Racheakte im Irak

22. Juli 2017 18:38; Akt: 22.07.2017 18:38 Print

«Ich werde ihre Leichen an einem Pfahl aufknüpfen»

Mitglieder der irakischen Armee machen mehr als nur Jagd auf mutmassliche IS-Anhänger. Aus Rache verüben sie Selbstjustiz.

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«Ich werde sie langsam sterben lassen», sagt der irakische Leutnant. «Dann werde ich ihre Leichen an einem Laternenpfosten aufknöpfen. Aber vorher sollen sie mir verraten, wo sie die Leiche meines Vaters verscharrt haben.»

Der Mann, der namentlich nicht genannt wird, will zwei IS-Kämpfer aus seinem Dorf finden. Sie sollen seinen Vater, seinen Onkel und rund ein Dutzend Angehörige und Freunde des Leutnants ermordet haben. Jetzt will er Rache, und sein Rachefeldzug hat längst begonnen: Er hat gefangene IS-Kämpfer verhört und danach «auf der Stelle» erschossen, wie er unumwunden zugibt. «Meine Rache ist nicht egoistisch. Ich tue das für alle Iraker.»

Soldaten stossen Gefangene von Mauer

Auf seinem Handy hat er ein altes Bild der beiden Männer gespeichert. Andere Soldaten wüssten von seiner Suche und würden ihm dabei helfen.

Der irakische Leutnant ist nicht der Einzige, der Selbstjustiz verübt. Es gibt zahlreiche Videos irakischer Soldaten, die in Mosul und Umgebung mehr als nur Jagd auf IS-Anhänger machen.

Aufnahmen zeigen, wie Mitglieder der irakischen Armee mutmassliche IS-Leute in der Nähe des Tigris von einer hohen Mauer stossen. Danach feuern sie in die Tiefe. Auf anderen Bildern ist ein Soldat zu sehen, der einen auf dem Boden knienden Mann erschiesst.

Für viele gilt Kriegsrecht nicht für IS-Gefangene

Vier weitere Soldaten aus drei verschiedenen Einheiten erklären gegenüber der Nachrichtenagentur AP, dass sie und ihre Truppe unbewaffnete und gefangene IS-Verdächtige getötet hätten. Ihr Tun verteidigen sie: Der Kampf gegen den IS und seine Anhänger fällt in ihren Augen nicht unter die Regeln des Kriegsrechts. Zu grausam habe die Terrormiliz in den letzten Jahren im Land gewütet.

Mit dieser Einstellung riskiert das Land, sich wieder in der Gewaltspirale zu verfangen. Der Machtmissbrauch irakischer Soldaten werde letztlich wieder dazu führen, dass junge Sunniten sich wieder extremistischen Gruppierungen anschliessen würden, warnt etwa die Menschenrechtsorganisation Human Right Watch.

So droht sich die blutige Geschichte zu wiederholen: Der Konflikt zwischen den Sunniten und Schiiten ging über zehn Jahre mit Misshandlungen, willkürlichen Festsetzungen, Folter und Selbstjustiz einher – und trieb der al-Qaida im Irak und späteren IS massenhaft Rekruten in die Arme, die sich gegen das verübte Unrecht wehren wollten.

Al-Abadi räumt Menschenrechtsverletzungen ein

Zwar hat der irakische Ministerpräsident Haidar al-Abadi diese Woche Menschenrechtsverletzungen bei den Kämpfen zur Rückeroberung Mosuls eingeräumt. Das seien aber Einzelfälle, relativierte der Regierungschef.

Die Täter würden zur Verantwortung gezogen, solche Handlungen nicht toleriert. Al-Abadi äusserte allerdings auch die Vermutung, die Soldaten hätten eine Vereinbarung mit dem IS geschlossen, «um uns und die Sicherheitskräfte zu verleumden».

Bislang wurde noch kein Militärangehöriger für Racheakte an Gefangenen zur Verantwortung gezogen.

(gux/ap)