Proteste in Hongkong

17. Juni 2019 02:10; Akt: 17.06.2019 04:04 Print

Demonstrant stürzt von Dach und stirbt

In Hongkong sind am Sonntag zwei Millionen Menschen gegen das umstrittene Auslieferungsgesetz auf die Strasse gegangen. Am Samstag starb ein Demonstrant bei einem Unfall.

Erneut gingen in der ehemaligen Kronkolonie Zehntausende gegen das Auslieferungsgesetz auf die Strasse. (Video: Tamedia)
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Nach dem Protest von gegen zwei Millionen Menschen in Hongkong sind in der Nacht auf Montag hunderte Demonstranten auf der Strasse geblieben. Die Protestierenden weigerten sich, einem Aufruf der Polizei zu folgen und die Strassen zu räumen.

Sie hinderten niemanden daran, zur Arbeit zu kommen und würden erst gehen, wenn Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam komme, um sie anzuhören, antwortete eine Demonstrantin über Mikrofon im Namen der Protestierenden. Die Polizei hatte angekündigt, die Strassen räumen zu wollen.

Nach den Massendemonstrationen vom Wochenende mit nach Angaben der Organisatoren bis zu zwei Millionen Menschen waren einige auch über Nacht vor dem Regierungsgebäude geblieben. Die Polizei entfernte einige Barrieren, die die Protestierenden aufgestellt hatten, setzten jedoch keine Gewalt ein. Die Protestierenden errichteten die Barrikaden später wieder. Am Montagmorgen waren mehrere hundert Menschen vor der Regierungszentrale.

Die Polizei bat um Kooperation. Die Demonstranten antworteten mit Gesängen, einige knieten vor den Beamten auf dem Boden.

Rücktritt gefordert

Die Proteste von Regierungsgegnern in Hongkong gewinnen trotz Zugeständnissen der Peking-treuen Führung weiter an Zulauf: Fast zwei Millionen Menschen seien am Sonntag auf die Strasse gegangen, sagte Jimmy Sham von der Protestgruppe Civil Human Rights Front (CHRF).

Die Demonstranten forderten einen Rücktritt von Regierungschefin Carrie Lam und den völligen Verzicht auf das umstrittene Auslieferungsgesetz. Lam entschuldigte sich zwar für «Defizite in der Regierungsarbeit», lehnte einen Amtsverzicht aber ab.

Nach Angaben der Organisatoren beteiligten sich fast doppelt so viele Menschen an den Protesten wie eine Woche zuvor, als eine Million Demonstranten dem Protestaufruf folgten. Die Polizei, die bei politischen Kundgebungen stets deutlich geringere Teilnehmerzahlen nennt, sprach hingegen von 338'000 Demonstranten.

Die schwarz gekleideten Demonstranten zogen am Sonntag wie bereits eine Woche zuvor von einem Park zum Stadtparlament.

Ein Leser-Reporter, der für eine Woche vor Ort weilt, beschreibt die Situation als mehrheitlich friedlich: «Man sieht Junge, Alte und Familien mit Kleinkindern. Sogar westliche Leute sind dabei. Aber der öffentliche Verkehr ist natürlich eingeschränkt.»

Pläne vorerst auf Eis gelegt

Zwar machte Hongkongs pekingtreue Regierungschefin Carrie Lam am Samstag angesichts der tagelangen Proteste einen Rückzieher und legte das Gesetzesvorhaben auf Eis, die Demonstranten fordern aber, dass die Pläne vollständig aufgegeben werden.

Aus Protest gegen das umstrittene Vorhaben hatte es in den vergangenen Tagen beispiellose Massenproteste und die schwersten politischen Unruhen seit der Übergabe der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong an China 1997 gegeben. Knapp 80 Menschen wurden verletzt, darunter 22 Polizisten. Am Samstag starb ein Demonstrant, der stundenlang auf dem Dach eines Gebäudes gegen das Auslieferungsgesetz demonstriert hatte und dann hinuntergestürzt war.

«Carrie Lams Reaktion ist unaufrichtig»

«Weg mit dem schlimmen Gesetz», skandierten die Demonstranten nun bei ihrem Protestmarsch am Sonntag. «Ihr sollt uns schützen, nicht auf uns schiessen», war auf einem Spruchband zu lesen.

Lams Entscheidung habe den Ärger der Bevölkerung «in keiner Weise» abgemildert, sagte Jimmy Sham von der Civil Human Rights Front (CHRF), der grössten Protestgruppe. Er verglich Lams Vorgehen mit einem «Messer», das in die Stadt gerammt worden sei.

«Carrie Lams Reaktion ist unaufrichtig», sagte der Demonstrant Terence Shek, der mit seinen Kindern zu der Protestaktion gekommen war. «Weil ich weiss, dass die Regierung das Gesetz nicht zurückzieht, habe ich entschieden, heute zu kommen.»

«Die Aussetzung des Auslieferungsgesetzes bedeutet nur, dass Carrie Lam es jederzeit wiederbeleben kann», sagte auch der Aktivist Lee Cheuk Yan.

Vor der Pacific Place Mall bildeten sich am Sonntag lange Schlangen von Protestteilnehmern mit Blumen im Gedenken an den am Samstag ums Leben gekommenen Demonstranten.

(rab/chk/sda)