Limburg

08. Oktober 2019 20:28; Akt: 08.10.2019 21:16 Print

«Ich glaube nicht an einen einsamen Wolf»

Wer steckt hinter dem Anschlag von Limburg? Ein Experte sagt: Netzwerke spielen eine entscheidende Rolle.

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Ein 32-jähriger Syrer kaperte im deutschen Limburg einen Lastwagen und fuhr auf mehrere Autos auf. Acht Personen wurden verletzt. Wie ist dieser Anschlag einzustufen? Der Sicherheitsexperte der Unversität Genf, Alexandre Vautravers, sagt: Ein einsamer Wolf sei der Mann kaum gewesen.

Herr Vautravers, wie stufen Sie die Tat in Limburg ein? War das ein Terroranschlag?
Es ist immer schwierig, solche Ereignisse in kürzester Frist und mangelnde Informationen einzuschätzen. Am Ende müssen das die Ermittler und lokalen Experten klären. Es gibt aber allgemein Unterschiede in der Wahrnehmung zwischen den Ländern, was ein Terroranschlag ist. In Frankreich wird etwa in Zusammenhang mit dem Mann, der in Paris mehrere Polizisten angegriffen hat, bereits von Terror gesprochen. Ob etwas als Terroranschlag wahrgenommen wird, hängt oft auch davon ab, wie viele Opfer es gibt, oder vom Modus Operandi beziehungsweise der benützten Waffe.

Gehen Sie in Limburg von einem Einzeltäter aus oder steckt dahinter eine Gruppe?
Auch wenn der Mann allein gehandelt hat, gibt es doch immer auch ein soziales Umfeld, in dem die Person lebt. Der sogenannten «Lone wolf»-Hypothese stimme ich nicht zu. Die Umwelt und Netzwerke, in denen Menschen sich bewegen, beeinflussen diese auch. Niemand steht am Morgen auf und beschliesst spontan, so etwas zu machen. Hinzu kommen unter jungen Personen auch Imitationphänomene. Die Jugendlichen in den französischen Banlieues etwa nehmen dann Verhaltensweisen von Kriminellen an: Man möchte so sein wie der oberste Drogendealer. Auch bei Terrorismus existieren diese Aneignungsprozesse.

Was bringt einen Menschen dazu, so eine Tat zu begehen?
Das muss für jeden Einzelfall erst untersucht werden. Diese Analysen können sich über Jahre erstrecken. Ausschlaggebend sind zahlreiche Faktoren vom psychologischen Hintergrund über die Persönlichkeit bis zur idealistischen Gesinnung. Dazu kommen auch die Netzwerke, in denen die Personen sich bewegen. Wurden sie zum Beispiel von jemanden beeinflusst oder manipuliert? Das sind alles Fragen, die sich stellen.

Wie steht es um die öffentliche Sicherheit in Deutschland und Europa? Könnte so etwas auch in der Schweiz passieren?

Das ist natürlich schwer zu sagen. Wenn man die Statistiken ansieht, ergibt sich aber ein ausgeglichenes Bild. Die Zahl der Djihad-Reisenden und Radikalisierungen im Verhältnis zur Bevölkerung sind in der Schweiz gleich hoch wie in Deutschland und Frankreich. Daraus lassen sich aber keine Prognosen ableiten.

(tha)