Lesbos

02. März 2020 04:45; Akt: 11.03.2020 09:16 Print

«Heute kamen in 4 Stunden 16 Boote an»

von D.Krähenbühl - Demonstrationen, Ausschreitungen und Übergriffe auf Flüchtlingshelfer: Die Situation auf Lesbos eskaliert, sagt der Schweizer Nicolas Perrenoud (35).

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In der westtürkischen Provinz Edirne stecken Tausende Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa fest. Aber auch anderswo ist die Situation prekär. 16 Boote mit über 400 Flüchtlingen sind allein am Sonntag innert vier Stunden auf der griechischen Insel Lesbos gelandet. Hier steigt die Angst, dass es nach 2014 und 2015 zu einer erneuten Flüchtlingswelle kommt. «Seit Erdogan angekündigt hat, die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, steigt die Unsicherheit», sagt Nicolas Perrenoud. Der 35-jährige Softwareingenieur lebt seit fast zwei Jahren auf Lesbos und ist Mitglied des Koordinationsteams der Nichtregierungsorganisation One Happy Family, die sich für Flüchtlinge einsetzt. Die Frustration der Bevölkerung steige und steige, sagt Perrenoud: «Die Dorfbewohner von Moria blockierten heute die Zufahrtsstrassen zum gleichnamigen Flüchtlingscamp, damit die Polizei neu ankommende Flüchtlinge nicht registrieren kann.» Zudem wehrten sich die Anwohner gegen einen geplanten Bau eines neuen Flüchtlingcamps auf der Insel. In der Nacht würden die Anwohner aus Angst vor Einbrüchen den Weg durch das Dorf sperren, sagt Perrenoud. In einem anderen heutigen Vorfall hätten Anwohner Flüchtlinge am Strand daran gehindert, an Land zu gehen. Während in den letzten Monaten täglich rund ein Boot auf Lesbos angekommen sei, habe die Zahl jetzt zugenommen. «Heute kamen innerhalb vier Stunden bis zu 16 Boote mit 400 Personen an.» Der Grund für den Anstieg: Die Türkei betreibe einen «massiven Informationskrieg», sagt Perrenoud. So sei den Flüchtlingen mitgeteilt worden, dass die Grenzen offen seien und sie sich auf den Weg machen sollten. Doch erstmals angekommen, würden die Strapazen erst beginnen: «Für viele heisst es Endstation Moria – nur wenige werden aufs Festland gelassen», sagt Perrenoud. Das grösste Flüchtlingscamp Europas sei für knapp 3000 Menschen ausgelegt, dort gebe es mittlerweile aber über 19'000 Personen. «Es fehlt an Medikamenten, Unterkünften, Essen und Sicherheit. Auch über das Coronavirus wissen die Flüchtlinge Bescheid. «Da es aber noch keinen Coronavirus-Fall gab, ist es nicht oberste Priorität – die Leute haben genug andere Sorgen. Sorgen, die von einigen grosszügigen Anwohnern gelindert würden, sagt Perrenoud. «Viele versorgen die Flüchtlinge mit Nahrungs- und Arzneimitten. «Aber es gibt immer mehr Leute, die massiv gegen Flüchtlinge hetzen und sogar übergriffig werden.» Darunter zu leiden hätten auch die Flüchtlingshelfer. «Sie sind der Ansicht, dass die Flüchtlinge nur deshalb kommen, weil wir ihnen eine Decke und etwas Warmes zu trinken geben», so Perrenoud. «Gerade letzten Freitag ist ein Auto einer NGO mit zwei Volontären darin von einem Mob attackiert worden, andere wurden bedroht oder geschlagen.» Die Bereitschaft, aus Frustration Gewalt anzuwenden, steige spürbar. Perrenoud hofft, dass sich die Schweiz an einem Verteilschlüssel beteiligt, der die Flüchtlinge auf die europäischen Länder verteilt. «Wenn so wie hier humanitäre Grundrechte nicht beachtet werden, dann ist es die Aufgabe eines jeden Landes, etwas zu tun.»

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In der westtürkischen Provinz Edirne stecken Tausende Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa fest, auch anderswo ist die Situation prekär und hat sich seit Erdogans Aufruf, nach Europa zu reisen, zugespitzt: 16 Boote mit über 400 Flüchtlingen sind allein am Sonntag innert vier Stunden auf der griechischen Insel Lesbos gelandet. Hier steigt die Angst, dass es nach 2014 und 2015 zu einer erneuten Flüchtlingswelle kommt. «Seit Erdogan angekündigt hat, die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, steigt die Unsicherheit», sagt Nicolas Perrenoud.

Der 35-jährige Softwareingenieur lebt seit fast zwei Jahren auf Lesbos und ist Mitglied des Koordinationsteams der Nichtregierungsorganisation One Happy Family, die sich für Flüchtlinge einsetzt. Die Frustration der Bevölkerung steige und steige, sagt Perrenoud: «Die Dorfbewohner von Moria blockierten heute die Zufahrtsstrassen zum gleichnamigen Flüchtlingscamp, damit die Polizei neu ankommende Flüchtlinge nicht registrieren kann.»

In der Nacht würden die Anwohner aus Angst vor Einbrüchen den Weg durch das Dorf sperren, sagt Perrenoud. In einem anderen heutigen Vorfall hätten Anwohner Flüchtlinge am Strand daran gehindert, an Land zu gehen. Während in den letzten Monaten täglich rund ein Boot auf Lesbos angekommen sei, habe die Zahl jetzt zugenommen. «Heute kamen innerhalb vier Stunden bis zu 16 Boote mit 400 Personen an.»

2000 Euro für eine Überfahrt

Der Grund für den Anstieg: Die Türkei betreibe einen «massiven Informationskrieg», sagt Perrenoud. So sei den Flüchtlingen mitgeteilt worden, dass die Grenzen offen seien und sie sich auf den Weg machen sollten. «Diejenigen, die jetzt auf dem Festland festsitzen, weil Griechenland die Grenze nicht öffnet, versuchen jetzt, mit dem Schlauchboot überzusetzen.» Die Preise dafür seien vor der Ankündigung Erdogans am Samstag bis zu 1000 Euro pro Person gelegen. Nun würden die Schmuggler das Doppelte verlangen.

Doch erstmals angekommen, würden die Strapazen erst beginnen: «Für viele heisst es Endstation Moria – nur wenige werden aufs Festland gelassen», sagt Perrenoud. Das grösste Flüchtlingscamp Europas sei für knapp 3000 Menschen ausgelegt, dort gebe es mittlerweile aber über 19'000 Personen. «Es fehlt an Medikamenten, Unterkünften, Essen und Sicherheit.» Auch über das Coronavirus wissen die Flüchtlinge Bescheid. «Da es aber noch keinen Coronavirus-Fall gab, ist es nicht oberste Priorität – die Leute haben genug andere Sorgen (siehe Box).

Flüchtlingshelfer werden angegriffen

Sorgen, die von einigen grosszügigen Anwohnern gelindert würden, sagt Perrenoud. «Viele versorgen die Flüchtlinge mit Nahrungs- und Arzneimitteln. «Aber es gibt immer mehr Leute, die massiv gegen Flüchtlinge hetzen und sogar übergriffig werden.» Darunter zu leiden hätten auch die Flüchtlingshelfer. «Sie sind der Ansicht, dass die Flüchtlinge nur deshalb kommen, weil wir ihnen eine Decke und etwas Warmes zu trinken geben», so Perrenoud. «Gerade letzten Freitag ist ein Auto einer NGO mit zwei Volontären darin von einem Mob attackiert worden, andere wurden bedroht oder geschlagen.»

Die Bereitschaft, aus Frustration Gewalt anzuwenden, steige spürbar. Perrenoud würde hoffen, dass sich die Schweiz an einem Verteilschlüssel beteiligt, der die Flüchtlinge auf die europäischen Länder verteilt. «Wenn so wie hier humanitären Grundrechte nicht beachtet werden, dann ist es die Aufgabe eines jeden Landes, etwas zu tun.»


«Kommt es zu einem Corona-Fall, gibt es Panik»

Momentan sei eine mögliche Ansteckung mit dem Coronavirus für viele Flüchtlinge das geringste Problem, sagt eine Mitarbeiterin der medizinischen Nichtregierungsorganisation Medical Volunteers International. Krankheiten wie Masern oder die wilden Blattern seien das akut grössere Problem. Bei den Behörden und Anwohnern sei die Krankheit aber durchaus ein Thema, sagt die Frau.

«Wenn die Flüchtlinge auf Lesbos landen, kriegen sie gleich eine Schutzmaske umgelegt.» Noch würden sich die Bewohner des Flüchtlingscamps lustig darüber machen. Sollte es aber zu einer ersten Ansteckung im Lager kommen, würden viele in Hysterie verfallen, weil die Krankheit neu und die Angst davor ungleich grösser sei. «Das wäre eine Katastrophe – eine Massenpanik macht es nicht einfacher, die Leute zu behandeln.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • CaptainLonestarr am 02.03.2020 05:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    5 Jahre Zeit

    Und die EU war nicht in der Lage einen Plan zu schmiden um eine zweite Flüchtlingswelle zu vermeiden. Man hat mit Erdogan einen Deal gemacht und dann vergessen dass Millionen von Menschen auf dem Weg sind. Und jetzt sollen es wieder die Bürger richten. Kriege, Hunger und Elend werden zunehmen, es werden immer mehr Flüchtlinge. Der Klimawandel wird gewaltige Migrationsströme auslösen. Wir können nicht alle aufnehmen.

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  • tinu am 02.03.2020 07:00 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist ein Fass

    ...ohne Boden. Auch wenn wir alle Ankommenden aufnehmen wird es in den Heimat Ländern nicht besser. Am Schluss sitzen 1/4 der Weltbevölkerung in Europa und dann? Spätestens dann ist auch Europa verloren und verarmt und das bringt ja niemandem was. Man kann leider nur zusehen wie die Welt zusehends im Elend versinkt, weil es zu viele Menschen gibt. Da wird auch Corona nichts ändern, wobei es leider durchaus nötig wäre.

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  • Germane Kochi am 02.03.2020 05:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pfui...

    Ich kann nur noch mit dem Kopf schütteln. Politisches Versagen auf dem höchsten Niveau.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Marko0912 am 02.03.2020 10:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    jetzt aber muss was gestoppt werden!

    entweder Entwicklungshilfe bezahlen oder Flüchtlinge reinlassen beides geht absolut nicht, sonst muss ich mich noch weigern zu Arbeiten und Steuerzahlern den das machen ich für die Schweizer Bevölkerung und nicht für der Rest der Welt!

  • Schlatter Ueli am 02.03.2020 09:40 Report Diesen Beitrag melden

    Hilfe zur Selbsthilfe

    Die Flüchtlingsströme werden noch zunehmen, ob wir das wollen oder nicht! Unsere Systeme sind alle überfordert. Deshalb habe ich mich bewegt und in einem "Flüchtlingsland" eine Firma gegründet, inzwischen arbeiten 30 Ex-Arbeitslose da. Etwa 50% wollten bevor sie diesen Job bekamen nach Europa, da sie in den Medien fast nur den Reichtum in Europa sehen. Unsere negativen Dinge werden ihnen nicht übermittelt. Klar nicht jeder hat leider die Möglichkeit das zu tun was ich durfte, aber es gibt sicher Kollegen/innen die dies auch könnten.

  • Jakob am 02.03.2020 09:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zurück

    Es gibt keine andere Lösung als alle die als Sozialmigranten eingereist sind, zurück in ihre Länder gebracht werden.

  • enttäuschter EU-Bürger am 02.03.2020 09:38 Report Diesen Beitrag melden

    Flüchtlingswelle und Coronavirus

    Als EU-Bürger erhalten wir Beides, wir dürfen unser Sozialgeld verteilen und erhalten Gratis den Coronavirus

  • Realist am 02.03.2020 09:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Flüchtlinge gemäss GFK

    Diese Leute sind allesamt keine Flüchtlinge im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention, haben keinen Anspruch auf Asyl und müssen kompromisslos in ihre Heimat zurückgebracht werden. Das gilt auch für jene der Wellen von 2015 und so weiter.