An der Front gegen den IS

09. Dezember 2018 15:40; Akt: 09.12.2018 17:07 Print

So klingt eine frisch reparierte Dushka

Im syrischen Nordosten geht der Kampf gegen die Islamisten des «Islamischen Staates» (IS) in die letzte Runde. Eine Reportage von hinter und von der Front selbst.

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Luftschläge gegen Hajin, der letzten verbleibenden IS-Bastion im syrischen Osten. Unser «Taxi» zur Front: ein MRAP. Das «Mine Resistant Ambush Protected Vehicle» verleiht in dem Gebiet, das von Minen durchsetzt ist, eine gewisse Sicherheit. Und hier noch einmal im Morgenlicht. Oben sitzt der «Gunner»: ein bewaffneter Späher. Und hierhin geht es: Ein ehemaliger Bahnhof ist nun Stützpunkt der Syrian Democratic Forces SDF. er liegt etwa zehn Kilometer nördlich von Hajin entfernt, der letzten IS-Hochburg und de facto Kapital der Terrrormiliz nach ihrem Verlust ihrer «Hauptstädte» Raqqa und Mosul. Der Stützpunkt steht neben einer zerstörten Zuglinie. Sie verbindet vor allem die vielen Ölfelder in der Region, doch auch die Leute aus dem Euphrattal nutzen die Linie gerne. In ganz Syrien war man immer sehr stolz auf das durchdachte Zugsystem. Doch dann brach 2011 der Krieg aus. Mittlerweile liegt die Linie im Gouvernement Deir ez Zor auf Kampfgebiet. Der Stützpunkt der SDF hat wegen westlich liegenden Dörfer strategische Bedeutung und wird immer wieder vom IS angegriffen. Als wir am Morgen ankommen, berichten die hier stationierten Einheiten von einem kleinen Angriff in der Nacht, den sie aber erfolgreich abwehrten. Anfang November nutzte der IS Sandstürme für eine schwere Attacke auf den Bahnhof. 12 Stunden lang dauerte die Belagerung: Drei gepanzerte und mit Sprengstoff beladene Fahrzeuge mit Selbstmördern am Steuer sowie die gefürchteten IS-Scharfschützen machten den hier stationierten Einheiten der kurdischen Volkseinheit YPG und YPJ das Leben zur Hölle. «Selbstmörder sprengten sich in drei mit Sprengstoff beladenen Fahrzeugen in die Luft, um für die Nachrückenden eine Bresche zu schlagen», erzählt Kommandant Cyiager, der den Angriff miterlebt hatte. «Ein IS-Selbstmörder hatte sich sogar mit Handschellen am Türrahmen festgekettet – vielleicht wurde er auch zu dem Selbstmordattentat gezwungen. Wir wissen es nicht.» Der schwere Angriff wurde abgewehrt. Jetzt legen die SDF-Kräfte tiefe Graben um das Gebäude an. So können die berüchtigten Selbstmordfahrzeuge, so genannte SVBIEDs (Suicide Vehicle Borne Improvised Explosive Device) aufgehalten werden. Zeuge des schweren IS-Angriffs: Überreste eines SVBIED. Solche SVBIEDs sieht man in der weiten Geröllwüste vor Hajin ... ... überhaupt recht häufig: Neben den Scharfschützen und herkömmlich mit Sprengstoff beladenen Fahrzeugen sind sie eine der wirksamsten Waffen im Guerillakampf des IS. Sie sind nur schwer zu stoppen und haben einen enormen psychologischen Effekt auf den Gegner. Wer hätte nicht Todesangst, wenn solche Monster auf einen zurasen? «Die IS-Kämpfer, die sich nicht komplett der Ideologie des IS verschrieben haben, sind mittlerweile aus Hajin geflohen, nach Idlib oder in die Türkei», sagt Welat Rooni (39) zu 20 Minuten. Der Kommandant der von den USA unterstützten Syrian Democratic Forces SDF ist einer der Verantwortlichen in der Operation gegen die IS-Hochburg im Osten Syriens. Die Vorbereitungen auf die grosse Schlacht sind an den vielen Bewegungen in der Luft ablesbar: Appache-Helikopter der USA und ... ... F16-Jets. Bleibt es an der Front relativ ruhig, brechen in den Unterkünften der dort stationierten SDF-Einheiten jeweils geschäftiges Treiben und Vorbereitungen aus. Die Kämpferinnen der kurdisch dominierten Frauenverteidigungseinheiten YPJ ... prüfen ihre Dushkas. Kontrolle eines Munitionsgürtels. Bei den YPG, dem männlichem Pendant der YPJ, wird ... ... Leuchtspur- und andere Munition in einen Munitionsgürtel für die automatischen 50-Kaliber-Maschinengewehre Dushka gehämmert. Auch an den unzählen Feuerbasen in der Geröllwüste um Hajin bereiten sich die SDF-Kämpfer vor. In der Stadt am Euphrat sollen sich um die 3000 IS-Kämpfer verschanzt haben. Lange gab es Verzögerungen und Aufschübe bei der Operation gegen Hajin, Anfang Dezember aber ist den Kämpfern des kurdisch-arabischen Bündnisses SDF ein entscheidender Durchbruch gelungen: Die SDF sind Anfang Dezember in die Stadt am Euphrat eingedrungen und konnten Teile des Ortes besetzen. Sonnenaufgang an der Hajin-Front. Bis Ende Jahr soll die IS-Hochburg eingenommen werden. Angesichts der tausenden von Zivilisten und der niederträchtigen Kriegsführung der IS-Extremisten könnte dieses Ziel aber etwas zu ambitioniert sein.

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(gux)