Schweizer IS-Braut

25. Februar 2019 05:39; Akt: 25.02.2019 08:50 Print

«Holt uns hier raus oder entzieht mir den Pass!»

von Ann Guenter - Eine Schweizerin (29) sitzt seit 14 Monaten in syrischer Haft. Im Gespräch mit 20 Minuten fordert sie die Schweiz dazu auf, sie für einen Prozess zurückzuholen.

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Seit gut 14 Monaten sitzt die Lausannerin mit bosnischen Wurzeln im Norden Syriens im Camp Roj, einem von den Kurden geführten Internierungslager für mehrheitlich ausländische IS-Frauen und ihre Kinder. Ann Guenter von 20 Minuten hat sich mit der 29-Jährigen im Camp Roj unterhalten. Die zweijährige Tochter der Lausannerin kennt nur das Leben innerhalb des Camps. Bundesrätin Karin Keller-Sutter hat sich gegen eine Überführung von Schweizer IS-Kämpfern ausgesprochen. Die Justizministerin fordert, dass ihnen der Prozess in Syrien gemacht wird. Die kurdisch-arabische Allianz Syrische Demokratische Kräfte (SDF) bemüht sich, Zivilisten aus der letzten IS-Bastion im Osten Syriens zu holen. Am 20. Februar 2019 hatten sie in Dutzenden Lastwagen Hunderte Männer, Frauen und Kinder aus dem Dorf Baghuz an der irakischen Grenze gebracht. Vertreter der irakischen Sicherheitskräfte sagten, 130 irakische Jihadisten seien von den SDF-Kämpfern an den Irak übergeben worden. Vor allem Kinder und verschleierte Frauen verliessen das Dorf Baghuz im Euphrattal. Bereits am 19. Februar hatten rund 30 Personen das noch von den IS-Kämpfern gehaltene Gebiet verlassen können. Die entscheidende Offensive auf Baghuz hatte sich zuletzt wegen der vielen Zivilisten vor Ort verzögert. Die SDF, die das Dorf an der irakischen Grenze seit Wochen belagern, erklärten, dass sie zunächst die Zivilisten herausholen wollten, bevor sie einen Angriff starten. Den Jihadisten in Baghuz bleibe nur die Kapitulation oder der Kampf bis zum Tod, sagten SDF-Sprecher. Seit Anfang Dezember waren 40'000 Menschen aus den letzten Bastionen der IS-Miliz am Euphrat geflohen, und auch Tausende Kämpfer hatten sich den SDF-Einheiten ergeben. Zuletzt kamen jedoch weniger Flüchtlinge, weshalb der Vorwurf erhoben wurde, die Jihadisten würden die verbliebenen Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbrauchen. Erst am 19. Februar ergaben sich wieder rund 40 Zivilisten und Kämpfer den SDF-Einheiten. Auch IS-Kämpfer wurden in Lastwagen aus Baghuz transportiert. Soldaten der Syrischen Demokratischen Kräfte bewachten die Transporte. Baghuz gilt als der letzte vom IS kontrollierte Ort in Syrien.

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Hohe Drahtzäune umfassen das Camp Roj auf rund 400 mal 300 Metern. Es gibt hier ein paar Verwaltungsgebäude, vor allem aber weisse Zelte, die in Reih und Glied stehen. Dazwischen staubige Gassen, die sich bei Regen in Schlammbäche verwandeln. Von einem Wachturm überblicken bewaffnete Kämpferinnen der kurdischen Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) das Areal.

Als Selina* (29) hier in einen Raum mit bequemen Sofas geführt wird, will sie zuerst gar nicht mit 20 Minuten sprechen. «Was soll das denn noch?», fragt sie mit Frustration in der Stimme. Seit gut 14 Monaten sitzt die Lausannerin mit bosnischen Wurzeln im Norden Syriens im Camp Roj, einem von den Kurden geführten Internierungslager für mehrheitlich ausländische IS-Frauen und ihre Kinder. Sie stammen aus insgesamt 39 Ländern – aus Deutschland, Tunesien, Marokko, Frankreich, Belgien oder den Niederlanden.

Verhaftung im Frühjahr 2018

«Jedes dieser Länder hat mehr als zehn Familien hier», sagt uns die Camp-Verantwortliche. Sie schätzt, dass es im Camp Roj mittlerweile um die tausend Kinder gibt. Auch Selinas Tochter ist hier, die zweijährige Anja*, ein blondes Mädchen mit blauen Augen, süss und aufgeweckt. Im Gegensatz zu ihrer Mutter weiss sie nicht, dass es ein Leben ausserhalb des Camps gibt – und von der Schweiz hat die Kleine keine Ahnung. Ihre Mutter aber weiss, was sie hinter sich gelassen hat. «Ich bereue es sehr, mit meinem Mann hierhergekommen zu sein», sagt sie im Verlauf des Gesprächs mit 20 Minuten.

Ihr Mann, das ist Aziz B.*, ebenfalls aus Lausanne. Er sitzt in einem Gefängnis nicht weit vom Camp Roj entfernt. Seit ihrer Verhaftung im Frühjahr 2018 hat er weder seine Frau noch sein Kind gesehen.

Sie habe, sagt Selina, soeben im Fernsehen gesehen, dass der Bundesrat über die Rückkehr von IS-Kämpfern und ihren Kindern debattiere – und dass Bundesrätin Karin Keller-Sutter sich gegen eine Überführung ausspreche. Die Justizministerin fordert, dass den IS-Schweizern in Syrien der Prozess gemacht wird. «Das verstehe ich nicht», sagt Selina. «Wieso sollen wir hier vor Gericht? Auch die Kurden sind dagegen, dass wir hier verurteilt werden. Wahrscheinlich ist es einfach zu teuer, uns zurückzuholen.»

2015 nach Syrien gereist

Versteht sie denn, dass man in der Schweiz Angst vor Leuten wie ihr hat – dass man befürchtet, sie könnte Anschläge verüben? «Was habe ich denn in der Schweiz verbrochen?», fragt sie, und ihre Stimme wird lauter: «Ich habe meine Steuern bezahlt, ich habe die Gesetze respektiert, ich habe niemanden terrorisiert.» Letzteres jedoch taten die IS-Jihadisten, denen sie sich anschloss, als sie 2015 nach Syrien reiste. Sie wusste damals von den ungeheuren Verbrechen.

«Ich wusste einiges», sagt Selina, «Aber ich wusste nicht alles. Ich dachte, vieles sei Anti-IS-Propaganda, Lügen. Und überhaupt: Ich schloss mich dem IS nicht an, weil dieser Leute köpfte, sondern weil ich nach seinen islamischen Regeln und in einem Kalifat leben wollte. Wir merkten zu spät, dass vieles nicht war, wie es schien. Ich bin keine Terroristin – und wer wie ich das Leben in Syrien kennen gelernt hat, denkt sicher nicht an Anschläge in der Schweiz. Dann weiss man das Leben in der Schweiz zu schätzen.»

Die Diskussion, die die Schweiz derzeit über IS-Rückkehrer führt, findet sie scheinheilig, wie sie durchblicken lässt: «Ich bin Schweizerin oder nicht? Und die Schweiz ist doch ein Rechtsstaat, in dem die Unschuldsvermutung gelten sollte. Immerhin besteht doch die Möglichkeit, dass wir unschuldig sind. Wenn ich nicht wie eine Schweizerin mit all ihren Rechten behandelt werde, dann entzieht mir die Staatsangehörigkeit!»

Zermürbendes Warten

Das Leben im Camp ist eintönig. Ein Lichtblick ist das Programm, an dem die Frauen hier regelmässig teilnehmen. Die Kurden betrachten es als eine Art Deradikalisierungsprogramm. Man behandelt ethische Fragen, diskutiert, was einen guten Muslim ausmacht und wie die Abkehr von der IS-Ideologie beginnt.

«Zu Beginn wollten nur wenige mitmachen. Wir zwangen sie nicht dazu. Doch je mehr Zeit verging, desto mehr nahmen teil. Heute beklagen sich die Frauen, wenn das Treffen einmal ausfällt», erzählt die Camp-Verantwortliche. Sie fügt an: «Selina ist eine sehr süsse, nette Frau. Die Schweiz macht einen Fehler, wenn sie ihr die Chance auf eine Rückkehr verwehrt.»

Das Warten darauf, was mit ihr und ihrer Familien geschehen soll, ist zermürbend. Dennoch wirkt Selina ungebrochen. «Es muss etwas geschehen», sagt sie entschieden, «meinetwegen stellt mich in Syrien vor Gericht, aber so geht es nicht weiter.»

* Name von der Redaktion geändert

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Roland am 25.02.2019 08:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nein!

    Nein und nochmals Nein. Wer sich freiwillig (und im Bewusstsein über die schrecklichen Taten) dem IS anschliesst, hat meiner Meinung nach die Staatsbürgerschaft nicht mehr verdient. Jetzt wo alles gescheitert ist und sie gefangen sind, sind wir und die Schweiz plötzlich gut genug. Nein!

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  • Rolf von Dallenwil am 25.02.2019 08:36 Report Diesen Beitrag melden

    Pass weg

    Jawohl, Pass weg. Sie hat sich für dieses Leben entschieden, die Konsequenzen muss sie daraus lernen.

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  • Michi am 25.02.2019 08:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bleiben wo sie ist

    Da lassen wo sie ist. Kein Erbahrmen zeigen. Siecwar alt genug die Konsequenzen ab zu schätzen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Stavi am 26.02.2019 20:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Terror per Social Media

    Der Terrorismus erfolgt jetzt mit Worten. Jede einzelne Aussage ist doch eine Ohrfeige für uns. Wir werden verhöhnt und beleidigt. Unsere Gesetze und Rechtsprechung wird gegen uns verwendet.

  • peter pan am 26.02.2019 13:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und wer zahlt?

    Aber klar. Sofort den Bundesratjet losschicken. Im Dolder eine Suite reservieren und eine schöne Attika Wohnung wo die noch kleine Familie dann wohnen kann. Da niemand eine Terroristin einstellt schon mal das Sozialgeld bis ans Lebensende vorbereiten. Und die Befürworter zahlen alles. Wollen sie dann noch immer?

  • Anständige Bürgerin am 26.02.2019 13:07 Report Diesen Beitrag melden

    kein Aufwand

    Bitte keinen Aufwand fürs Passentziehen. Also gut, wenn es sein muss. Aber damit hat sich das dann erledigt.

  • Tom am 26.02.2019 09:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pass aberkennen

    Ein Kalifat steht der freiheitlichen und demokratischen Werten in der Schweiz diametral entgegen. Die Dame war also nicht gut integriert. Sie hat gelogen um den Pass zu bekommen. Man muss ihr den Pass aberkennen.

  • Noah am 26.02.2019 09:36 Report Diesen Beitrag melden

    Der Fehler dieser jungen Frau ist doch:

    einerseits gibt sie an, sich dem IS angeschlossen zu haben, weil sie in einem Kalifat nach islamischen Regeln leben möchte und sich dann aber andererseits auf die Demokratie der Schweiz bezieht und da ihr Recht einfordern möchte. Absolute Reue wäre nun angebracht und die Einsicht, dass ein Kalifat der Untergang vom freien Denken/Leben ist und das es ihr unendlich wichtig wäre, ihre Tochter in einem freien Land aufwachsen zu lassen (wo Frauen die gleichen Rechte haben!). Ich glaube, dann wären die Kommentare hier auch nicht so einsilbig negativ! (Meine Hoffnung!)