Syrien

08. Oktober 2019 18:46; Akt: 09.10.2019 09:02 Print

Schweizer Kurden fürchten Angriffe auf ihre Familien

US-Präsident Donald Trump zieht die amerikanischen Truppen aus Nordsyrien ab. Die türkische Ankündigung einer Militäroffensive verunsichert viele Schweizer Kurden.

Bildstrecke im Grossformat »
Laut eines Beraters des türkischen Präsidenten Erdogan, werden die türkischen Truppen in Kürze in Syrien einmarschieren. Plötzlich ging alles sehr schnell: Nach einem Telefongespräch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan am Sonntagabend kündigte US-Präsident Donald Trump an, die noch verbleibenden US-Truppen aus der syrisch-türkischen Grenzregion abzuziehen. Kurz darauf erklärte Erdogan, die Militäroffensive auf das von den Kurden kontrollierte Gebiet in Nordsyrien könne jederzeit beginnen. Im Bild: Artillerie der türkischen Armee an der syrischen Grenze (6. Oktober 2019). Mit dem Militäreinsatz will Erdogan einerseits die kurdische YPG-Miliz, die das Rückgrat im Kampf gegen den IS bildete, vertreiben. Andererseits plant der türkische Präsident, eine Pufferzone von 30 Kilometern einzurichten und dorthin einen grossen Teil der 3,6 Millionen syrischen Flüchtlinge, die die Türkei aufgenommen hat, umzusiedeln. Kurdenvertreter gaben sich kämpferisch: «Wir verteidigen Nordostsyrien um jeden Preis», so Mustafa Bali, der Sprecher der von den Kurden dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte auf Twitter. In den USA sorgte der Truppenabzug für massive Kritik. Führende Republikaner warfen Trump im Angesicht einer erwarteten Militäroffensive der Türkei vor, die Kurdenmilizen in Nordsyrien im Stich zu lassen. In der Schweiz leben schätzungsweise zwischen 30000 und 40000 Kurden. Erdogans Ankündigung der Offensive wühlt die Gemeinschaft auf. Viele von ihnen sorgen sich um ihre Familie und Freunde.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump kam überraschend: Nach einem Telefongespräch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan am Sonntagabend kündigte er kurzerhand an, die noch verbleibenden US-Truppen aus der syrisch-türkischen Grenzregion abzuziehen. Kurz darauf erklärte Erdogan, die Militäroffensive auf das von den Kurden kontrollierte Gebiet in Nordsyrien könne jederzeit beginnen.

Mit dem Militäreinsatz will Erdogan einerseits die kurdische YPG-Miliz, die das Rückgrat im Kampf gegen den IS bildete, vertreiben. Andererseits plant der türkische Präsident, eine Pufferzone von 30 Kilometern einzurichten und dorthin einen grossen Teil der 3,6 Millionen syrischen Flüchtlinge, die die Türkei aufgenommen hat, umzusiedeln. Kurdenvertreter gaben sich kämpferisch: «Wir verteidigen Nordostsyrien um jeden Preis», so Mustafa Bali, der Sprecher der von den Kurden dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte, auf Twitter.

Kritik aus den eigenen Reihen

In den USA sorgte der Truppenabzug für massive Kritik. Führende Republikaner warfen Trump im Angesicht einer erwarteten Militäroffensive der Türkei vor, die Kurdenmilizen in Nordsyrien im Stich zu lassen. Die frühere US-Botschafterin bei der UNO, die Republikanerin Nikki Haley schrieb auf Twitter: «Die Kurden waren massgeblich an unserem erfolgreichen Kampf gegen den IS in Syrien beteiligt. Sie sterben zu lassen, ist ein grosser Fehler.»

In der Schweiz leben schätzungsweise zwischen 30’000 und 40’000 Kurden. Erdogans Ankündigung der Offensive wühlt die Gemeinschaft auf:

Mustapha (19): «Ich mache mir Sorgen»
«Mir selber geht es nicht gut. Ich arbeite zwar, ich lache, aber mein Herz tut weh: Meine Familie lebt in Syrien, erst letztes Jahr mussten sie vor der türkischen Militäroffensive aus Afrin fliehen. Nun leben sie in einem Flüchtlingscamp – sie haben zu wenig Essen, schlechte medizinische Versorgung und es ist kalt. Ich mache mir viele Sorgen um sie.

Wenn die Amerikaner ihre Truppen abziehen, bedeutet das für viele Leute im Grenzgebiet den Tod. Und eine noch grössere Anzahl Leute wird flüchten müssen. Im Kampf gegen den IS haben Hunderte Kurden ihr Leben gelassen. Und das ist der Dank dafür? Amerika sollte die Kurden beschützen und uns nicht Erdogan zum Frass vorwerfen. Das ist einfach nur ein Verrat an den Kurden. Ich wünsche mir nur, dass die Kurden in Frieden leben können.»

Yussuf (19): «Ich schlafe nicht gut»
«Seit ich vom Truppenabzug gehört habe, schlafe ich nicht mehr gut. Ich habe Angst um meine Familie. Dementsprechend oft telefonieren wir. Einschlafen kann ich trotzdem erst sehr spät. Gestern wurde es beispielsweise halb vier Uhr morgens. Zur Arbeit komme ich natürlich trotzdem. Auch meine Familie in Syrien fürchtet sich. Jederzeit könnten die türkischen Truppen einmarschieren. Ich habe jüngere Verwandte, die sind schon ihr ganzes Leben auf der Flucht.»

A. Güngör* (40): «Ein Kilo Tomaten kostete 50 Dollar»
«Ich setze mich bei der Organisation namens «medico international schweiz» mit dem Kurdischen Roten Kreuz für eine bessere medizinische Versorgung der lokalen Bevölkerung und von Flüchtlingen ein. Erst gestern sprach ich mit einem Arzt aus einem Flüchtlingscamp in Shahba. Er erzählte mir, dass die Situation vor Ort sehr angespannt ist. Die Leute wissen nicht, was in den nächsten Stunden, in den nächsten Tagen passiert. Sie sind sehr verunsichert. Sie haben Angst. Bei einem Einmarsch der Türkei gäbe es eine Katastrophe. Es gibt zu viele Flüchtlinge und zu wenig Medizin, zu wenige ausgebildete Fachpersonen – und zu wenig Lebensmittel. Beim türkischen Einmarsch vor einem Jahr kostete ein Kilo Tomaten etwa 50 US-Dollar. Die Leute in diesem Gebiet flüchten nun schon seit acht Jahren – zuerst vor dem Bürgerkrieg, dann vor der Schreckensherrschaft des IS und der Türkei. Und nun geht ihnen das Land zur Flucht aus.»
*A. Güngör ist Projektverantwortliche Kurdistan bei der Organisation medico international schweiz.

Ibrahim Halil Gücük* (31): «Die Wut und Frustration ist enorm»
«Über sechs Jahre lang kämpften die Kurden und die USA Seite an Seite gegen die Terrormiliz IS. Der Kampf ist aber noch nicht zu Ende. Ein Einmarsch der Türkei würde die ganze Region destabilisieren und hätte darum verheerende geopolitische Folgen. Der Entscheid von Trump sorgt dafür in der kurdischen Diaspora für Wut und Frustration. Damit Erdogan an der Macht bleibt, braucht er einen Krieg. Für Angst sorgt, dass seine Truppen schon bereitstehen sollen. Ein Angriff könnte also jederzeit stattfinden. Dadurch ist die psychische Belastung unter der lokalen Bevölkerung enorm.

Es ist umso trauriger, da der kurdische Verwaltungsstaat in der Region als gesellschaftlicher Vorreiter angesehen werden kann. Das Gebiet ist nach Schweizer Vorbild in Kantone aufgeteilt. Frauen bestimmen nicht nur mit, sondern gestalten die Politik aktiv mit. Man versucht alle Minderheiten im Land zu repräsentieren und ihnen eine Stimme zu geben. Dass diese Errungenschaften jetzt in Gefahr sind, ist einfach nur traurig.»

*Ibrahim Halil Gücük ist Sozialarbeiter und Präsident des Kurdischen Kulturvereins Rapperswil-Jona

(dk)