Reportage aus Syrien

16. Juli 2018 15:23; Akt: 16.07.2018 15:23 Print

«Holt eure IS-Kämpfer zurück»

von Ann Guenter, Syrien - Zahlreiche westliche Staatsbürger kämpften in den Reihen des IS, viele von ihnen sitzen jetzt in kurdischen Gefängnislagern ein. Europa will sie nicht zurückhaben.

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Viele der westlichen IS-Kämpfer sitzen in kurdischen Gefangenenlagern ein. Europa will ehemalige IS-Kämpfer nicht zurückhaben. Nuri Mehmud, Sprecher der kurdischen YPG-Einheiten, sagt dazu: «Es gibt immer noch viele Ausländer in den Reihen des IS. Statt die Realität zu verneinen, sollte Europa den Tatsachen ins Auge sehen und uns seine Staatsbürger abnehmen.» Juli 2018: 20-Minuten-Reporterin Ann Guenter reiste nach Syrien. In einem geschlossenen Camp für Familien von IS-Kämpfern in Nordsyrien hat sie IS-Kämpfer Abu Wael al-Swissri (25) aus Lausanne getroffen. Er, mit bürgerlichem Namen Aziz B.*, und seine Schweizer Ehefrau folgten der Propagandabotschaft des IS ins «Kalifat». «Nach drei Tagen erkannte ich, dass es ein Fehler war», sagt der 25-Jährige. Die Stationen von Aziz B.: Von Gaziantep aus setzte er 2015 nach Ar Ra'i in Syrien über. Seit Januar 2018 sitzt er in einem Gefängnis nahe Qamishli. Laut Anwohnern lebte Abu Wael al-Swissri im «Beduine»-Quartier in Raqqa in einem dieser drei mittlerweile zerstörten Häuser (links). Das intakte kleine Gebäude im Vordergrund sei ein Gästehaus des IS gewesen, erzählen sie: Hierher wurden jesidische Frauen gebracht, um sie heiratswilligen IS-Kämpfern zu zeigen. Im «Beduine»-Quartier verschanzten sich die IS-Extremisten bis zum Schluss der Rückeroberung der Stadt im Herbst 2017. Entsprechend gross ist hier die Zerstörung. In dieser Moschee, keine 200 Meter entfernt, beteten die ausländischen IS-Kämpfer. Auch al-Swissri war mehrmals hier. Der Imam erkannte den Schweizer sofort, als 20-Minuten-Reporterin Ann Guenter ihm sein Bild zeigte. Der im Januar 2017 durch die irakische Armee in Mosul sichergestellte IS-Ausweis. Aziz B. wurde unter dem IS einer Elite-Einheit zugeteilt. Er beharrt darauf, dass er in dem Bataillon nicht habe kämpfen wollen. «Ich fiel deswegen in die Kategorie eines ‹Mutasaib›, das ist einer, der keine Disziplin an den Tag legt, einer, der sich nicht an das Gesetz hält», sagt er. Die ausländischen IS-Kämpfer lebten in Raqqa in der Regel im Stadtteil Beduine. Hier wohnten viele Zivilisten, die sie während der Offensive auf Raqqa als Schutzschilder benutzten. 20 Minuten zeigte das Bild von Abu Wael al-Swissri insgesamt acht Leuten aus dem Quartier – und alle erkannten ihn wieder. Mehrere Männer aus der Nachbarschaft zeigen alle auf drei zerstörte Häuserblöcke: In einem davon habe al-Swissri gelebt. Sie hätten nie mit den ausländischen IS-Kämpfern gesprochen, sagt ein Mann, diese seien unter sich geblieben. Keine zweihundert Meter entfernt steht die Moschee «Hamsa bin Abdul Motaleb», in der die Ausländer beteten. Wir treffen zufällig auf den Imam der Moschee. Er erkennt den Schweizer sofort. Hat der IS dem Bild des Islam geschadet? «Viele denken jetzt, dass es im Islam nur ums Töten geht. Angesichts der ganzen Zerstörung haben die Extremisten uns Muslimen sehr geschadet», sagt der Imam. Zerstörte Häuserblöcke in Raqqa. «Er war zurückhaltend, er war keiner der aggressiven Ausländer», sagen Leute im Quartier über den Lausanner. Der Sahat al sa'a, der Glockenturm-Platz von Raqqa, ist einer der Plätze, wo die IS-Extremisten Menschen hinrichteten und kreuzigten. Ein Foto aus dem Frühjahr 2014: Sogar die Statuen, die auf dem Glockenturm standen, wurden von den Extremisten geköpft.

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Der 25-jährige Abu Wael al-Swissri aus Lausanne sitzt seit sieben Monaten in einem kurdischen Gefängniscamp in Nordsyrien. 2015 hatte sich al-Swissri – mit bürgerlichem Namen Aziz B.* – zusammen mit seiner Frau Selina S. (29)* der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen. Die beiden bereuten aber schon sehr bald diesen Schritt.

Ende 2016 kontaktierte Aziz’ Familie die Schweizer Behörden, um dem jungen Mann bei seine Rückreise in die Schweiz zu helfen. Doch diese rieten Aziz und Selina, in die Kurdenhauptstadt Erbil zu fliehen, um von dort aus in die Türkei zu fliegen. Das Paar wurde schliesslich im Januar 2018 von den Soldaten der Kurdenmiliz YPG festgenommen. Alle Versuche, in die Schweiz zurückzukehren, blieben bislang erfolglos.

Die «moralische Pflicht» des Westens, diese Leute abzunehmen

Ein Mitarbeiter des Nachrichtendienstes der «Autonomen Administration von Nordsyrien» sagt zu 20 Minuten: «Im Gegensatz zu Indonesien und Russland hat Europa bislang keinen seiner IS-Kämpfer zurückgenommen, die bei uns abscheulichste Taten verübten.» Es sei die humanitäre Pflicht der Kurden und ihrer Streitkräfte der Syrian Democratic Forces (SDF) gewesen, den IS zu bekämpfen und somit auch zur Sicherheit in Europa beizutragen. «Jetzt wäre es die moralische Pflicht des Westens, uns diese Leute abzunehmen. Sie sitzen bei uns im Gefängnis. Vor unsere Gerichte kommen sie nicht – sie sind ja nicht unsere Staatsbürger.»

Ein Kommandant der Syrien Democratic Forces (SDF), der namentlich nicht genannt werden will, sagte zu 20 Minuten: «Meines Wissens hat die Schweiz bis zum Juni 2018 die Existenz von Schweizer Staatsbürgern in den Reihen des IS bestritten.» Die Schweiz sei dabei weitem nicht das einzige Land, das IS-Gefangene mit Schweizer Staatsbürgerschaft nicht zurücknehmen wolle, sagte der Kommandant im Gespräch auf einer Militärbasis von al-Hasaka. «Ich geben Ihnen ein Beispiel. Im Camp von Ain Issa, eine Stunde von Raqqa entfernt, haben wir Hunderte ausländische IS-Leute – eine signifikante Anzahl davon ist aus der Türkei. Die Türkei bestreitet, dass das ihre Bürger sind und dennoch sprechen diese IS-Leute türkisch untereinander.»

Nuri Mehmud, Sprecher der kurdischen YPG-Einheiten, findet ebenfalls deutliche Worte: «Für uns ist der Kampf gegen den IS noch lange nicht vorbei», sagt er. «Die Extremisten haben überall Schläferzellen. Es gibt immer noch viele Ausländer in den Reihen des IS. Statt die Realitäten zu verneinen, sollte Europa den Tatsachen in die Augen sehen: Wir haben für euch gekämpft, viele von uns sind für eure Sicherheit gestorben. Uns eure Staatsbürger abzunehmen, wäre nur richtig.»

*Name der Redaktion bekannt