Huldigung

05. März 2011 14:31; Akt: 05.03.2011 15:26 Print

«Gutti war zu gut für Euch»

Hunderte Menschen haben in ganz Deutschland für ein Comeback von Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg demonstriert. Er wurde sogar mit König Ludwig verglichen.

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«Dr. Guttenberg, please proceed to the gate!» Bei der Swiss kann jeder als Doktor oder Professor mitfliegen. Wenn die Kreditkarte zur Visitenkarte wird: In gewissen Kreisen öffnet der «Dr.» vor dem Namen mehr Türen als eine goldene Kreditkarte. Der schnellste Weg zum Doktor führt darüber, sich einfach bei jeder Gelegenheit so zu nennen. Dass das lange funktionieren kann, zeigte vor einem Jahr der . Entsprechend angefertigte Stempel, Visitenkarten oder Türschilder helfen, die konstruierte Fassade als glaubwürdig erscheinen zu lassen. Noch glaubwürdiger ist ein Abdruck mit vorangestelltem Doktor in einem offiziellen Organ wie dem Telefonbuch. Local.ch verlangt von den Kunden keinen Beweis für die geführten Titel. Dazu braucht es allerdings bereits ein gewisses Mass an Skrupellosigkeit. Wer hingegen wenigstens den Schein wahren will, etwas für seinen Doktortitel gemacht zu haben, schreibt sich bei einer «Titelmühle» ein, wie der «Freien und Privaten Universität Herisau». Gegen die Entrichtung hoher «Studiengebühren» werden dort pseudoakademische Grade vergeben. Die Abschlüsse sind jedoch staatlich nicht anerkannt. Das bekam auch der deutsche CDU-Politiker zu spüren. Anfang 2010 wurde publik, dass er seinen Doktor-Titel an der mittlerweile nicht mehr existierenden «Freien Universität Teufen» erworben hatte. Keine Möglichkeit ist hingegen die Ehe mit einem Doktor oder einer Doktorin. «Herr und Frau Doktor» sind lediglich eine hartnäckige Legende: Bei der Hochzeit geht der Titel nicht auf den Ehepartner über. Ein Name darf die persönlichen Rechte eines Kindes nicht verletzen. In der Schweiz dürfen Kinder daher nicht auf den Namen «Doktor» getauft werden - in Bayern übrigens auch nicht.

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Hunderte Menschen haben sich am Samstag bundesweit an Sympathiekundgebungen für den zurückgetretenen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg beteiligt. Allein im Heimatort des CSU-Politikers, im oberfränkischen Guttenberg, demonstrierten nach Veranstalterangaben rund 2000 Fans für ein Comeback des 39-Jährigen. Aber auch Kritiker gingen auf die Strasse. Die Union stritt derweil über den Umgang mit ihrem ehemaligen Shootingstar.Zu der Veranstaltung war auch auf der Internetseite Facebook aufgerufen worden.

In Guttenberg protestierten die Demonstranten mit Plakaten wie «Neid muss man sich erarbeiten» und «Gutti war zu gut für Euch» gegen den Rücktritt. Der Veranstalter war die Junge Union (JU) Kulmbach. Guttenbergs Vater, Enoch zu Guttenberg, kritisierte die «Häme und Selbstgerechtigkeit», mit der über seinen Sohn hergezogen worden sei. Dies habe er seit 1945 so nicht mehr erlebt, betonte er. Der CSU-Lokalpolitiker Gerhard Schneider sprach von einer «Hexenjagd».

Guttenberg hatte am Dienstag seinen Rücktritt erklärt, weil er Teile seiner Dissertation aus anderen Quellen abgeschrieben hatte, ohne dies kenntlich zu machen. Die Universität Bayreuth hat ihm seinen Doktortitel deswegen aberkannt.

Vergleich mit König Ludwig

Jeweils 300 Guttenberg-Anhänger gingen auch in München und in Rosenheim unter dem Motto «Karl-Theodor zu Guttenberg soll bleiben» auf die Strasse. «KT wir glauben an Dich» oder «Ein Guttenberg tritt nicht zurück, er nimmt nur eine Auszeit», hiess es auf den Plakaten. Zahlreiche Redner riefen zu Guttenberg zum «Helden» aus oder kritisierten eine «linke Medienhetze» in der Plagiatsaffäre. Ein Demonstrant hielt gar ein Schild mit einem Bild des jungen König Ludwigs nach oben, versehen mit den Worten «please come back».

Ein Guttenberg-Kritiker mit dem Schild «Lügner, Betrüger, Fälscher - uns total egal» wurde von den Demonstranten abgedrängt, ähnlich wie ein anderer, der sich mit einer ironischen Ansprache über «Guttis», einem bayerischen Ausdruck für Süssigkeiten, zwischen die Redner geschmuggelt hatte.

In Berlin versammelten sich zunächst einige Dutzend Guttenberg-Fans und -Gegner am Brandenburger Tor. Auf satirischen Transparenten hiess es unter anderem «KTG - der Erlöser», «Guttenberg muss Kaiser werden» oder «Wir sind dein Volk». In Hamburg protestierten rund 150 Anhänger des Ex-Ministers, in Frankfurt am Main etwa 80, in Köln knapp 50. In Bremen, Hannover und Leipzig fielen geplante Kundgebungen mangels Interesse aus.

Streit in der Union

In der Union gab es derweil erneut Kritik an der Haltung von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) in der Plagiatsaffäre. Der Chef der Jungen Gruppe von CDU- und CSU-Abgeordneten, Marco Wanderwitz, warf Lammert laut «Bild»-Zeitung (Onlineausgabe) in einem Brief vor, Guttenberg «in seinen schwersten Stunden» nicht unterstützt zu haben. Der Parlamentspräsident soll vor SPD-Abgeordneten gesagt haben, die Affäre und ihre Begleitumstände seien «ein Sargnagel für das Vertrauen in unsere Demokratie». Der CDU-Abgeordnete Wanderwitz schrieb Lammert: «Es kann und darf nicht unser Verständnis von Miteinander in der Union sein, so gegen Mitglieder der eigenen Fraktion zu schiessen. Ich bitte Sie, sich von derartigen Aussagen über Karl-Theodor zu Guttenberg zu distanzieren oder sich, so diese gefallen sind, dafür zu entschuldigen!»

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) betonte dagegen: «Die Solidarität zwischen Schwesterparteien kann nicht über gravierende Vorgänge hinwegsehen.» Zur Forderung von CSU-Chef Horst Seehofer nach einem Krisengespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte der Ministerpräsident, er wisse gar nicht, worin die Krise bestehe. Er rechne zudem mit einem juristischen Nachspiel für Guttenberg. «Wenn alle Vorwürfe zutreffen, die die Universität Bayreuth bislang geäussert hat, dann wird Herr zu Guttenberg noch Konsequenzen zu tragen haben», sagte er dem «Hamburger Abendblatt».

(ap)