Nordsyrien

12. November 2019 10:18; Akt: 12.11.2019 13:14 Print

IS terrorisiert Flüchtlinge in Christen-Geisterstadt

von Ann Guenter - Wegen der türkischen Offensive sind in Nordsyrien Hunderttausende Menschen geflohen. Sie kommen in kalten Schulen unter – oder einer vom IS terrorisierten Geisterstadt.

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Nur die Wandtafel verrät, dass dies bis vor kurzem ein Klassenzimmer war. 50 kurdische und arabische Familien sind in der Abdul-Kadir-Schule in Tel Tamr untergekommen, nachdem sie im Oktober aus der türkischen «Sicherheitszone» geflohen waren. Die Menschen nahmen das Nötigste mit: Decken und Kleidung, Fotos und Bücher und Geld. Auf dem Pausenplatz der Abdul-Kadir-Schule: Auf dem Basketball-Platz parkieren die Gefährte der Geflohnen. Im Städtchen Tel Tamr stehen die Menschen stundenlang Schlange, um Brot zu kaufen. Er konnte Brot kaufen, bevor das Angebot ausging. Offensichtlich hat der Mann Hunger. Mitte Oktober stösst man rund um die «Sicherheitszone» der Türkei auf Fliehende auf Traktoren, ... ... oder auch auf Mofas. In Tel Nasri. Der IS hatte das alte, assyrisch-christliche Dorf auf dem Höhepunkt seiner Macht eingenommen und seine Bewohner vertrieben. Vereinzelte sind hier immer noch IS-Sprayereien aus zumachen: «Das Kalifat wird ewig leben». Schusslöcher aus der Zeit der IS-Übernahme finden sich überall. Die Terroristen beschossen das Gemeindehaus mit Mörsern und ... ... beschossen die liebevoll gemalten, bunten Wandgemälde. Die Terroristen sprengten ... ... am Ostersonntag 2015 auch die prachtvolle Kirche des Ortes. «Wie prachtvoll sie gewesen sein muss», flüstert Ismails kleiner Sohn, während er auf den zerborstenen Mauerbrocken des Gotteshauses balanciert. Jetzt haben in Tel Nasri Flüchtlinge aus dem Norden die verlassenen Häuser der Christen belegt. Sobald die Sonne untergegangen ist, wird es kalt und ungemütlich. Als dieser Mann erzählt, was er in Serekaniye alles zurück lassen musste, bricht er in Tränen aus. Alle paar Tage versorgt eine lokale NGO die neuen «Bewohner» in Tel Nasri und anderen Dörfern. Prompt kommt es zum Streit bei der Verteilung der Lebensmittel. Jeder Familie steht ein Sack zu. Doch ... ... dieser Mann hat vier Ehefrauen und also vier Familien. Es ist unklar, wie die NGO dieses Problem löste. Sie sind glücklich, ihre Ration erhalten zu haben. Es gibt das Notwendigste zu essen: Reis, Mehl und Lebensmittel aus Konserven. «Wir lassen uns von nichts und niemandem vertreiben», sagt diese Kurdin.

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Auf den Gängen der Abdul-Kadir-Schule stapeln sich Holztische und Bänke zu einem Turm. Der Steinboden ist nass, der Durchzug stark. In den Räumen links und rechts liegen dünne Matratzen am Boden, daneben stehen einfache Gaskocher und einige wenige Töpfe. Nur die Wandtafeln verraten, dass dies bis vor kurzem Klassenzimmer waren.

Die Oberstufenschule des Städtchens Tel Tamr ist zu einem Unterschlupf für Flüchtlinge aus dem Norden des Landes geworden. Hier richtet die Türkei seit Oktober ihre sogenannte Sicherheitszone ein, in die Ankara jene Millionen von Flüchtlinge umsiedeln will, die vor dem syrischen Bürgerkrieg in die Türkei geflohen waren. Dieser Plan sorgt allerdings für neue Vertreibungen: 200'000 Menschen haben gemäss UNO ihr Zuhause zurückgelassen, weil es innerhalb der türkischen «Schutzzone» liegt. Sie kommen im besten Fall bei Verwandten unter. Oder in Schulen wie jener in Tel Tamr.

«Ungläubige: Wir werden euch die Köpfe abschlagen»

50 Familien, Kurden und Araber, aus der rund 30 Kilometer entfernten Grenzstadt Serekaniye hausen mittlerweile hier. «Ich habe hundert Schafe, zwanzig Ziegen und ein Haus, eingerichtet mit Möbeln ausgerechnet aus der Türkei», erzählt Hazane (36). «Das haben die türkischen Soldaten mitgenommen, das meiste wurde in Lastern abtransportiert.» Er zeigt ein Handyfoto, das die Plünderungen durch türkische Kräfte zeigen soll. Verifizieren lässt sich das nicht einwandfrei.

Er weiss das, weil sein arabischer Nachbar in Serekaniye geblieben war und ihn am Telefon über die Plünderungen informierte. Hazane hingegen floh zwei Tage vor der Einnahme aus der Stadt: «Viele aus der Stadt haben übers Telefon Drohnachrichten von den islamistischen Milizen der Türkei erhalten: ‹Ungläubige: Wir sind auf dem Weg. Wenn wir ankommen, werden wir euch allen die Köpfe abschlagen.› Wie konnten wir da bleiben?»

Hazane macht sich auf, um in der Stadt Brot beim Bäcker zu holen. Dort bilden sich jeden Tag meterlange Schlangen von Vertriebenen. «Ich stand schon drei Stunden an und bin mit leeren Händen zurückgekommen», sagt Hazane und fügt an: «Das Brot und auch Wasser gehen uns aus, aber Internet haben wir noch.» Das sind die neuen Kriegsrealitäten.


Geflohene Frauen stehen in Tel Tamr für Brot Schlange.

«Als ob mein Leben immer dünner würde»

Ranja (30) singt das Lied der Vertreibung schon länger. Während der türkischen Offensive «Olivenzeig» floh die einstige Englischlehrerin mit ihrer Mutter 2018 aus Afrin nach Kobane. Hier fand sie als Übersetzerin Arbeit bei einer italienischen NGO. «Im Zug der neuen türkischen Offensive reisten die ausländischen Mitarbeiter ab. Ich weiss nicht, ob sie zurückkommen und wie lange ich noch für diese Organisation arbeiten kann.» Auch Ranja verlässt am 11. Oktober Kobane und flieht nach Hasaka – zum dritten Mal in weniger als zwei Jahren.

Sie hält die Tränen zurück: «Es ist, als ob mein Leben immer dünner würde», sagt sie. «Ich will doch nur ein Leben ohne Angst und Kampf. Ich will doch nur ein Zuhause, das ich mit Fotos und Büchern füllen kann, statt darauf achten zu müssen, dass alles in Säcke und Koffer passt.»

Ihre Scham darüber füllt den ganzen Raum

Die Menschen in Hasaka sind nicht nur wegen der rund 80 Kilometer entfernten Kämpfe besorgt. Auch die Trinkwasserversorgung ist ein Thema. Gleich zu Beginn der Offensive habe die Türkei das Reservoir der Region aus der Luft zerstört, wird uns immer wieder berichtet. Gemäss dem Kurdischen Roten Halbmond sind rund eine halbe Million Menschen betroffen.

«Ich habe heute mit drei PET-Flaschen Wasser duschen müssen, weil aus der Leitung nichts kam», erzählt Ranja, während andere berichten, es komme nur eine grün-bräunliche Flüssigkeit aus den Hähnen. Die Wasserknappheit macht sich auch beim Besuch der Familie Khalil bemerkbar. Während der Vater erzählt, wie sie am 9. Oktober aus Serekaniye nach Hasaka geflohen und seither bei Verwandten untergekommen sind, tischt seine Frau für uns nicht wie sonst üblich Tee oder Kaffee auf, sondern nur ein Glas Wasser, zum Teilen. Ihre Scham darüber füllt den ganzen Raum.

Flüchtlinge in einer christlichen Geisterstadt

Eine weitere Station führt uns nach Tel Nasri. Der IS hatte das alte, assyrisch-christliche Dorf auf dem Höhepunkt seiner Macht eingenommen und seine Bewohner vertrieben. Blutspuren auf Zementsäcken, die einst für den Bau eines Springbrunnens gedacht gewesen waren, zeugen von dieser Zeit ebenso wie IS-Sprayereien («Das Kalifat wird ewig leben») und Hunderte von Einschusslöchern an den Hauswänden. Vor dem IS lebten hier um die 1000 Personen. Seit 2015 ist nur eine Familie zurückgekehrt, Tel Nasri wurde zu einer Geisterstadt.

Jetzt aber haben sich etwa dreissig arabische und kurdische Familien aus den Dörfern im Norden in den leerstehenden Häuser einquartiert. Sie sind mit nicht viel mehr als ein paar Koffern mit Kleidung, Fotos und Büchern nach Tel Nasri gekommen. Alle paar Tage versorgt eine lokale NGO die neuen «Bewohner». Es gibt das Notwendigste zu essen: Reis, Mehl und Lebensmittel aus Konserven. Und viele dicke Decken. Sobald die Sonne untergegangen ist, wird es kalt und ungemütlich.

«Wie prachtvoll sie gewesen sein muss»

«Gestern um drei Uhr nachts hat uns der IS von dort angegriffen», sagt Ismail (46) und zeigt gegen Westen. «Hätten uns die Jungs der Syrian Democratic Forces (SDF, kurdische und arabische Milizverbände, Anm. d. Red.) nicht verteidigt, hätten wir den heutigen Tag nicht überlebt.»

Was für Auswüchse der Hass dieser längst wieder erstarkten Terrorgruppierung annimmt, daran werden die Vertriebenen in Tel Nasri jeden Tag erinnert. Die 80 Jahre alte Kirche des Ortes liegt in Trümmern, vom Altar sind noch weisse Marmorstücke übrig, geschmolzene Ventilatoren baumeln von der Decke.

Die Terroristen hatten die Kirche am Ostersonntag 2015 mit Hunderten Kilo Sprengstoff zerstört. «Wie prachtvoll sie gewesen sein muss», flüstert Ismails kleiner Sohn, während er auf den zerborstenen Mauerbrocken des Gotteshauses balanciert.