Erstes Gespräch

23. Dezember 2013 12:03; Akt: 24.12.2013 09:16 Print

«Hier ist Nadia, du Nuss!»

Die beiden Pussy-Riot-Mitglieder Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina geniessen ihre Freiheit in vollen Zügen. Als Erstes telefonierten sie miteinander.

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Am zu besprechen. : Pussy-Riot-Mitglied Nadescha Tolokonnikowa darf das Gefängnis verlassen. Kaum in Freheit fordert sie ein «Russland ohne Putin». Nadescha Tolokonnikowa zeigt sich in Siegerpose. Kurz davor war bereits Maria Aljochina freigelassen worden. Ein Amnestie-Gesetz ermöglichte ihre Freilassung. Im Hintergrund steht ihr Anwalt Piotr Saikin. In diesem Gefängnis in Nischni Nowgorod sass Aljochina ein. Die 23-jährige Aktivistin und Mutter tritt aus Protest gegen die «unmenschlichen Haftbedingungen» in den Hungerstreik. Tolokonnikowa war in diesem Gefängnis in Krasnojarsk eingesperrt. : Das höchste Moskauer Gericht bestätigt das Urteil gegen die beiden Inhaftierten Pussy-Riot-Mitglieder und wirft Vorwürfe eines politischen Prozesses zurück. «Sie sind keine politischen Häftlinge, sondern einfach nur Rowdys», heisst es. Maria Aljochina, die eine Woche zuvor in den Hungerstreik getreten war, da man sie von ihrer eigenen Bewährungsanhörung ausgeschlossen hatte, wurde in ein Spital eingeliefert. Wende im Prozess gegen drei Mitglieder der russischen Punkband Pussy Riot. Eine der drei verurteilten Frauen, Jekatarina Samuzewitsch, wird im Berufungsverfahren freigesprochen. Die Anwältin von Samuzewitsch sagte vor Gericht, die Aktion habe ohne ihre Mandantin stattgefunden. Samuzewitsch sei bereits wenige Sekunden, nachdem sie die Kirche betreten hatte, festgenommen worden. Als mehrere Pussy-Riot-Künstlerinnen ihr «Punkgebet» aufgeführt hätten, habe sich Samuzewitsch bereits ausserhalb der Kirche befunden. Die zwei anderen Frauen, Maria Alechina und Nadeschda Tolokonnikowa, müssten aber für zwei Jahre ins Gefängnis, teilte das Gericht am mit. Der Berufungsprozess gegen die zweijährige Haftstrafe für die drei Frauen wird fortgesetzt. Die Verteidigung befand das Urteil für falsch: Das Gericht habe in erster Instanz ignoriert, dass es sich um einen politischen und nicht um einen religiösen Protest gehandelt habe, sagte sie. Vor dem Gebäude demonstrierten Anhänger der Band. Die Polizei markierte Präsenz. Zwei Personen wurden festgenommen. Am 17. August 2012 werden die Mitglieder der Punkband Pussy Riot - Jekaterina Samuzewitsch, 30, Maria Aljochina, 24, und Nadeschda Tolokonnikowa, 23 (v.l.) - wegen Rowdytums «aus religiösem Hass» von einem Moskauer Gericht zu je zwei Jahren Straflager verurteilt. Putin kann nicht gnädig sein: Pussy Riot haben ein . «Machen Sie Witze? Natürlich nicht. Eher sollte er uns und Sie um Gnade bitten», schrieb Nadeschda Tolokonnikowa der regierungskritischen Zeitung «Nowaja Gaseta». An ein unanabhängiges Urteil glaubt die 22-Jährige nicht. «Das ist eine Illusion.» Die Anklage gegen die Musikerinnen hatte international Empörung ausgelöst. Auch am Tag der Urteilverküdung kam es vor dem Gerichtssaal in Moskau zu Tumulten und Verhaftungen. Bei den Protesten wurde laut Nachrichtenagentur Interfax der Oppositionsführer ) Bürgerrechtler aus aller Welt haben für den , Proteste gegen Prozess angekündigt. Amnesty International erkennt die drei Musikerinnnen als politische Gefangene an. statt: Der russische Staat und die orthodoxe Kirche gehen hart gegen drei Mitglieder der Punkband Pussy Riot vor. Nadeschda Tolokonnikowam, Maria Aljochina und Jekaterina Samutzewitsch (v.l.) am 8. August 2012 im Gerichtssaal. Bereits am Morgen des , stehen Sicherheitskräfte vor dem Gerichtsgebäude in Moskau präsent. Ebenfalls bereits am Vormittag werden die drei angeklagten Frauen ins Gericht gebracht, im Bild Maria Aljochina. Unterstützung erhalten die drei Pussy-Riot-Mitglieder von der ukrainischen Frauenrechtsbewegung Femen. Am 17. August 2012 fällen sie ein orthodoxes Kreuz, das als Zeichen für die Opfer politischer Repression errichtet worden war. Die für Pussy Riot typischen farbigen Sturmmasken auf einem sozialistischen Monument zu Ehren der sowjetischen Armee in der bulgarischen Hauptstadt Bereits in den Tagen vor der angekündigten Urteilseröffnung kommt es weltweit zu Protesten: Vor dem spanischen Aussenministerium in . Selbst in Südamerika protestierten Frauen gegen den Prozess. Zivile Polizisten verhaften Demonstrantinnen vor der russischen Botschaft in . Drei Demonstrantinnen mit den für Pussy Riot typischen Sturmmasken vor der russischen Botschaft in . Das Symbol von Pussy Riot - und inzwischen ein Symbol für den Protest gegen Putin: Farbige Sturmmasken bei einer Demonstration in am 14. August. Unterstützung für Pussy Riot auch in . Hart gingen die Sicherheitskräfte gegen Demonstranten in vor der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau, wo Pussy Riot Filmaufnahmen machte, die zur Anklage führten. Internationale Künstler solidarisierten sich mit den angeklagten Mitglieder der Frauenband. «Nadeschda rechnet nicht damit, dass Putin ihnen vergeben hat», sagt der Ehemann der angeklagten Nadeschda Tolokonnikowa (im Bild). Er konnte seine Frau nach Monaten erstmals Mitte August im Gefängnis besuchen. Tolokonnikowa gab sich am Rande des Prozesses kämpferisch - obwohl der Mutter einer vierjährigen Tochter mehrere Jahre Haft drohten. Die drei angeklagten Mitglieder der Putin-kritischen Punkband mussten sich während des Prozesses in einem Plexiglas-Häuschen im Gerichtssaal aufhalten. Den Prozess ausgelöst hatte ein lautloser Auftritt der Band in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale. Sie hatten dort Filmaufnahmen gemacht für das Putin-kritische Lied «Gottesmutter, vertreibe Putin». Internationale Bands setzten sich für die drei jungen Frauen ein. haben sich kritisch über die Gefangenschaft der Musikerinnen geäussert. Auch in Russland protestierten Prominente. Die russische Filmregisseurin Olga Darfy tauchte im Juni 2012 am Moskauer Filmfestival in einer Maske auf - eine Anspielung auf die typischen Sturmmasken von Pussy Riot. Ein Künstler hat sich dabei die Lippen zugenäht.

Nadeschda Tolokonnikowa (24).

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Wie schmeckt die Freiheit? Nach Käsepfannkuchen und Zigaretten. Nadeschda Tolokonnikowa (24) und Maria Aljochina (25) von der Band Pussy Riot genossen nach ihrer Freilassung am Montag die kleinen Dinge des Lebens. Tolokonnikowas Ehemann Petja Wersilow sagte gegenüber Buzzfeed: «Beide sind damit beschäftigt, russische Käsepfannkuchen zu essen.»

Weil die beiden tausende von Kilometern voneinander entfernt waren - Nadeschda Tolokonnikowa war in der sibirischen Stadt Krasnojarsk in Haft, Aljochina in Nischni Nowgorod, 450 Kilometer östlich von Moskau -, telefonierten die beiden miteinander. Gemäss einem Tweet eines russischen Journalisten sagte Tolokonnikowa: «Hier ist Nadia, du Nuss!»


Doch die beiden nutzten das mediale Interesse auch, um gleich weitere politische Botschaften zu verbreiten. «Es gibt keinen neuen Putin», sagte Tolokonnikowa. «Das ist ein kleiner Schritt zurück. Aber nur ein kleiner. Es sind immer noch zahlreiche Leute in Haft», so Tolokonnikowa, die in der Küche ihrer Grossmutter in der sibirischen Stadt Krasnojarsk Platz genommen hatte. Sie wolle sich weiter für Menschenrechte engagieren.

Unmittelbar nach ihrer Entlassung in die Freiheit hatte sie eine Botschaft für Wladimir Putin parat: «Russland ohne Putin!», forderte sie gemäss Channel4. Nadeschdas Ehemann Pjotr Wersilow wartete bereits am Eingang des Lagers auf seine Frau.

Tolokonnikowa nahm noch nie ein Blatt vor den Mund und bezeichnete Russlands Präsident Wladimir Putin in einem Interview mit dem «Spiegel» unter anderem als «klein und armselig». «Dieses System hat das Urteil über sich selbst gesprochen – indem es uns zu zwei Jahren Haft verurteilte, ohne dass wir ein Verbrechen begangen haben», sagte sie.

Ein PR-Stunt

Auch Maria Aljochina findet nach ihrer Freilassung keine versöhnlichen Worte gegenüber dem «gnädigen» Präsidenten. In einer ersten Reaktion kritisierte sie die Amnestie als «PR-Trick». «Das ist kein humanitärer Akt, das ist ein PR-Trick», sagte sie dem Sender Doschd.

Die vom russischen Parlament verabschiedete Amnestie betreffe weniger als zehn Prozent aller Häftlinge und nur einen Bruchteil von inhaftierten Müttern, sagte sie. Die wegen Rowdytums verurteilten Aljochina und Tolokonnikowa fielen unter die Amnestie, weil sie kleine Kinder haben. Wegen schwerer Straftaten verurteilte Frauen sind von der Amnestie nicht betroffen, auch wenn sie kleine Kinder haben.

Aljochina beklagte, dass sie sich von ihren Mithäftlingen nicht habe verabschieden können. Sie sei in ein Auto gesteckt und zum Bahnhof von Nischni Nowgorod gefahren worden. Von dort sei sie zu einem Treffen mit örtlichen Menschenrechtsaktivisten gefahren, sagte ihre Anwältin Irina Chrunowa. Deren Angaben zufolge will sich die Künstlerin künftig der Verteidigung der Menschenrechte widmen. Auch Tolokonnikowa äusserte sich in dieser Richtung. Auf einem online veröffentlichten Handy-Foto war Aljochina in einer dunkelgrünen Gefängnisjacke zu sehen.

Mütter sollten im März freikommen

Aljochina verbüsste ihre zweijährige Lagerhaft wegen Rowdytums in Nischni Nowgorod, 450 Kilometer östlich von Moskau. Tolokonnikowa sass die zwei Jahre in Sibirien ab.

Die beiden Mütter sollten planmässig im März des kommenden Jahres aus der Haft freikommen. Den Weg für ihre vorzeitige Freilassung ebnete ein am Donnerstag vom russischen Parlament verabschiedetes Amnestiegesetz, unter das Menschen fallen, die zu weniger als fünf Jahren Haft verurteilt wurden. Erwähnt werden insbesondere Frauen mit minderjährigen Kindern und wegen Rowdytums Verurteilte. (Video: Reuters)

(bat)