5.40 Franken pro Monat fürs Essen

13. Oktober 2019 10:17; Akt: 13.10.2019 12:44 Print

«Ich bin 13 und lebe in einem Flüchtlingslager»

von Murat Temel/ dp - Wie lebt ein Teenager in einem Flüchtlingslager? 20 Minuten hat Nesta Nezerwe (13) in Ruanda mit der Kamera besucht.

Wie lebt ein Teenager in einem Flüchtlingslager? 20 Minuten hat Nesta Nezerwe (13) in Ruanda für die «Sternenwoche» besucht. (Reportage: Murat Temel)
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Seine Hose und sein Hemd sind frisch gebügelt, die Sonnenbrille sitzt. Ein gepflegtes Äusseres ist dem 13-jährigen Nesta Nezerwe aus Burundi wichtig. Auch hier im Flüchtlingslager in Ruanda, in dem über 60'000 Menschen leben. 20 Minuten hat Nesta im Mahama Camp besucht, wo er seit über vier Jahren lebt.

20 Minuten: Nesta, warum lebst du hier im Flüchtlingslager Mahama in Ruanda?
Nesta: Ich bin vor vier Jahren aus Burundi mit meiner Mutter und vier Brüdern hierher geflohen. Im Vergleich zu anderen Kindern habe ich das Glück, dass wenigstens meine Mutter bei uns ist. Aber mein Vater fehlt mir sehr. Manchmal telefonieren wir. Er ist Lehrer und Priester

Wie lebst du hier?
Wir leben zu sechst in einem winzigen Lehmhaus. Es ist zu klein, man kann sich hier nicht wohlfühlen – auch wenn wir es gerade streichen, damit es hübscher aussieht. Früher in Burundi lebten wir in einem grossen Haus und konnten uns alles leisten. Heute reicht es oft nicht einmal für Kleider.

Du bist trotz der finanziellen Not gut gekleidet. Wie wichtig ist dir Mode und wo kauft ihr Kleider ein?
Wir Burundier kleiden uns grundsätzlich gerne gut und treten gepflegt auf. Kleider sind hier nicht so teuer. Aber meine Mutter lebt auch sehr sparsam, damit sie uns Kindern solche Kleider kaufen kann.

Was machst du in deiner Freizeit?
Ich bete viel und spiele mit meinen Freunden Volleyball, Basketball oder Sitzball.

In der Schweiz, wo ich herkomme, ist das Handy für Jugendliche ziemlich wichtig. Viele haben sogar ein eigenes Handy. Sie chatten mit ihren Kollegen und gamen damit. Wie ist das bei dir?
Meine Mutter hat ein Handy. Manchmal darf ich es benutzen.

Wie sieht dein Tag im Flüchtlingslager aus?
Ich stehe zwischen halb fünf und fünf Uhr auf, dusche und laufe dreissig Minuten zur Schule. Sie beginnt um sechs und endet um vier. Ich mag Mathematik, Physik und Chemie. Zu Hause helfe ich dann im Haushalt mit.

Was gibt es hier zu essen?
In meinem alten Leben gab es Brot und Tee zum Frühstück. Nun gibt es Haferbrei. Zu Mittag essen wir meist Maniokbrei mit Bohnen. Meine Familie erhält jeden Monat 5400 Ruanda-Francs (5.40 Franken), um Nahrungsmittel zu kaufen. Besonders mag ich Reis oder Ugali (Getreidebrei aus Maismehl). Gegen Ende Monat gibt es Haferbrei, weil es günstig ist.

Bist du ein guter Schüler?
Ja. Es gibt viele clevere Kinder hier im Lager mit guten Noten. Es ist aber frustrierend, dass niemand von uns genug Geld hat, um an eine gute weiterführende Schule zu kommen. Oder weisst du, wie wir hier rauskommen könnten, um zu studieren?

Ich kann es dir leider nicht sagen. Was würdest du denn gern studieren?
Medizin. Ich will Arzt werden oder Militäroffizier und nach Burundi zurückkehren. Ich bin guter Hoffnung, dass meine Träume wahr werden. Auch wenn wir hier nicht alles haben, was wir brauchen.

Sternenwoche.ch