Festgenommener von Ruinerwold

17. Oktober 2019 09:46; Akt: 17.10.2019 09:46 Print

«Josef B. kam sich besser vor als Jesus»

Am Donnerstag wird Josef B. in den Niederlanden einem Haftrichter vorgeführt. Er hat schon vor Jahren alle Kontakte zu seiner Familie abgebrochen.

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So präsentiert sich Gerrit-Jan van D. auf Facebook. (21. Oktober 2019) Van D. lebte mit seinen sechs Kindern isoliert auf einem Hof in den Niederlanden. Regelmässig vor Ort war auch der Oberösterreicher Josef B. Eine kleine Brücke führt vom Buitenhuizerweg in Ruinerwold über einen kleinen Kanal zum Anwesen. Der 58-jährige gebürtige Wiener Josef B. arbeitete ausserdem in einer Werkstatt in Meppel. Er soll im Fall eine Rolle spielen. Jahre zuvor hatten B. und der Vater der Kinder, Gerrit-Jan van D., in der Ortschaft Hasselt nebeneinander gewohnt. Der einzige offizielle Mieter der abgelegenen Farm von Ruinerwold ist Josef B., bei den Nachbarn lediglich bekannt als «Josef, der Österreicher». Der Zugang wurde von der Polizei abgesperrt, nachdem bekannt geworden war, dass die Familie neun Jahre lang isoliert auf dem Bauernhof gelebt hatte. Polizisten bewachen das Grundstück. Auch sie stehen vor einem Rätsel. Eine Sonderkommission wurde eingerichtet. Der Hof befindet sich im Ort Ruinerwold, der zur Gemeinde De Wolden gehört. In welchem Verhältnis Josef B. zur Familie stand, die auf dem Hof lebte, ist noch nicht ganz klar. Josef B. verweigerte die Kooperation mit der Polizei. Er wurde deshalb festgenommen. Am Donnerstag, 17. Oktober 2019, wurde er einem Haftrichter vorgeführt. Seither sitzt B. in U-Haft. Auch Gerrit-Jan van D. sitzt in U-Haft, weil die Behörden vermuten, dass er seine Kinder gegen ihren Willen im isolierten Haus festgehalten hat. Der 25-jährige Sohn Jan ist am Sonntag, 13. Oktober 2019, in einer Beiz im niederländischen Drenthe aufgetaucht. Der junge Mann ist das älteste der sechs Kinder, die mit ihrem Vater Gerrit Van D. neun Jahre lang auf dem Hof lebten. Auf Social Media postete er seit einiger Zeit immer wieder Fotos und Beiträge. In den Tagen bevor der Fall bekannt wurde waren es vor allem Bilder aus seinem Ort. Hier etwa die reformierte Kirche. Vater Gerrit Van D. soll früher in der Moon-Sekte gewesen sein. Die Familie sei davon überzeugt gewesen, dass Tageslicht schädlich sei. Der Bauernhof liegt abgelegen, umschlossen von Bäumen. Der Fall kam ans Licht, nachdem Jan die Flucht gelungen war. Der 25-Jährige lief in eine Bar in der Ortschaft Drenthe und erzählte dem Besitzer, dass er neun Jahre lang nicht draussen gewesen sei. «Er hatte langes Haar, einen schmutzigen Bart, trug alte Kleider und sah verwirrt aus. Er sagte, dass er weggelaufen sei und Hilfe brauche», erzählte der Wirt (Bild) lokalen Medien. Als die alarmierte Polizei die Farm stürmte, entdeckte sie eine Treppe zum Keller hinter einem Schrank im Wohnzimmer. Fenster und Türen sollen nach Angaben eines Zeugen komplett vernagelt gewesen sein. Nach Angaben der Behörden sind alle Kinder volljährig. Die Familie hatte keinen Kontakt zur Aussenwelt. Sie soll auf das «Ende der Zeit» gewartet haben. Noch ist nicht bekannt, wo sich die Mutter befindet. Die Ermittler vermuten, dass sie auf dem Gelände begraben ist.

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Die Enthüllung sorgte am Dienstag weltweit für Aufsehen: Auf einem Bauernhof in der kleinen Gemeinde Ruinerwold (Niederlande) war eine Familie – ein bettlägriger Vater und seine sechs Kinder im Alter von 18 bis 25 Jahren – entdeckt worden. Sie hausten völlig isoliert in dunklen Räumen, warteten angeblich auf das Ende der Welt.

Der offiziell einzige Bewohner des Hofs, den Nachbarn nur als «Josef, den Österreicher» kannten, wurde festgenommen. Seither fragen sich alle, was genau sich da im Verborgenen hinter Gartenzaun und Hecken des abgeschiedenen Bauernhofs abgespielt hat. Und: Wer ist Josef B.?

Bruder jagte ihn davon

Wie die «Kronen Zeitung» berichtet, ist der Mann eines von fünf Kindern einer Bauernfamilie aus Waldhausen im Bezirk Perg (Oberösterreich). Nach seiner Tischlerlehre rückte er zum Dienst beim Bundesheer ein, wo er angeblich zum ersten Mal mit einer Sekte in Berührung kam.

Sein Bruder Franz erinnert sich: «Er war bei einer Sekte, ist sich selber besser vorgekommen als der Jesus.» Die Familie habe keinen Kontakt mehr zu dem Auswanderer. «Mein Bruder war immer nur auf seinen Vorteil aus. Ich hab ihn verjagt, als er wollte, dass ich für ihn bürge», wird Franz B. weiter zitiert. «Wie ich ihn das letzte Mal vor zehn Jahren gesehen hab, hab ich zu ihm gesagt: ‹Du musst nicht mehr herkommen, schau, wo der Pfeffer wächst. Mit solchen Leuten wie dir will ich nichts zu tun haben.›»

Seither hatte Josef B. alle Brücken zu seiner österreichischen Verwandtschaft abgebrochen, will auch mit den österreichischen Behörden nichts zu tun haben. Auch als vor vier Jahren sein Vater und vor eineinhalb Jahren die Mutter verstarb, sei der heute 58-Jährige nicht zu den Begräbnissen erschienen, so Franz B.

Joseph B. hatte« grosse Überzeugungskraft»

Auch zu seinen leiblichen Kindern – er soll zwei erwachsene Zwillingstöchter mit einer Japanerin haben – soll der Oberösterreicher auf Abstand gegangen sein. Diese soll Josef B. zudem monatelang bei Freunden in den Niederlanden alleine gelassen haben, als sie noch klein waren. Zuletzt hätten die Zwillinge 2017 versucht, wieder Kontakt zu ihrem Vater aufzubauen.

Rund zehn Jahre habe der 58-Jährige im oberösterreichischen Pabneukirchen im Haus einer Erbtante gelebt, ehe er dieses 2009 verkaufte, heisst es in dem Bericht der «Kronen Zeitung» weiter. Auch in Wien war er in der Zeit gemeldet. Parallel dazu dürfte Josef B. aber bereits in den Niederlanden gelebt haben, wie «Heute.at» in Erfahrung brachte. Nachbarn beschreiben den Mann als «freundlich» – allerdings nur «solange es nach seinem Kopf ging». Er habe «grosse Überzeugungskraft» besessen, heisst es.

Viele offene Fragen

Gemäss der niederländischen Polizei wurde die Familie auf dem Hof nicht gefangen gehalten, sagt eine Sprecherin gegenüber «Focus Online». Mittlerweile sei nicht einmal mehr sicher, ob der bettlägerige Mann tatsächlich der Vater der sechs Kinder ist und ob er auch wirklich krank war. Die Menschen hätten ausgesagt, sie seien eine Familie. Beweise dafür gebe es jedoch noch keine. Eine weitere Frage auf der langen Liste, die die Polizei klären muss: Welche Rolle spielt Jan D.? Der 25-Jährige hatte am Sonntag in einer Beiz Hilfe gesucht und erklärt, dass er jahrelang nicht draussen gewesen sei. Doch seit einiger Zeit ist D. auf Social Media aktiv.

(rcp/vro)