelle mir ein demokratisches, pluralistisches und kapitalistisches System vor. Die Schweiz wäre doch ein gutes Vorbild. Eine Nation von Flüchtlingen verlangt nach neuen, riesigen Infrastrukturprojekten: Unterkünfte, Verkehr, Versorgung, Telekommunikation und so weiter. Das schafft Arbeitsstellen für die Flüchtlinge und zieht ausländische Investoren an. Aber ich muss zugeben: Viele Punkte – etwa die Staatsführung – sind noch offen. Mir geht es um einen ersten grossen Schritt.

Kritiker halten das Projekt für unrealistisch und warnen, dass eine Nation für Flüchtlinge leicht als zweiter Gaza-Streifen enden könnte: ein einziges riesiges Lager.
Das verstehe ich überhaupt nicht. Kein Flüchtling wäre gezwungen, dorthin zu ziehen oder dort zu bleiben. Doch wieso würden sie das nicht wollen? In der «Refugee Nation» würde jedem Vertriebenen automatisch eine Staatsbürgerschaft ausgestellt, er hätte Rechte und die Möglichkeit zu arbeiten.

Wie gehen Sie mit der Kritik um?
Die Kritik gerade aus Kreisen von NGOs treibt mich an. Manchmal braucht es einen Aussenstehenden, der mit einer neuen Perspektive neuen Wind in eine verfahrene Situation bringt. Mit meinem Projekt möchte ich neue Anstösse in einer völlig verqueren Lage geben. Wir haben alle die menschliche und moralische Verpflichtung, zumindest zu versuchen, das Leiden von Flüchtigen zu lindern.

Letztes Jahr versteckten Sie mit der Aktion «Hidden Cash» Geld (siehe Infobox), jetzt wollen Sie das weltweite Flüchtlingsproblem anpacken. Woher kommt dieser Antrieb, Gutes zu tun?
Ich will immer Lösungen für Probleme anbieten. Mit «Hidden Cash» wollte ich etwas Neues ausprobieren. Andere hätten NGOs oder Kirchen Geld gespendet, ich wollte etwas Spielerisches machen. Und jetzt – es gibt so viele Probleme, Ungerechtigkeiten und Missstände auf der Welt, die sich nicht lösen lassen. Die aktuelle Flüchtlingskrise aber ist eine konkretes Problem, zu dessen Lösung ich mit meiner Idee beitragen möchte.

Wieso wollen Sie Flüchtlingen helfen und nicht, sagen wir, den Obdachlosen in San Francisco?

Den Obdachlosen in San Francisco – von ihnen gibt es leider sehr viele – soll man auf jeden Fall helfen. Es gibt auch viele kreative und gute Ansätze und Projekte dafür. Doch in der Handhabung der Flüchtlingskrise fehlen solche. Wenn ich mit Leuten über die Lage der Flüchtlinge rede, reagieren viele mit Gleichgültigkeit oder Resignation. Das müssen wir ändern. Wir brauchen Projekte, die Ideen und Hoffnung wecken.

(kmo)