Türkei tobt

23. Dezember 2011 14:40; Akt: 23.12.2011 14:48 Print

«Ihr habt selber gnadenlos massakriert»

Frankreich habe selber einen Völkermord begangen. Das wirft der türkische Ministerpräsident Recep Erdogan seinen Kritikern vor. Es ist seine wütende Reaktion darauf, dass Frankreich ein Völkermord-Gesetz verabschiedet hat.

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Der türkische Ministerpräsident Recep Erdogan (links) wirft Nicolas Sarkozy vor, er schüre Rassismus. (Bild: AFP)

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Die Türkei hat Frankreich am Freitag vorgeworfen, während der Kolonialherrschaft in Algerien Völkermord begangen zu haben. 15 Prozent der Bevölkerung seien «gnadenlos massakriert» worden, erklärte Ministerpräsident Recep Erdogan. Er reagierte damit auf die Verabschiedung eines Völkermord-Gesetzes am Donnerstag im französischen Parlament. Es würde die Leugnung des Völkermords an hunderttausenden Armeniern 1915 im damaligen Osmanischen Reich unter Strafe stellen, muss aber noch vom Senat gebilligt werden, was nicht sicher ist.

Die Türkei wehrt sich dagegen, diese Vorgänge als Völkermord zu bezeichnen. In einer ersten Reaktion zog Ankara schon den türkischen Botschafter aus Paris zurück. Regierungschef Erdogan macht den französischen Präsidenten Sarkozy für die Lage verantwortlich.

«Sarkozy heizt Rassismus an»

Erdogan sucht im Streit um das französische Völkermord-Gesetz den Schulterschluss mit Staaten der islamischen Welt. Das Gesetz, das auch die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern im Osmanischen Reich unter Strafe stellt, sei ein Beispiel für Rassismus und Diskriminierung von Muslimen in Frankreich und Europa.

Erdogan griff den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy persönlich an. Sarkozy heize Rassismus an, um Wahlen zu gewinnen, sagte Erdogan am Freitag in Istanbul bei einem Treffen der Organisation der Islamischen Zusammenarbeit (OIC).

Sarkozy schrecke «vor diesem gefährlichen Spiel nicht zurück», sagte Erdogan. Frankreich solle sich mit den Massakern im Algerien-Krieg befassen. Erdogan riet Sarkozy, dazu seinen Vater Pal Sarkozy zu befragen, der als Fremdenlegionär in Algerien im Einsatz gewesen sei.

Zusammenarbeit unterbrochen

Grund für den Streit ist ein Gesetz, welches die französische Nationalversammlung am Donnerstag angenommen hatte. Die Vorlage, die noch vor den Senat kommt, sieht vor, die Leugnung von offiziell anerkannten Völkermorden zu bestrafen.

2001 hatte Frankreich den Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg im Osmanischen Reich anerkannt. Auch wenn international die Meinung vorherrscht, dass es sich bei der Tötung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern um einen Völkermord gehandelt hatte, streitet dies die Türkei bis heute ab. Laut der Türkei handelte es sich um Ereignisse in den Wirren des Krieges mit Toten auf beiden Seiten.

Das französische Gesetz sieht bei der Leugnung eines Völkermords Strafen von bis zu einem Jahr Haft und 45 000 Euro Busse vor. Nach Annahme des Gesetzes kündigte die Türkei die bilaterale Zusammenarbeit mit Frankreich auf.

(sda/ap)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hans Meier am 24.12.2011 11:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausgerechnet Franzosen!

    Ausgerechnet die Franzosen! Über ihr Völkermord bei den Algeriern redet niemand....

  • Ali am 22.12.2011 20:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frankreich

    Die Franzosen sollten sich zuerst mit den Greultaten in Afrika auseinander setzen bevor sie sich in andere Angelegenheiten mischen! Ruanda, Algerien, ....

  • RiyaAzadi am 22.12.2011 23:20 Report Diesen Beitrag melden

    Hiermit erkläre ich..

    Frankreich und die Türkei, zu Mann und Frau. Ich bin zufrieden mit der französischen Abstimmung, doch was ist mit den Massakern, die Frankreich begangen hat? Vergesst die nicht! Zurück zur Türkei: Alle Massaker in der Türkei müssen akzeptiert werden, mit Dêrsim habens die Türken zu gegeben. Wie sie Frauen, Kinder und alte Männer auf brutalste Weise ermordet haben. Nun soll auch akzeptiert werden, dass Atatürk der Zuständige war und die restlichen Massaker sollen auch ans Tageslicht kommen!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Anja Senrich am 24.12.2011 17:19 Report Diesen Beitrag melden

    Frankreich soll sich selber beurteilen!

    Erdogan und die Türkei haben auch recht!

  • Hans Meier am 24.12.2011 11:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausgerechnet Franzosen!

    Ausgerechnet die Franzosen! Über ihr Völkermord bei den Algeriern redet niemand....

  • Marco M am 24.12.2011 08:41 Report Diesen Beitrag melden

    Frankreichs Atomwaffen

    Frankreich hatt seine Atomwaffen in Algerien getestet ohne rücksicht auf die dortige Bevölkerung! Das nenn ich auch Völkermord!

  • Rocky Rockygiani am 24.12.2011 08:29 Report Diesen Beitrag melden

    Demaskierung

    Erdogan beweist aufs Neue, dass die Türkei noch weit entfernt ist von einer Integration in die EU. Er macht auf mich den Eindruck eines kleinen Kindes, das sich partout nicht an Konventionen und Regeln halten will, trotzdem aber umarmt und geliebt werden möchte. Ein solches Verhalten ist einem Kind verzeihbar; einem Staatsführer nicht.

  • icky am 24.12.2011 08:08 Report Diesen Beitrag melden

    Einseitige Sicht

    Ich verstehe Erdogan. Es ist schon sehr auffällig wie immer über die muslimischen Länder gelästert wird. Die schlimmsten Verbrechen stammen ohne Zweifel von der westlichen Welt, davon spricht hier einfach niemand(ausser die deutschen haben da den nötigen Anstand).

    • Urs Schöner am 25.12.2011 15:41 Report Diesen Beitrag melden

      @icky

      Kein Wunder bei Nachrichten wie Zwangsheirat, Beschneidung, Ehrenmorde , Unterdrückung der Frauen ect. Da muss man sich nicht wundern! Die Meinungsfreiheit beinhaltet aber auch die Leugnung von Völkermorden. Falls dies nicht der Fall ist, sollten wir aufhören von Meinungsfreiheit zu sprechen.

    • Nepomuk007 am 25.12.2011 20:28 Report Diesen Beitrag melden

      Belege?

      Welche Verbrechen - ausser den erwähnten - meinen Sie? Und: Nur wenn jemand ein Verbrechen begangen hat, habe ich noch lange nicht das Recht, das gleiche Verbrechen zu verüben!

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