Affäre Skripal

13. September 2018 12:17; Akt: 13.09.2018 14:09 Print

«Wir sind zwei anständige Kerle»

Die beiden verdächtigen Russen im Skripal-Fall haben sich zu Wort gemeldet. Sie seien nach Grossbritannien gereist, um die Kathedrale von Salisbury zu besichtigen.

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Die beiden gesuchten Russen traten am 13. September 2018 im russischen Sender RT auf. In einem Fernsehinterview präsentierten sich Ruslan Boschirow (links) und Alexander Petrow als unbescholtene Touristen. Wladimir Putin sagt, dass die russischen Behörden die beiden Verdächtigen des Skripal-Attentats gefunden haben. Dabei soll es sich um Zivilisten handeln. Die beiden Verdächtigen Alexander Petrow (l.) und Ruslan Boshirow am Bahnhof von Salisbury. Die genannten Namen sind den Angaben zufolge aber vermutlich Pseudonyme. Ruslan Boshirow (l.) und Alexander Petrow werden dringend verdächtigt, vor rund einem halben Jahr ein Attentat auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia verübt zu haben. Die Polizei veröffentlichte mehrere Bilder von Überwachungskameras, auf denen die beiden russischen Staatsbürger in der südenglische Stadt Salisbury zu sehen sind. Die beiden Verdächtigen sind laut Polizei am 2. März nach Grossbritannien geflogen. Eine Aufnahme zeigt den Verdächtigen Alexander Petrow am Flughafen Gatwick am Nachmittag des 2. März. Am Folgetag sollen sie die südenglische Stadt Salisbury ausgekundschaftet haben. Ein Bild vom 4. März aus Salisbury, dem Tag des Attentats. Am Abend seien die beiden wieder abgereist. Die Aufnahme zeigt Alexander Petrow (l.) und Ruslan Boschirow (r.) am Flughafen von Heathrow. Die britische Premierministerin Theresa May machte am 5. September den russischen Militärgeheimdienst für den Nervengiftanschlag verantwortlich. Die beiden mit Haftbefehl gesuchten Verdächtigen in dem Fall seien Mitglieder des russischen Militärgeheimdienstes GRU und hätten höchstwahrscheinlich im Auftrag der russischen Regierung gehandelt, sagte May im britischen Parlament. Bei dem Anschlag handele es sich nicht um eine auf eigene Faust geplante Tat von Kriminellen, sagte May: «Er wurde nahezu sicher auf hoher russischer Staatsebene genehmigt.» May hatte Russland schon früh für die Attacke verantwortlich gemacht, was zu einem tiefen diplomatischen Zerwürfnis führte und eine Krise zwischen Russland und dem Westen auslöste. Skripal und seine Tochter Julia waren im März in der südenglischen Stadt Salisbury durch das Nervengift Nowitschok schwer verletzt worden und knapp dem Tode entronnen. (Bild: Ermittler am 8. März 2018 in der Nähe der Bank, auf der die beiden gefunden wurden.) «Die Angelegenheit wird als schwerwiegender Zwischenfall behandelt, der versuchten Mord durch Verabreichung eines Nervengifts beinhaltet», sagte der Anti-Terrorismus-Chef der Polizei, Mark Rowley, neben Chief Medical Officer Sally Davies in London. (7. März 2018) Der britische Aussenminister Boris Johnson sprach von einem «beunruhigenden» Vorfall. Ein Bild der Tochter Julia Skripal. Sie erwachte aus dem Koma. Ermittler in Schutzanzügen bei der Spurensicherung am Tatort in Salisbury. (6. März 2018) Augenmerk legten die Ermittler auch auf das Zizzi Restaurant, das neben dem Tatort liegt. Wurde geschlossen und untersucht: Die Pizzeria Zizzi in der Nähe. Überwachungskameras haben eine Frau und einen Mann festgehalten, die vor dem Vorfall in Richtung der Parkbank unterwegs waren. Der Ex-Spion Sergej Skripal wurde kurz vor dem Anschlag von einer Überwachungskamera gefilmt. Abgesperrter Tatort: Skripal wurde auf einer Parkbank vor einem Einkaufszentrum gefunden. Vorsichtsmassnahme: Die Polizei sperrte das Gebiet um den Tatort für die Öffentlichkeit ab. 2006 vor einem russischen Militärgericht: Sergej Skripal bespricht sich mit seiner Anwältin. Liudmila Skripal, die Frau des Ex-Spions, ist im London Road Friedhof in Salisbury begraben. (7. März 2018) Daneben befindet sich auch die Ruhestätte von Alexander Skripal, dem Sohn des angegriffenen Ex-Spions. Hier wurden die beiden Vergifteten behandelt: Spital von Salisbury. (Archivbild) Der russische Oligarch und Putin-Kritiker Boris Beresowski wurde im März 2013 tot auf dem Boden des Badezimmers seines Hauses in Südengland aufgefunden. (London, 31. August 2012) Der russische Atomphysiker Igor Sutjagin wurde wegen Spionage zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilt, das Urteil wird von Menschenrechtlern kritisiert. Sutjagin war neben Skripal einer der vier Häftlinge des Gefangenenaustauschs von 2010. (Moskau, 7. April 2004) Ähnlicher Fall: Der ehemalige KGB- und MI6-Spion Alexander Litwinenko starb im November 2006, drei Wochen nachdem er in einem Hotel in London einen Eistee getrunken hatte, der mit grosse Mengen des radioaktiven Polonium-Isotops versetzt war. (London, 10. Mai 2002) Der bulgarische Schriftsteller und Dissident Georgi Markow starb im September 1978, vier Tage nachdem er mit einem mit Gift präparierten Schirmin in die rechte Wade gestochen wurde. Der als «Regenschirmattentat» bekannt gewordene Anschlag geschah, als Markow auf der Waterloo Bridge in London auf den Bus wartete. (Undatiertes Archivbild)

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Die von Grossbritannien wegen des Giftanschlags auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal gesuchten Russen haben sich in einem Fernsehinterview als unbescholtene Touristen präsentiert. Die beiden Männer traten am Donnerstag im russischen Sender RT auf und berichteten, sie seien zufällig kurz vor dem Skripal-Attentat im März als Urlauber nach Grossbritannien geflogen, um «die berühmte Kathedrale von Salisbury zu besichtigen».

Sie seien die Männer, die auf den von der britischen Polizei veröffentlichten Fahndungsfotos zu sehen seien, sagten die beiden im Interview. Ihre Namen seien Alexander Petrow und Ruslan Boschirow.

«Anständige Kerle»

Unter diesen Namen waren die beiden Verdächtigen laut der britischen Polizei im März eingereist. Die britischen Behörden vermuten, dass es sich um Alias-Namen handelt und die Männer Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdienstes GRU sind.

«Wir sind zwei anständige Kerle, die im Bereich Sporternährung tätig sind», behaupteten die Russen in dem Interview. «Unsere Freunde hatten uns schon lange gedrängt, dass wir diese tolle Stadt besichtigen sollten.»

Sie hätten unbedingt die Kathedrale von Salisbury sehen wollen: «Sie ist für ihren 123 Meter hohen Turm und ihr Glockenspiel bekannt, das das älteste der Welt ist, das bis heute funktioniert», sagte Alexander Petrow. Ausserdem hätten sie einen Ausflug nach Stonehenge geplant, aber diesen wegen des schlechten Wetters absagen müssen.

«Gesuchte Männer sind keine Kriminellen», sagt Putin

Am Mittwoch hatte auch Russlands Präsident Wladimir Putin die Männer in Schutz genommen. Sie seien «Zivilisten» und keine Kriminellen, sagte Putin bei einem Wirtschaftsforum in Wladiwostok. «Wir wissen wer sie sind, wir haben sie gefunden.» Ein britischer Regierungssprecher bekräftigte hingegen, die Gesuchten seien Agenten des russischen Militärgeheimdienstes, und warf Moskau «Verschleierung und Lügen» vor.

«Sie sind natürlich Zivilisten», sagte Putin. «Da ist nichts Besonderes daran, nichts Kriminelles, das versichere ich Ihnen. Das werden wir bald sehen.»

Knapp dem Tod entronnen

Der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia waren Anfang März in der südenglischen Stadt Salisbury durch das in der Sowjetunion entwickelte Nervengift Nowitschok schwer verletzt worden und nur knapp dem Tode entronnen. Die britischen Ermittler gehen davon aus, dass das Nervengift an die Haustür der Skripals geschmiert wurde.

Nach den Tatverdächtigen wird per europäischem Haftbefehl gefahndet. Die Polizei wirft den beiden versuchten Mord, Verabredung zum Mord sowie den Gebrauch einer verbotenen chemischen Waffe vor.

London wirft Moskau Lügen vor

Ein Regierungssprecher in London sagte, Grossbritannien habe Russland nach dem Giftanschlag mehrfach aufgefordert, Rechenschaft abzulegen. Moskau habe jedoch nur mit Lügen geantwortet. «Nichts hat sich geändert.» Die beiden Männer hätten «eine zerstörerisch giftige, illegale Chemiewaffe auf den Strassen unseres Landes eingesetzt».

Die britische Regierung macht Putin für den Anschlag mit dem Nervengift Nowitschok verantwortlich und wird in dieser Haltung von ihren wichtigsten westlichen Verbündeten unterstützt. Moskau weist jegliche Verantwortung für den Anschlag zurück. Der Fall führte zu einer schweren Krise zwischen Russland und dem Westen, beide Seiten ordneten die Ausweisung dutzender Diplomaten an.

Weiterer Nowitschok-Fall

Skripal und seine Tochter überlebten den Giftanschlag, ebenso ein Polizist, der ihnen unmittelbar nach dem Anschlag half und kontaminiert wurde. Vier Monate nach der Vergiftung von Skripal und seiner Tochter gab es in Grossbritannien einen weiteren Nowitschok-Fall: Ein Paar aus dem südenglischen Amesbury nahe Salisbury kam Ende Juni mit dem Gift in Berührung.

Der Mann hatte eine Parfümflasche gefunden und seiner Partnerin geschenkt. Laut Polizei enthielt die Flasche eine «bedeutende Menge» Nowitschok. Die Frau starb wenige Tage später, der Mann erblindete.

(kle/afp)