Sie twittert live aus Gaza

30. Juli 2014 20:59; Akt: 30.07.2014 20:59 Print

«Ich könnte heute Nacht sterben»

Um ihr persönliches Erleben an die Öffentlichkeit zu tragen, greifen die Gaza-Bewohner zu Twitter. Besonders populär ist die 16-jährige Farah Baker alias @Farah_Gazan.

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Eines der Fotos von Farah Baker, die in Gaza den Krieg miterlebt und auf Twitter darüber berichtet. (Bild: Twitter @farah_gazan)

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Quasi über Nacht ist die 16-jährige Farah Baker auf dem Kurznachrichtendienst Twitter von einigen Tausend zu über 85'000 Followern gekommen. Der Grund: Die junge Palästinenserin tweetet live von den israelischen Luftangriffen auf Gaza. Ihr Nachrichtenstrom hat etwas vom Tagebuch einer Jugendlichen, die voller Angst und Fassungslosigkeit eine Militäroffensive verfolgt, deren Ende noch völlig offen ist.



«Das passiert in meiner Umgebung. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Ich könnte heute Nacht sterben», postete die junge Frau am Montagmorgen gegen 1 Uhr. Dazu lud sie ein unscharfes Foto hoch, das einen von israelischen Leuchtraketen erhellten Nachthimmel zeigen soll.

Aus erster Hand, mit Multimedia

Zuvor hatte Farah bereits von der «schlimmsten Nacht in diesem Krieg» geschrieben. Auf ihrem Twitter-Konto postet sie neben kurzen Videoclips auch Audiodateien, die nahe Explosionen sowie das unablässige Brummen der Drohnen über Gaza wiedergeben:



«Das ist eine von Hunderten Bomben, die ich höre. Gaza. DU MUSST ZUHÖREN», schreibt @Farah_Gazan zu einem Audioclip, den sie von ausserhalb ihres Zimmers aufgenommen hat.

Fara schreibt zumeist auf Englisch. Zusammen mit anderen Twitter-Nutzern wie dem 20-jährigen Mohammed Suliman mit 38’000 Followern (@imPalestine) geniesst sie mittlerweile auch international Aufmerksamkeit. Grosse US-Sender interviewten sie.

«Israel verliert Krieg um öffentliche Meinung»

Während Israels letzter Offensive in Gaza – der Operation «Gegossenes Blei» von Anfang Januar 2009 – steckten die sozialen Medien noch in den Kinderschuhen. Mittlerweile nutzen viele Menschen in Gaza Plattformen wie Facebook und Twitter, um ihre Botschaften in die Welt zu tragen.

Manche Experten glauben, dass die jungen Menschen vor Ort Israel informationstechnisch vor eine grosse Herausforderung stellen. Der Hashtag #GazaUnderAttack etwa wird rund 300'000 Mal täglich verwendet, während #Israelunderfire bloss rund 10'000 Mal getweetet wird. Das ist ein Hinweis auf den Grad der Mobilisierung in Online-Netzwerken.

«Den Krieg um die öffentliche Meinung hat Israel international verloren», meint etwa Paul Bell von der Kommunikationsberatung Albany. Er weist dabei auf die Bilder hin, die jeden Tag aus Gaza kommen.

Graben zwischen Generationen

Eine Gallup-Umfrage beim traditionellen Verbündeten USA zeigt zwar, dass dort die Unterstützung für Israel nach wie vor stark ist. Doch gibt es eine Kluft zwischen den Generationen: Insgesamt halten 42 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikane das Vorgehen Israels in Gaza für gerechtfertigt. Bei den über 65-Jährigen beträgt der Anteil der Israel-Unterstützer 55 Prozent, bei den 18 bis 29-Jährigen indes nur 25 Prozent. Eine Ursache für die Differenz könnte sein, dass die Jüngeren mehr Zeit in Online-Netzwerken verbringen, wo Echtzeit-Berichte hoch im Kurs stehen – zum Beispiel Tweets von Farah Baker.

(sut/sda)