9 Jahre in Haus versteckt

16. Oktober 2019 10:39; Akt: 16.10.2019 13:39 Print

«Ich hatte von den Kindern keine Ahnung»

Neun Jahre lang versteckte ein Vater seine sechs erwachsenen Kinder in einem Hof in den Niederlanden. Das sagen Nachbarn und Betroffene zum Fall.

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So präsentiert sich Gerrit-Jan van D. auf Facebook. (21. Oktober 2019) Van D. lebte mit seinen sechs Kindern isoliert auf einem Hof in den Niederlanden. Regelmässig vor Ort war auch der Oberösterreicher Josef B. Eine kleine Brücke führt vom Buitenhuizerweg in Ruinerwold über einen kleinen Kanal zum Anwesen. Der 58-jährige gebürtige Wiener Josef B. arbeitete ausserdem in einer Werkstatt in Meppel. Er soll im Fall eine Rolle spielen. Jahre zuvor hatten B. und der Vater der Kinder, Gerrit-Jan van D., in der Ortschaft Hasselt nebeneinander gewohnt. Der einzige offizielle Mieter der abgelegenen Farm von Ruinerwold ist Josef B., bei den Nachbarn lediglich bekannt als «Josef, der Österreicher». Der Zugang wurde von der Polizei abgesperrt, nachdem bekannt geworden war, dass die Familie neun Jahre lang isoliert auf dem Bauernhof gelebt hatte. Polizisten bewachen das Grundstück. Auch sie stehen vor einem Rätsel. Eine Sonderkommission wurde eingerichtet. Der Hof befindet sich im Ort Ruinerwold, der zur Gemeinde De Wolden gehört. In welchem Verhältnis Josef B. zur Familie stand, die auf dem Hof lebte, ist noch nicht ganz klar. Josef B. verweigerte die Kooperation mit der Polizei. Er wurde deshalb festgenommen. Am Donnerstag, 17. Oktober 2019, wurde er einem Haftrichter vorgeführt. Seither sitzt B. in U-Haft. Auch Gerrit-Jan van D. sitzt in U-Haft, weil die Behörden vermuten, dass er seine Kinder gegen ihren Willen im isolierten Haus festgehalten hat. Der 25-jährige Sohn Jan ist am Sonntag, 13. Oktober 2019, in einer Beiz im niederländischen Drenthe aufgetaucht. Der junge Mann ist das älteste der sechs Kinder, die mit ihrem Vater Gerrit Van D. neun Jahre lang auf dem Hof lebten. Auf Social Media postete er seit einiger Zeit immer wieder Fotos und Beiträge. In den Tagen bevor der Fall bekannt wurde waren es vor allem Bilder aus seinem Ort. Hier etwa die reformierte Kirche. Vater Gerrit Van D. soll früher in der Moon-Sekte gewesen sein. Die Familie sei davon überzeugt gewesen, dass Tageslicht schädlich sei. Der Bauernhof liegt abgelegen, umschlossen von Bäumen. Der Fall kam ans Licht, nachdem Jan die Flucht gelungen war. Der 25-Jährige lief in eine Bar in der Ortschaft Drenthe und erzählte dem Besitzer, dass er neun Jahre lang nicht draussen gewesen sei. «Er hatte langes Haar, einen schmutzigen Bart, trug alte Kleider und sah verwirrt aus. Er sagte, dass er weggelaufen sei und Hilfe brauche», erzählte der Wirt (Bild) lokalen Medien. Als die alarmierte Polizei die Farm stürmte, entdeckte sie eine Treppe zum Keller hinter einem Schrank im Wohnzimmer. Fenster und Türen sollen nach Angaben eines Zeugen komplett vernagelt gewesen sein. Nach Angaben der Behörden sind alle Kinder volljährig. Die Familie hatte keinen Kontakt zur Aussenwelt. Sie soll auf das «Ende der Zeit» gewartet haben. Noch ist nicht bekannt, wo sich die Mutter befindet. Die Ermittler vermuten, dass sie auf dem Gelände begraben ist.

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Der Fall entsetzt: Ein Mann soll in den Niederlanden seine sechs Kinder in einem Bauernhof versteckt haben – neun Jahre lang. Dort warteten sie laut ersten Erkenntnissen auf das «Ende der Zeiten». Erst als der älteste Sohn fliehen konnte und am Sonntag in einer Kneipe Alarm schlug, kam die Polizei dem Mann auf die Schliche. Zeugenaussagen zeigen, wie verworren der Fall ist.

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Wirt und Gäste der Beiz

Wie der Wirt der betroffenen Beiz gegenüber den Medien erklärt, war der 25-Jährige bereits zum zweiten Mal bei ihm, als er um Hilfe bat. Schon anderthalb Wochen zuvor sei er aufgetaucht. Damals habe er in Eile fünf Bier getrunken und sei dann wieder gegangen. Gegenüber anderen Gästen habe er von einem seltsamen Glauben gesprochen, zitiert die «Bild» die niederländische Zeitung «AD». «Er sagte, Tageslicht sei schlecht», sagt ein Mann. «Als wir fragten, ob es ein Kult sei, wusste er nicht, was dieses Wort bedeutet.»

Gleichzeitig schreibt «AD», dass der 25-Jährige seit Anfang des Jahres in den sozialen Medien sehr aktiv gewesen sei. In den letzten Tagen hat er Fotos aus dem Dorf gepostet, in dem die Familie lebte. Auf Facebook gibt er ausserdem an, für eine Firma zu arbeiten. Diese gehört Josef B., dem Hauptmieter des Hofs, wie «De Stenor» schreibt.

Nachbarn der Familie

Versorgt worden ist die Familie laut dem 25-jährigen Sohn von einer Person, die nicht zur Familie gehört. Nachbarn sagten zudem aus, sie hätten immer nur einen Mann im Garten gesehen. «Der Mann war jeden Tag da. Von den Kindern hatte ich keine Ahnung. Ich bin völlig überrascht», sagt einer von ihnen. Fremde seien offenbar nicht gern gesehen gewesen. «Wenn man nur in die Nähe kam, schickte er einen weg», sagt ein Anwohner. In einem Baum habe er eine Kamera entdeckt, sagt ein anderer zu «rtv drenthe». Er habe immer gedacht, dass Drogen im Spiel seien. Mehrmals sei ein Polizeiauto beim Grundstück vorgefahren. «Der Mann weigerte sich aber, die Polizei auf den Hof zu lassen.» Hätten sie von den Menschen Haus gewusst, hätte die Nachbarschaft längst etwas unternommen.

Auch Dorfbewohner Mike war Jan begegnet. Der 25-Jährige fiel ihm auf, weil er alte Kleider trug, lange Haare und einen ungepflegten Bart hatte. Mike unterhielt sich mit dem verwirrten 25-Jährigen. «Beim ersten Gespräch gab er an, dass er nicht mehr nach Hause gehen könne», sagt Mike dem Portal Hart van Nederland. Eine Woche später kam es erneut zu einer Begegnung. Dabei fiel Mike auf, dass Jan lange überlegte, bevor er auf die Fragen des Unbekannten antwortete. «Manchmal zweifelte er oder lachte ein wenig.» Mike erzählte er, dass er Hilfe für seinen Vater suche, der vor drei Jahren einen Schlaganfall erlitten hätte. Bis anhin habe noch kein Arzt seinen Vater gesehen.

Die Besitzerin des Hofs

Auch die Besitzerin des Hofs ahnte nichts von den Zuständen auf dem Grundstück. «Ich bin wirklich erstaunt, das alles zu hören», sagt sie gegenüber «OE24». Josef B. habe die Miete immer pünktlich gezahlt.

Josef, der Österreicher

Wie die Familie heisst, die im Bauernhaus lebte, wissen die Nachbarn nicht. Den Mann, der täglich vorbeikam, nannten sie lediglich Josef, den Österreicher. Er wurde nach Bekanntwerden des Falls festgenommen. Das österreichische Aussenministerium bestätigte seine Nationalität. Gemäss der «Kronen Zeitung» handelt es sich um Josef B., einen gebürtigen Wiener, der 2010 in die Niederlande auswanderte. In welchem Verhältnis der Mann zur Familie steht, ist noch unklar.

Die Ermittler stellten an einer Pressekonferenz am Dienstagabend einige falsche Informationen, die am Morgen in den niederländischen Medien verbreitet worden waren, klar: So sollen der Vater und seine sechs Kinder offenbar nicht im Keller der Farm gewohnt haben, sondern in «provisorisch eingerichteten Räumen». Die Kinder seien im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Die Mutter soll noch vor dem Einzug der Familie im Bauernhof gestorben sein.

(vro/kle)