Von beleidigt bis belustigt

10. Februar 2014 14:34; Akt: 10.02.2014 14:35 Print

«Ihre Putzfrau wird von der SVP ersetzt»

Reaktionen aus dem In- und Ausland auf die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative: Witzig und beleidigt per Twitter, pointiert-nachdenklich in den traditionellen Medien.

Bildstrecke im Grossformat »
Die auf die Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative vom 9. Februar 2014 reichen von witzig bis beleidigt. Mit Humor nimmts dieser Twitterer, der dem SVP-Parteipräsidenten Toni Brunner kurzerhand ein Kopftuch aufs Haupt und einen Besen in die Hand photoshopt. Etwas zynischer diese Reaktion, die darauf hinweist, dass viele Ausländer in der Schweiz schlecht bezahlte Jobs erledigen. In die gleiche Richtung zielt dieser Tweet einer Pflege-Expertin. Höhnische Hinweise auf den sportlichen Erfolg von Kindern von Einbürgern, die der Schweiz zu Ruhm und Ehre verhelfen, fehlten natürlich auch nicht. Was wäre die Schweiz ohne die (eingebürgerten) Secondos? Ein anderer Twitterer befürchtet ein Ableben des Nachtlebens. Sarkastisch dieser Tweet einer eingebürgerten Person. «Lasst uns als nächstes die Touristen abschrecken, die zu uns kommen, unser Bier trinken, unser Fondue essen, die Hotelpreise in die Höhe treiben ...». Beleidigte Reaktionen fehlen ebenfalls nicht auf dem sozialen Netzwerk. «Die Schweiz? Das trifft sich gut, da wollte ich eh nicht hin» Und dann wirds zynisch. «Es sind die Menschen, die gegen Immigration abstimmen, die davon nicht betroffen sind», analysiert diese Twitterin. Trotzdem: Auf das Instrument der Initiative sind einige Menschen im Ausland neidisch. Das Abstimmungsresultat stösst viele in der Schweiz lebende Ausländer vor den Kopf: «Als Ausländer, der seit 13 Jahren in der Schweiz lebt, bin ich wirklich traurig und fühle mich nicht mehr willkommen». Manche lenken den Blick weg von den Ausländern in der Schweiz hin zu den Auslandschweizern: «Einer von zehn Schweizern lebt im Ausland, über die Hälfte davon in Europa. Schon mal über Gegenseitigkeit nachgedacht?» Andere setzen bei ihrem Kommentar auf Ironie: «Ich verstehe, dass ihr Schweizer in Wirklichkeit eine feste Umarmung wolltet. Doch warum sagt ihr das nicht einfach?» «Diese Abstimmung ist ein Witz», meint diese Twitterin ohne zu lachen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Ausgerechnet an dem Tag, als die Schweiz dank einem Sohn von italienischen Einwanderern ihre erste Goldmedaille in Sotschi gewann, stimmte die Mehrheit der Schweizer für die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative. Diesen Widerspruch kommentieren viele Twitterer (siehe Bildstrecke oben) genüsslich. Manche verweisen auch auf die Nati, die ohne eingebürgerte Secondos ein wenig anders aussähe.

Ein Grossteil der Tweets zur gestrigen Abstimmung verlegt sich auf Sarkasmus im Stil von: «Skifahrn kann man auch in Österreich», «Die Bankkonten von reichen Ausländern werden wohl willkommen bleiben» bis zu «Ab sofort müssen die Schweizer Toiletten putzen, Bohnen pflücken, in deutschen Unternehmen an der Kasse stehen/sitzen».

Brunner mit Kopftuch und Besen

Andere zeigen sich nachdenklicher: «Einer von zehn Schweizern lebt im Ausland, über die Hälfte in Europa. Gegenseitigkeit und so?», «Als Ausländer, der seit 13 Jahren in der Schweiz lebt, fühle ich mich wirklich traurig und unwillkommen» oder «Es sind diejenigen Menschen, die von Immigration nicht betroffen sind, die dagegen stimmen».

Doch der Humor kommt nicht zu kurz: «Ich verstehe, dass ihr Schweizer in Wirklichkeit eine feste Umarmung wolltet. Doch warum sagt ihr das nicht einfach?». Oder die Bemerkung «Ihre ausländische Putzfrau wird ab morgen von der SVP ersetzt» zusammen mit einem Photoshop-Bild von Toni Brunner mit Kopftuch und Besen.

Angst als treibender Faktor

Die traditionellen Medien zeigen sich entspannter – wenn auch immer wieder sehr pointiert. «Land des Geldes, Land der Angst», heisst es etwa beim «Spiegel», der die Schweiz als «Nicht-Willensnation» sieht: «Die deutschsprachigen Gebiete wollen nicht zu Deutschland, die Romandie nicht zu Frankreich und das Tessin nicht zu Italien gehören. Also ist man eben Schweizer.» Was das Land zusammenhalte, sei der Wohlstand.

Auch die «Frankfurter Allgemeine» hebt mit der Schlagzeile «Sieg der Angst vor Überfremdung» dieses Grundgefühl als treibenden Faktor für den Erfolg der Initiative. Ebenso Focus Online: «Die Angst der Schweiz vor den grossen Deutschen», titelt das Newsportal und schreibt dazu: «Die kleine Schweiz quält sich mit grossen Problemen. Dabei sind die meisten von denen hausgemacht.»

«Dichtestress? Nicht ganz dicht!»

«Blochers Partei muss dafür sorgen, dass dieser Sieg, mit Polemik erkauft, nicht zum Anfang des Endes des Schweizer Wirtschaftswunders wird», warnt die «Welt» unter dem Titel «Die Schweiz ist ein geteiltes Land». Die «Süddeutsche Zeitung» gibt allerdings zu bedenken: «Liesse man Niederländer, Deutsche oder Franzosen über die Zuwanderung abstimmen, fiele das Ergebnis wohl nicht viel anders aus als in der Schweiz.»

Der Kommentar des ZDF-Moderators Theo Koll zum Schluss: «‹Dichtestress› nennen das die Schweizer. ‹NICHT-ganz-dicht› ist man geneigt zu sagen.»

(kmo)