Todeskandidat erzählt

13. Mai 2013 09:24; Akt: 13.05.2013 11:54 Print

«Ich habe keine Angst vor dem Sterben»

von S. Marty - Arthur Lee Williams wartet seit 31 Jahren auf seine Hinrichtung. Regelmässig schreibt er seiner Brieffreundin in die Schweiz. Ohne Liebe hätte er diese Zeit nicht überlebt, sagt er.

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Arthur Lee William sitzt seit 31 Jahren in Texas in der Todeszelle.

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Herr Williams, seit rund 11'300 Tagen sitzen Sie hinter Gittern und warten auf den Tod durch die Giftspritze. Wie sehen Ihre Tage im Todestrakt aus?
Ich bin 22 Stunden in meiner 10 Quadratmeter grossen Zelle eingeschlossen. Dort verbringe ich die meiste Zeit mit Radiohören, Briefeschreiben und Bücherlesen. Ich mag Fantasie-Geschichten und Thriller. Mit Romanen und Western kann ich hingegen nichts anfangen. Zwei Stunden am Tag darf ich meine Zelle verlassen. In einem abgeschlossenen Bereich kann ich mich mit anderen Gefangenen unterhalten, Basketball oder Schach spielen.

Wie fühlt sich ein Mensch, der 31 Jahre im Gefängnis verbracht hat?
Wäre ich allein auf mich gestellt und hätte nicht die Liebe und Unterstützung meiner Familie und Freunde, hätte ich mit Sicherheit nicht einmal die Hälfte dieser Zeit überlebt. Wenn nicht physisch, dann wäre ich sicher schon lange emotional und mental verkümmert. Mein soziales Umfeld hat mir verziehen und steht hinter mir, das hält mich am Leben.

Haben Sie nach so langer Zeit in Gefangenschaft überhaupt noch Freunde?
Die Freunde, die ich hier im Todestrakt fand, wurden alle bereits hingerichtet oder freigelassen. Meine Familie besucht mich aber regelmässig und mit meinen Freunden stehe ich vor allem brieflich in Kontakt. Eine Brieffreundin kam mich auch schon besuchen. Das war einer der schönsten Momente, die ich hier erleben durfte.

Solche Momente dürften eine Ausnahme sein. Was war das Schlimmste, was Sie hinter Gittern erlebt haben?
Der schlimmste Moment war, als ein mir völlig fremder Gefängnispfarrer plötzlich in meine Zelle kam und mir aus dem Nichts heraus erzählte, dass meine Mutter gestorben sei.

1982 haben Sie im Bundesstaat Texas einen Polizisten erschossen, wofür Sie zum Tode verurteilt wurden. Bereuen Sie Ihre Tat?
Ich hatte in meinem jungen Leben damals schon Verbrechen begangen, die ich sicherlich bereue. Aber die Sache, die sie hier ansprechen, war kein Verbrechen. Ich habe in Notwehr gehandelt. Doch hier in Texas hat ein schwarzer Mann kein Recht, sich gegen einen Weissen zur Wehr zu setzten.

Sie empfinden also keine Reue, dass Sie einen Mann getötet haben?
Doch. Ich bedaure, wie die ganze Geschichte geendet hat. Doch am meisten bereue ich eigentlich, dass ich von Minnesota nach Texas gezogen bin, wo die Todesstrafe noch angewendet wird.

Wie wäre denn Ihr Leben verlaufen, wären Sie an besagtem Tag an einem anderen Ort gewesen?
Das war 1982 und ich war 22 Jahre alt. Ich bewegte mich damals in zwei verschiedenen Welten – der Informatik- und der Verbrecher-Welt. Wenn ich die Chance gehabt hätte, eine Ausbildung zu machen, würde ich heute wohl bei einer Computer-Firma arbeiten. Wenn nicht, dann wäre ich sicherlich auch auf die schiefe Bahn geraten. Aber wer weiss schon, wo er heute stehen würde, wenn gewisse Sachen in seinem Leben nicht oder anders passiert wären.

Heute sind Sie ein zum Tode verurteilter 53-Jähriger. Hat man in so einer Situation überhaupt noch Träume?
Die meisten meiner Träume sind über die letzten 30 Jahre gestorben. Was für einen 22-Jährigen oder auch noch für einen 33-Jährigen möglich gewesen wäre, ist für einen heute 53-Jährigen nicht mehr realistisch. Heute wünsche ich mir nichts mehr, als meine Freiheit zurückzugewinnen und diese Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden verbringen zu können.

Im Kampf um diese Freiheit blieben jedoch mehrere Berufungsverfahren erfolglos. Sind Sie dankbar, dass das Urteil noch nicht vollzogen wurde?
Ich weigere mich aufzugeben und die Wärter, Politiker und Anwälte, die mich 30 Jahre ausgenutzt, missbraucht und gedemütigt haben, gewinnen zu lassen. Was die Vollstreckung des Todesurteils angeht, kann ich aber nicht sagen, dass ich dankbar bin, noch zu existieren. Trotzdem bin ich gegen die Todesstrafe, da sie als wirtschaftliches, diskriminierendes und politisches Instrument missbraucht wird. Das bedeutet nicht, dass ich nicht auch denke, dass gewisse Leute vom Leben «ausgeschlossen» werden sollten. Trotzdem muss man sich die Frage stellen, was schlimmer ist, ein schneller Tod oder das Leben hinter Gittern. Ich weiss, wovon ich rede: Jahrelang eingeschlossen zu sein ist kein Vergnügen.

Glauben Sie denn wirklich, dass Sie jemals wieder ein freier Mensch sein werden?
Möglich ist alles, auch wenn die Chancen natürlich sehr gering sind. Ich will beim Bundesgericht weiter für meine Freilassung kämpfen, weil ich dort bessere Chancen habe. Aber ich werde natürlich auch nicht jünger und die Möglichkeit, dass ich vorher sterbe, wird immer grösser.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nein, ich habe keine Angst vor dem Sterben. Je länger ich lebe, desto wahrscheinlicher wird der Tod. Deshalb versuche ich, das Beste aus jedem Tag zu machen. Niemand auf dieser Welt hat die Garantie, dass er morgen noch leben wird.

Das Datum Ihrer Exekution steht noch nicht fest. Wie stellen Sie sich diesen Tag vor?
Das Prozedere in Texas ist ganz klar. Sollte es irgendwann so weit kommen, werde ich mit erhobenem Haupt zur Krankentrage gehen. Dort werde ich festgebunden und mir wird die Giftspritze verabreicht. Dann habe ich das Recht auf ein letztes Statement. Da ich meinen Freunden und meiner Familie bereits alles Nötige mittgeteilt habe, werde ich davon aber keinen Gebrauch machen. Innerhalb hoffentlich kurzer Zeit werde ich dann tot sein. Ende der Geschichte.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sensenmann am 13.05.2013 19:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Er mag keine Angst vor dem Tod haben,

    aber vor dem Sterben fürchtet sich am Ende jeder wenn es soweit ist! Und ich meine uns alle.

  • Arnoldo am 14.05.2013 11:07 Report Diesen Beitrag melden

    31Jahre

    Schuldig oder Unschuldig,das können wir nicht beurteilen wir kennen die Fakten nicht oder nur was die Medien schreiben.Was mich nachdenklich macht,31Jahre auf den Tod zu warten ....,ich weiss nicht was schlimmer ist!Ich verurteile einen Mord,ich denke einfach an die 31Jahre warten!

  • L.E am 13.05.2013 12:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schrecklich sowas

    Todestrafe ist einfach nur krank! Der Mann hat einen anderen Menschen erschossen, ja! Aber wenn man selbst einen Menschen tötet deswegen, ist das dann gerecht? Ausserdem...30 Jahre lang hinter Gitter ohne Gewissheit wann man stirbt, DAS ist grausam! (Natürlich sollen solche Taten nicht ungebüsst bleiben...aber Todesstrafe, nein danke!)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Arnoldo am 14.05.2013 11:07 Report Diesen Beitrag melden

    31Jahre

    Schuldig oder Unschuldig,das können wir nicht beurteilen wir kennen die Fakten nicht oder nur was die Medien schreiben.Was mich nachdenklich macht,31Jahre auf den Tod zu warten ....,ich weiss nicht was schlimmer ist!Ich verurteile einen Mord,ich denke einfach an die 31Jahre warten!

  • Sensenmann am 13.05.2013 19:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Er mag keine Angst vor dem Tod haben,

    aber vor dem Sterben fürchtet sich am Ende jeder wenn es soweit ist! Und ich meine uns alle.

  • Steve am 13.05.2013 17:59 Report Diesen Beitrag melden

    Hmm??

    Todeskandidat: "Ohne Liebe hätte er die Zeit nicht überlebt" (??)

  • Sebastian T. am 13.05.2013 17:48 Report Diesen Beitrag melden

    Ein heikles Thema

    Die Todesstrafe ist ein heikles Thema und auch ich bin manchmal nicht sicher, ob wir als Menschen über ein Justizsystem den Tod eines Menschen anordnen dürfen. Aber bei manchen Taten, da bin ich doch der Meinung, dass der Delinquent nichts anderes verdient hat und seine Opfer und deren Familien auch nicht die Wahl hatten. Ein Polizistenmord ist schlimm - ob die Todesstrafe hier gerechtfertigt ist, muss jeder selbst für sich entscheiden. Trotzdem - Im Gefängnis ist jeder unschuldig und wenn einer farbig ist, dann wird von Anwälten und Tätern sehr schnell die Rassenkarte ausgespielt.

  • Danny am 13.05.2013 17:42 Report Diesen Beitrag melden

    Notwehr?

    Der Täter behauptet, nachdem er einen Raubüberfall begangen hat, in Notwehr einen Polizisten erschossen zu haben. Notwehr? Ist es Notwehr, wenn man sich durch das Erschiessen eines Cops der Verhaftung entzieht? Am meisten bereut er, dass er zuvor in einen Staat gezogen ist, wo es die Todesstrafe noch gibt. Netter Mensch. Und jetzt wissen wir auch warum die Todesstrafe angeblich teurer ist, als lebenslange Haft. Richtig. Weil der Täter seit 31 Jahren in der Todeszelle sitzt und dafür Unmengen an Geld ausgegeben wird. Also gleich teuer wie lebenslang und dann folgt noch die "teure" Hinrichtung.