Deutsche IS-Braut in Syrien

20. Juli 2018 05:45; Akt: 20.07.2018 10:36 Print

«Ich brauche Urlaub für meinen Kopf»

von Ann Guenter - Sie erfüllte drei Jahre ihre Aufgabe als «Gebärmaschine» im Islamischen Staat. Jetzt sitzt die mit ihrem siebten Kind schwangere Deutsche in Nordsyrien fest.

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Selena S.* (35) aus Stuttgart ist hübsch. Sie hat grau-grüne Augen, helle Haut, volle Lippen. Seit letztem Dezember sitzt sie in einem geschlossenen Camp in Nordsyrien. Die Deutsche mit serbischem Pass war mit zwei IS-Kämpfern verheiratet, hat sechs Kinder – das siebte kommt in wenigen Tagen zur Welt.

«Ich habe so viel erlebt, ich könnte ein Buch schreiben. Ich würde es ‹Meine gescheiterten Ehen› nennen», klagt die Hochschwangere im Gespräch mit 20 Minuten. Denn dass sie und ihre Kinder drei Jahre im «Kalifat» der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) lebten, daran sind ihrer Meinung nach vor allem Männer schuld. Wie sie mehrfach beteuert, sei sie «nur eine Frau».

Dem Mann schon früh gefolgt

Selena heiratet erstmals mit 17 Jahren, gegen den Willen ihrer Eltern. Nach zehn Jahren wird die Ehe geschieden. Von den drei Kindern bleiben zwei Söhne beim Vater, die heute 13-jährige Tochter kommt zu ihr. Sie heiratet wieder, einen Bosnier, und bringt ein viertes Kind zur Welt.

Die Familienidylle, von der die deutsch-serbische Muslimin träumt, ist keine. Ihr Mann mag Deutschland nicht. Er reist in die Türkei. «Er suchte dort Arbeit», erzählt Selena. «Dann rief er an und sagte, ich müsse mit den Kindern zu ihm kommen.» Selena, die all ihren Männern eine «gute Frau und gehorsam sein» will, folgt ihm. «Doch statt im Hotel zu bleiben, fuhren wir stundenlang weiter.» Während man ahnt, was nun kommt, erzählt Selena, als ob sie immer noch nicht wüsste, wie ihr damals geschah. Sie erreichten Raqqa im Januar 2014.

Hatte sie mit ihrem Mann in Deutschland nie über den IS geredet? «Er hat schon mit mir darüber gesprochen, aber ich verstand das nicht. Oder ich wollte das nicht verstehen, weil es viel zu streng war», sagt sie.

«Da sass ich alleine da»

Im Frühjahr 2014 ist der IS auf Eroberungskurs. Die Terrormiliz hat gerade die irakische Stadt Falluja erobert und verfügt über 10'000 bis 20'000 Kämpfer. Einer davon ist Selenas Mann. «In Deutschland war er normal gewesen», sagt sie. «Da zwang er mich nicht, einen Nikab zu tragen.» Doch als sie in Syrien den Nikab nicht tragen will, schlägt er sie.

Sie habe gleich nach der Ankunft zurück nach Deutschland gehen wollen. Dreimal habe sie zu fliehen versucht, behauptet sie. «Aber man kommt dort nicht raus, verstehen Sie?» Fünf Monate nach Selenas Ankunft in Raqqa ruft IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi sein «Kalifat» aus. Sie ist schwanger mit ihrem fünften Kind. Ihr Mann fällt im Kampf bei Manbij. «Da sass ich dann alleine da.»

Rolle als «Gebärmaschine» erfüllt

Die Deutsche kommt in ein Frauenhaus, wo es «nur schrecklich» gewesen sei. Sechs Tage nach der Geburt ihres fünften Kindes heiratet sie den syrischen IS-Kämpfer Haleb (45). «Ich wollte nur raus aus dem Frauenhaus, ich heiratete den Erstbesten.» Sie ziehen nach Hajin, bis heute IS-Hochburg in der Region Deir ez-Zor, nahe der irakisch-syrischen Grenze. Selena gebärt ein sechstes Kind, ist längst «Gebärmaschine» und «Soldaten-Zulieferin» für die Terrormiliz.

Während zwei Jahren lebt die Familie je nach Halebs Fronteinsätzen in Hajin, Raqqa und kleineren Dörfern. Der Krieg gegen den IS ist in vollem Gang, Gefechte und Luftangriffe gehören längst zum Alltag. Als die Deutsche mit ihrem siebten Kind schwanger ist, fällt der Ehemann in der Wüste bei Hama. Es ist November 2017. Der Islamische Staat hat seine grossen Gebiete verloren, die «IS-Hauptstadt» Raqqa ist gefallen. «Der Kalif (Abu Bakr al-Baghdadi, Anm. d. Red.) befahl, dass wir Frauen Hajin verlassen und nach Idlib fahren müssen», erzählt die Deutsche.

«Je weniger ich weiss, desto besser für meinen Kopf»

So weit kommt es nicht, Selena und die Kinder werden von kurdischen Kämpfern aufgegriffen und landen in einem IS-Frauen-Camp in der Nähe von Qamishli. Das Leben dort sei konfliktreich. Vor allem Russinnen und Tunesierinnen setzten weiterhin die IS-Regeln durch. Diese Frauen gehörten ins Gefängnis, wiederholt sie mehrfach.

Steht Selena noch zur Ideologie des IS? «Wenn ich das täte, hätte ich doch anders gehandelt», erklärt sie in einer Selbstverständlichkeit. So habe sie auch nie der Hispa, der Religionspolizei des IS, angehört. Öffentlichen Hinrichtungen will sie nie beigewohnt haben. Auch von den jesidischen Sexsklavinnen, die den IS-Kämpfern zu Verfügung standen, weiss sie angeblich ebenso wenig wie von den Anschlägen in Europa mit Hunderten Toten. Sie sagt: «Mir ist egal, wer was gemacht hat. Je weniger ich weiss, desto besser für meinen Kopf.»

Gute Chancen für eine Rückkehr

Wie geht es weiter, Selena? «Ich will nur weg von hier. Nach den ganzen Sachen brauche ich dringend Urlaub für meinen Kopf.» Sie verstehe, dass sie in ihrem Heimatland nicht erwünscht sei. «Ich bin für viele Leute wohl eine Verbrecherin, weil ich unter dem IS lebte.» Dabei sei doch ihr einziges Verbrechen gewesen, mit einem IS-Kämpfer verheiratet gewesen zu sein. Folgte sie ihrem Mann nicht freiwillig zum IS? «Glauben Sie mir, nicht der Islamische Staat ist das Problem, sondern die Menschen, die darin lebten und das daraus machten», sagt sie.

Obwohl sie in ihren Augen ein Opfer ist, fürchtet sie, in Deutschland im Gefängnis zu landen. Die Angst dürfte unbegründet sein: Deutsche IS-Frauen werden in der Regel gesetzlich nicht belangt. Das hat auch mit der Definition der Mitgliedschaft in einer Terrororganisation zu tun: «Es müssen nicht nur die Anwesenheit, sondern auch irgendeine terroristische Tätigkeit oder ein militärisches Training, das der IS bei Frauen nicht verlangte, nachgewiesen werden können. Rechtlich gesehen sind damit die meisten Frauen keine Mitglieder der IS-Terrororganisation», sagt Guido Steinberg, Islamismus-Experte und Gutachter bei Terrorprozessen.

«Die Kinder können nichts dafür»

Die Chancen, dass Selena und ihre Kinder nach Deutschland zurückkehren könne, stehen gut. «Rücknahmeverfahren in den ersten Fällen laufen bereits», sagt Steinberg. Wegen ihrer doppelten Staatsbürgerschaft könnte Selena jedoch nach Serbien abgeschoben werden. Ob ihr dort Haft droht, ist unklar.

Vor allem wegen ihrer Kinder, die viel durchgemacht hätten, bereut Selena, nach Syrien gereist zu sein. «Die drei Jahre unter dem IS – dafür können sie nichts. Sie brauchen eine Chance.» Dass sie ihren Kindern diese Chance selbst genommen hat, will Selena nicht wirklich wahrhaben.

*Name der Redaktion bekannt