Migrantenjäger in Ungarn

04. August 2016 15:36; Akt: 04.08.2016 15:39 Print

«Ich fange Flüchtlinge mit meinen Händen»

Ein Ex-Türsteher macht an der serbisch-ungarischen Grenze Jagd auf Flüchtlinge. Seine Mission wird von der ungarischen Regierung unterstützt.

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In Ásotthalom im Süden Ungarns hält eine neue Polizeieinheit Ausschau nach Migranten und schickt sie zurück nach Serbien. Beauftragt wurde das fünfköpfige Team von László Toroczkai, dem rechtsextremen Bürgermeister des 3000-Einwohner-Städtchens.

Finanzierte sich die Truppe anfänglich über Spenden, hat nun die Regionalregierung die Kosten übernommen. Denn ihre Aufgabe hat einen durchaus legalen Charakter: Kürzlich hatte der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán ein neues Gesetz verabschiedet, wonach Flüchtlinge, die es nicht weiter als acht Kilometer über die Grenze ins Landesinnere schaffen, zurück nach Serbien gebracht werden dürfen.

Die «Helden» von Ásotthalom

Einer der Flüchtlingsfänger ist Tari (38), ein ehemaliger Disco-Türsteher. «Ich laufe ihnen hinterher und fange sie mit meinen Händen», sagt der Muskelprotz mit ernster Miene zur Zeitung «Die Welt». Im Tarnanzug und mit einer Pistole am Gürtel patrouilliert der bärtige Mann in den Wäldern um Ásotthalom, folgt den Spuren von verlassenen Rucksäcken oder Plastiktüten. Allein im Juni war seine Jagd 310-mal erfolgreich. Tari sieht sich als Retter Europas, als eine Art Superheld. Seine Erfolge postet er auf Facebook.

Zusammen mit Taris Einheit arbeitet auch noch eine zivile Einsatzgruppe – 18 Männer, die freiwillig mit Sturmhauben und Masken im Wald unterwegs sind, um Flüchtlinge aufzuspüren und einzufangen. Beide Trupps arbeiten Tag und Nacht, in 24-Stunden-Schichten.

Die Flüchtlingsjäger haben nicht nur die Unterstützung von Bürgermeister Toroczkai, sie werden auch in der Bevölkerung als Helden gefeiert. In einer jüngsten Umfrage hatten 76 Prozent der Befragten angegeben, sich vor Terroranschlägen als Reaktion auf den Zustrom zu fürchten.

Kein Essen, keine Hilfe

Die Jagd auf hilflose Migranten ist aber nur ein Teil der Regierungsstrategie, um das Problem an der Grenze zu «lösen»: In vielen Auffanglagern gibt es kein Abendessen mehr, berichten Hilfsorganisationen. Ausserdem wurde den Flüchtlingen das monatliche Taschengeld gestrichen. Es herrschten «schreckliche Zustände» an der Grenze, meldet das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR).

Dann sollen die Flüchtlinge doch «einfach in dem ersten sicheren Land bleiben, in Griechenland zum Beispiel? Da gibt es doch genügend Auffanglager», lautet die Antwort von Bürgermeister Toroczkai. Von dortigen misshandelten Flüchtlingen habe er auch schon gehört, aber er widerspricht: «Das sind alles Lügen.»

(kle)