Thailand-Experte

19. August 2015 05:39; Akt: 19.08.2015 11:02 Print

«Ich kann mir jetzt einen Bürgerkrieg vorstellen»

Der Anschlag in Thailand war nur die Spitze eines gefährlichen Konflikts. Experte Wolfram Schaffar erklärt.

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Grosse Anteilnahme: Menschen zünden am 18. August 2015 Kerzen für die 22 Todesopfer an. In der Nähe des Erawan-Schreins gedenken Menschen der Opfer des Attentats. Unter den Todesopfern befindet sich laut dem britischen Aussenministerium auch eine Britin: Die Polizei riegelt den Tatort beim Erawan-Schrein ab. Die Polizei veröffentlicht ein Bild eines Verdächtigen, aufgenommen von einer Überwachungskamera. Er geht mit einem schwarzen Rucksack zum Erawan-Schrein ... (18. August 2015) ... und kehrt ohne zurück. Der junge Mann konnte bislang nicht identifiziert werden. Menschen spenden Blut beim Roten Kreuz in Bangkok. Ein Bild einer Überwachungskamera soll die Explosion vom 18. August beim Sathorn Pier zeigen. Polizisten untersuchen den zweiten Tatort. Aufregung beim Sathorn Pier: Eine Granate wurde von einer Brücke geworfen, verfehlte aber das Pier. Nahe dem Erawan-Schrein legen die Menschen Blumen und Kondolenzschreiben nieder. Die Trauer bei den Angehörigen ist gross. Ein Bild der Zerstörung: Der Ort der Explosion am Tag danach. (18. August 2015) Eine erste Spur führt in den Norden des Landes: Forensiker untersuchen den Tatort. Der Tatort am Tag danach: Experten untersuchen den Erawan-Schrein. (18. August 2015) Die Bombe zerstörte sich auch selbst weitgehend: Polizist sichtet Spuren. (18. August 2015) Polizisten, Rettungskräfte und Armeeangehörige versuchen, sich einen Überblick zu verschaffen. (17. August 2015) Schwere Explosion im Zentrum Bangkoks: Ein Polizist am Ort des Geschehens. (17. August 2015) Grosse Hektik nach der Explosion: Hilfskräfte versuchen, sich einen Überblick zu verschaffen. Die Behörden gehen von einem Bombenanschlag aus: Zerstörte Motorräder nahe der Explosionsstelle. Rettungskräfte versuchen, verletzte Menschen in die Spitäler zu transportieren. Soldaten sehen sich die Auswirkungen der Explosion rund um den Erawan-Schrein an. Ein Bild der Verwüstung in Bangkok. Ein thailändischer Soldat ist über die Schäden der Explosion sichtlich geschockt. Viele Motorräder sind ausgebrannt. Ein Polizist fotografiert den Tatort. Unzählige Trümmer liegen auf den Trottoirs und Strassen bei der Unglücksstelle. Die Behörden versuchen, sich ein Bild über die Verwüstungen der Detonation zu machen. Kein Durchkommen: Soldaten und Polizisten sperren das Gelände ab. So hat der Unglücksort ausgesehen: Der Erawan-Schrein im Jahr 1999.

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Herr Schaffar, muss man sich nach dem Attentat beim Erawan-Schrein Sorgen um Thailand machen?
Das müsste man eigentlich schon seit langer Zeit. Das Regime konnte die Ruhe schon seit es im Mai 2014 an die Macht gekommen ist nur durch massive Repression aufrechterhalten. Es gab im ganzen Land Ausgangssperren und ein Verbot von politischen Versammlungen. Die Opposition wird bis heute systematisch unterdrückt. Das, was bisher an Thailand gelobt wurde, also dass es so sicher und so ruhig war, ist nur das Ergebnis dieser repressiven Politik.

Hat sich der Terror der letzten Tage schon vorher abgezeichnet?
Ja, ganz klar. Es gibt ja im Süden von Thailand schon einen offenen Bürgerkrieg, der seit zehn Jahren mit unterschiedlicher Intensität tobt. Die muslimischen Malaien, die dort leben, verlangen Autonomie oder wollen sich vom Rest des Landes abspalten. In Thailand ist zwar noch nie wahrnehmbare Gewalt von dort aus in die Hauptstadt geschwappt. In anderen südostasiatischen Staaten mit ähnlichen Problemen war das aber so.

Auch gibt es den Konflikt zwischen der Partei der Rothemden, die mehr Demokratie für das Land fordert, und den Gelbhemden, die gerade an der Macht sind. Die Gelbhemden behaupten schon lange, die Rothemden seien bewaffnet und planten einen Aufstand – auch wenn das bisher eher lächerlich klang. Kurz gesagt: Es war eigentlich immer erklärungsbedürftig, wieso es in Bangkok nicht zu Gewalt kam.

Bisher hat sich niemand zum Anschlag in Bangkok bekannt. Was glauben Sie, wer hat die Bombe gezündet?
Ich versuche gerade zu verfolgen, welche Theorien im Raum stehen. Keine scheint mir im Moment sinnvoll. Die Anschläge der Malaien haben sich meist gegen Vertreter des Staates und vor allem des Schulsystems gerichtet. Die sind beispielsweise mit Motorrädern vor einer Schule vorgefahren und haben Lehrer vor den Augen ihrer Schüler erschossen. Ein Anschlag auf ein hinduistisches Monument passt nicht zur Handschrift der muslimischen Rebellen.

Also waren es die Rothemden?
Auch zu ihnen passt dieser Anschlag nicht. Die Rothemden sind nie durch terroristische Anschläge hervorgetreten – und schon gar nicht gegenüber Ausländern. Fast alle Gruppen im Land haben bisher ihren Feind in anderen Thais gesehen. Angriffe gegen Aussenstehende gab es bisher noch nicht. Man war sowohl beim Regime als auch bei den Rothemden sehr darauf bedacht, die Fassade zu wahren.

Welche Rolle spielt die Regierung?
Man muss sich das so vorstellen: Bei einem normalen Putsch sagen die Putschisten: «Wir übernehmen die Macht für kurze Zeit, um das kaputte System im Land wiederherzustellen. Dann veranstalten wir Wahlen und alles wird gut.» In diesem Fall haben die Generäle aber von Anfang an gesagt, dass sie keine Lust darauf haben, die Macht wieder abzugeben, als sie 2014 die Präsidentin absetzten. Das hat Thailand in eine Situation gebracht, die das Land bisher noch nicht kannte. Zudem setzen die Generäle ihre Pläne ohne Rücksicht auf die Bevölkerung durch. Das führt zu unglaublichen Spannungen im ganzen Land.

Ziel des Anschlags war der Erawan-Schrein. Gibt es dafür einen Grund?
Die Strasse beim Schrein ist symbolträchtig. Dort trafen sich 2010 die Rothemden zu den Demonstrationen gegen die erste Militär-Junta. Dort walzten die Panzer der Generäle die Proteste aber auch blutig nieder. Zu den neunzig bis hundert Menschen, die damals starben, gab es bis heute keine Aufklärung. Dieser Boden ist also mit Blut eines ungelösten Konflikts befleckt.

Zum ersten Mal wurden in Thailand Touristen angegriffen. Was bedeutet das?
Ich denke, in diesem Fall wurden die Touristen nicht angegriffen, weil man den Westen mit seinen Liberalen Werten ablehnt – so wie das im Moment beispielsweise in Ägypten geschieht. Eher scheint es so zu sein, dass damit ein Schwachpunkt des Regimes getroffen werden soll. Also, dass der Tourismus attackiert wird um die jetzige Regierung unter massiven Druck zu setzen. Der Tourismus ist eine enorm wichtige wirtschaftliche Lebensader Thailands. Dass die Angreifer so weit gehen, ihn anzugreifen, sagt viel aus.

Würden Sie zum jetzigen Zeitpunkt von einer Thailandreise abraten?
Ich würde es davon abhängig machen, was in den nächsten Tagen passiert. Wenn sich der Anschlag als der Auftakt zu einem generellen Gewaltausbruch im Land herausstellt, muss man sich eine Thailand-Reise schon gut überlegen. Dass die Situation in Thailand eskaliert, könnte ich mir gut vorstellen.

Heisst das, sie können sich einen Bürgerkrieg vorstellen?
Ja, das Konfliktpotenzial ist riesig. In den letzten zehn Jahren wurden wir von Thailand immer wieder negativ überrascht. Es ist unglaublich, wie unlösbar die Konflikte erscheinen und wie ungeschickt sich die Eliten bei deren Lösung anstellen. Wenn dieser Konflikt jetzt tatsächlich eskaliert, darf man sich nicht wundern.

Sind Sie zurzeit in Bangkok? Melden Sie sich auf feedback@20minuten.ch

(nsa)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Martin J. am 19.08.2015 08:40 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr schade was da passiert

    Ich war 2009 in Thailand und auch damals wurde von Panzern und Gewalt in Bangkok berichtet. Wir hatten eine gute Zeit und konnten die interessante Kultur, die netten Menschen und das schöne Wetter geniessen. Es ist, wie hier beschrieben, ein Konflikt im eigenen Land und nicht gegen Fremde. Ich fände es sehr schade wenn nun der Tourismus darunter leidet, weil die Bevölkerung kann nichts dafür und das Land braucht das Geld. Ich wünsche Thailand alles Gute und dass es nicht zu einem noch schlimmeren Bürgerkrieg verkommt. Und allen Thais: Haltet zusammen und offene Wahlen hättet ihr verdient.

  • Jürg Hölzle am 19.08.2015 09:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bürgerkrieg wohl eher unwahrscheinlich

    Die Situation ist sicher nicht einfach. Nach neusten Meldungen kommen beide Anschläge vom demselben (kleinen?) Personenkreis. Bis jetzt hat keine der beiden massgebendem politischen Strömung die Anschläge in irgendeiner Form zum eigenen Nutzen verwendet. Ich lebe nun seit ein paar Jahren in Thailand und habe eine recht grosse Verwandtschaft hier. Die Thailänder sind sich der grossen Konflikte müde und wollen ihre Ruhe haben. Ich denke, dass der Autor mit seinen Befürchtungen eines bevorstehenden Bürgerkrieges falsch liegt (hoffentlich!).

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  • Lydia am 19.08.2015 09:02 Report Diesen Beitrag melden

    Und bei uns ?

    Meine Befürchtungen sind, dass so etwa auch bei uns passieren kann, wenn verschiedene ethnische Gruppen bei uns zu gross und mächtig werden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dieter Müller am 20.08.2015 13:15 Report Diesen Beitrag melden

    Stolzes Volk

    Wenigstens machen es die Thais unter sich aus, was man von anderen Ländern und deren Bevölkerung leider nicht behaupten kann. Sonst hätten wir nicht so viele Flüchtlinge hier - aber keine aus Thailand.

  • Dill Dabb am 20.08.2015 11:48 Report Diesen Beitrag melden

    Panikmacherei!

    Ach was, da will sich wohl jemand profilieren. Das ist totale Panikmache und trifft die Situation im Land überhaupt nicht! Ein Bürgerkrieg ist seit das Militär die Macht übernahm in weite Ferne gerückt und die Bevölkerung ist wie geeint!

  • ruedi meier am 19.08.2015 19:58 Report Diesen Beitrag melden

    Schade ... ein so tolles Land/Menschen

    habe eben die Tagesschau gesehen und div. Schweizer Unternehmer in Bangkok jammern wegen der Anschläge, aber erstens ist es nicht Hauptreisezeit (Juli/August) für Thailand und zweitens kränkelt die Wirtschaft seit 2007 als sich die Roten und die Gelben bekriegten!! Thailand hat seit den 80zigern sehr grosse interne Probleme!! Ich war 1985 beim Militärputsch vorort und auch 2007, also mai pen rai! Die Touris werden kaum berührt und kriegen oft nichts mit. ps. bin nicht mit einer Thai verheiratet, aber spreche Thai

  • Kurt Ernst Huldi am 19.08.2015 16:36 Report Diesen Beitrag melden

    Pensionaer

    Meine wenigkeit lebt seit 20 Jahren in Thailand, seit 7 Jahren als Pensionaer, 13 Jahre als Manager-Vicepraesident einer grossen Thai-Group. Was dieser "Experte" zur derzeitigen Lage in Thailand von Stapel laesst ist mehr den neben "den Schuhen". Ein Buergerkrieg sei nicht ausgeschlossen, was fuer ein Bloedsinn. Kennt dieser "Experte" ueberhaupt die thailaendische Geschichte. Was jetzt in Thailand z.Zt. "abgeht" wiederholt sich alle 4 bis 6 Jahre, immer wieder. Die thailaendische Bevoelkerung, ob "gelb oder rot" konnte und kann damit umgehen und wird es auch diesmal koennen.

    • Fischer am 19.08.2015 17:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Sie sprechen wahr...

      Ich kann Ihre Meinung vollständig bestätigen. Das ist auch meine Wahrnehmung. Ich kann seit sieben Jahren vertieft Einblick nehmen in die thailändische Kultur sowie dem sozialen und politischen System.

    • K. am 19.08.2015 17:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Alles möglich leider

      Ich denke so Unrecht hat der Herr Professor nicht. Wenn der König nicht mehr lebt (praktisch alle Thais verehren ihn) dann könnten wirklich Bürgerkriegsähnliche Zustände ausbrechen. Wenn man sieht wie fanatisch und unversöhnlich sich die beiden Lager (gelb und rot) gegenüberstehen. Bin kein Fan von Thaksin aber genauso wenig von den korrupten Bangkoker Eliten und dieser Suthep ist ja einer der korruptesten Figuren überhaupt.

    • Auswanderer am 19.08.2015 17:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Recht

      Ich stimme ihnen 100%zu, wenn der König nicht mehr ist kann es gefährlich werden, der Sohn ist nicht beliebt bei der Thaielite, er ist auf der Seite der Rothemden, der Rest der Königsfamilie auf Seiten der Gelbhemden, auch Armee und Polizei haben das Heu nicht auf der gleichen Bühne, im Hintergrund brodelt es gewaltig. KORRUPTION ist nach wie vor das größte Problem in Thailand . Ich hoffe,dass es ruhig bleibt, da ich auch schon einige Jahre in Thailand lebe und zwar im ISAN und in Phuket, ich wünsche es den Thais ,dass es friedlich bleibt.

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  • Bible am 19.08.2015 16:18 Report Diesen Beitrag melden

    Und der soll Experte sein? Richtigstellu

    Tatsache ist, dass Thailand, seit die Armee die Regierung von Shinawatra ausschaltete, erheblich sicherer geworden. Das Militär weist die undurchsichtige Oberliga des Landes in die Schranken und kämpft gegen Kriminalität, Korruption und politische Machtkämpfe. Unter der Armee-Führung wird es kaum einen Bürgerkrieg geben, viel eher aber, wenn die herkömmliche Polit-Mafia wieder an der Macht ist. Dank des Militär-Regimes werden in Thailand vermehrt Menschenrechte respektiert, was zuvor unter Thaksin kaum geschehen ist. Letzterer glänzte nur durch leere Versprechungen und den Kauf der Ärmeren.

    • Fischer am 19.08.2015 17:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      So ist es...

      Ich kann Ihre Meinung bestätigen. Das ist auch meine Wahrnehmung. Ich kann seit sieben Jahren vertieft Einblick nehmen in die thailändische Kultur sowie dem sozialen und politischen System.

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