Nordkorea-Konflikt

09. August 2017 18:28; Akt: 09.08.2017 18:33 Print

«Kim mag verrückt sein, aber nicht suizidgefährdet»

von Mareike Rehberg - Die Drohungen im Atomkonflikt mit Nordkorea werden immer martialischer. Nuklear-Experte Karl-Heinz Kamp erklärt, warum er nicht mit einem Angriff rechnet.

Die USA und Nordkorea rüsten im Atomstreit verbal weiter auf. (Video: Tamedia Webvideo/AFP)
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Der jüngste Schlagabtausch zwischen den USA und Nordkorea wurde durch einen Bericht der «Washington Post» ausgelöst. Ist Nordkorea in seinem Atomprogramm tatsächlich einen bedeutenden Schritt weitergekommen, wie der Bericht suggeriert?
Wo genau Nordkorea steht, weiss keiner. Alle Tests, die bisher gemacht wurden, sind unterirdisch. Man weiss also nicht, ob eine technische Vorrichtung zur Kernfusion oder Kernspaltung getestet wurde oder ein richtiger miniaturisierter Sprengkopf. Nordkorea hat im Fernsehen einige Gerätschaften gezeigt, die man als Sprengköpfe ansehen könnte. Was sich im Inneren verbirgt, weiss aber keiner. Insofern sollte man bei Zahlen, wie etwa bei den jetzt kolportierten 60 Sprengköpfen, vorsichtig sein. Die Einschätzungen der amerikanischen Geheimdienste zu Nuklearfragen, auf die sich der Bericht bezieht, haben sich ja auch schon ein paar Mal dramatisch geändert, gerade im Fall von Iran, Irak oder Nordkorea.

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Sind die Befürchtungen einer baldigen militärischen Eskalation also übertrieben?
Es ist nicht zu bestreiten, dass Nordkorea vermutlich eine Nuklearmacht ist. Es hat den Schritt geschafft von der rein technischen Beherrschung der Kernspaltung und -fusion hin zu irgendeiner Form von Waffe. Alles, was sie heute noch nicht geschafft haben, werden sie in einer begrenzten Anzahl von Wochen, Monaten oder Jahren schaffen. Die Frage ist also nicht ob, sondern wann Nordkorea zu einem solchen Angriff imstande sein wird.

Werden die verbalen Drohungen zwischen Donald Trump und Kim Jong-un ewig weitergehen?
Das sind natürlich zwei Staatsführer, die beide sehr merkwürdig sind. Kim Jong-un mag verrückt sein, aber er ist nicht suizidgefährdet. Regimes wie seines wollen unter keinen Umständen einen Regimewechsel. Das sind ja keine IS-Soldaten, die im Tod irgendeine besondere Belohnung empfinden. Kim und seine Entourage möchten das relativ angenehme Leben, das sie im Vergleich zum Rest des Landes haben, möglichst lange weiterführen. Damit ist ein solches Regime abschreckbar. Kim weiss, dass sein Land vermutlich aufhören würde zu existieren, wenn er irgendeine Form von militärischer Aggression starten würde, sei es gegen Südkorea oder die USA. Er könnte dummerweise vorher noch sehr grossen Schaden anrichten, weil Seoul in Reichweite der nordkoreanischen Artillerie liegt. Dazu braucht es nicht einmal Atomwaffen. Danach wäre das Regime aber zu Ende. Ich glaube, der Weg von Drohungen hin zu einem tatsächlichen Angriff auf Guam oder Alaska oder einem anderen Ziel ist ein sehr weiter.

Was ist mit Trump?
Trump ist jemand, der zuerst redet und dann denkt. Mit ihm hat das Verhältnis zwischen Nordkorea und den Vereinigten Staaten eine neue Richtung bekommen. Zum einen könnte man sagen: Durch Trump wird für die USA alles schwieriger. Zum anderen wird es aber auch für Nordkorea komplizierter. Denn nach Jahren der Deeskalationspolitik ist da nun ein US-Präsident, der, salopp ausgedrückt, sagt: «Ich hau dir aufs Maul.» Diese wilde politische Rhetorik Trumps verändert das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Kims Drohgebärden. Abschreckung bringt nur etwas, wenn die andere Seite rational abwägt, was die Folgen ihres Tuns wären.

Würde Trump auf seine Berater hören, die auf Deeskalation drängen?
Trumps Rhetorik ist das eine. Bisher hatten seine vollmundigen Ankündigungen aber kaum realpolitische Folgen – weder in Sachen Schwächung der Nato noch in punkto Kündigung von Handelsabkommen oder anderen Vorhaben. Wie er letztendlich handeln wird, kann ich nicht sagen, aber ich glaube, die USA werden keinen präventiven Erstschlag durchführen.

Erst am Samstag hat der UN-Sicherheitsrat die bislang schärfsten Sanktionen gegen Nordkorea verhängt. Offenbar tragen diese nicht zur Mässigung Pyongyangs bei, oder?
Die bisherigen Sanktionen gegen Nordkorea sind ein Signal, aber dieses reicht nicht aus. China ist als Verbündeter Nordkoreas und dessen hauptsächlicher Wirtschaftspartner das einzige Land, das Nordkorea zwingen könnte, sein Atomprogramm zu stoppen. Sanktionen wie Exportverbote für Kohle oder Fisch bringen aber nicht viel – China müsste Nordkorea den Strom abstellen. China befindet sich aber in einer Zwickmühle. Einerseits demonstriert es Nordkorea seine eigene militärische Schlagkraft, wie etwa mit dem jüngsten Militärmanöver vor der koreanischen Küste, das gerade stattfindet. Andererseits ist China nicht an einem Ende des nordkoreanischen Regimes gelegen. Denn wenn sich das Land mit Südkorea wiedervereinigt, bedeutet das eine Stärkung des westlichen Einflusses.

Generell: Wie wahrscheinlich ist eine militärische Eskalation zwischen Nordkorea und den USA?
Ich denke, die Schwelle für eine militärische Aktion ist auf beiden Seiten dramatisch hoch. Allerdings würde sich Europa kaum aus einer militärischen Krise heraushalten können, denn ein nordkoreanischer Angriff etwa auf Alaska würde den Nato-Bündnisfall nach Artikel 5 auslösen. Und ungeachtet dessen, wie wahrscheinlich ein Angriff durch Nordkorea ist oder wie weit das Regime tatsächlich mit seinen Atomwaffen ist: Die Abwehrfähigkeiten der USA sind sehr gut. Zwar sind diese noch nie im Ernstfall getestet worden, aber ich bin zuversichtlich, dass eine von Nordkorea abgeschossene Rakete abgefangen werden könnte. Die Israelis können heute schon die Kassam-Raketen der Palästinenser abfangen und haben dafür nur wenige Minuten Zeit. Die USA beabsichtigen, an der Westküste Raketenschutzschilder zu installieren, sodass ein Angriff Nordkoreas vermutlich abgewehrt werden könnte. Trotzdem hoffe ich, dass wir nicht herausfinden müssen, ob das tatsächlich funktioniert.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Zürcher am 09.08.2017 18:51 Report Diesen Beitrag melden

    Was ist hier los?

    Ich verstehe nicht, wie so viele auf den USA rumhacken, und in Nordkorea ist ein Typ an der Macht, der sein eigenes Volk wie Leibeigene hält, verhungern und ermorden lässt, während er in Saus und Braus lebt. Habt ihr Tomaten auf den Augen? Und übrigens, die USA sprechen nur aus, was die meisten in Europa auch denken, aber dank unserer Kabaretjustiz nicht getrauen öffentlich zu sagen - man muss sich ja für seine Meinung schämen.

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  • Olaf Rustle am 09.08.2017 18:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    NK

    60 Atomsprengköpfe? Das tönt so plausibel wie Saddams Massenvernichtungswaffen...

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  • E.m. am 09.08.2017 20:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich war in Nordkorea

    Kim Jong Un ist nicht dumm und weiss sehr genau, was er tut. Um seine Diktatur und alles was dahinter steht aufrecht zu erhalten, benötigt er eine ständige Bedrohung von Aussen. Die bietet ihm der völlig naive Trump, in dem er auf jede Provokation übertrieben eingeht und mit Flugzeugträgern aufkreuzt. Kim einfach nicht beachten, das bereitet ihm durchaus grössere Probleme, als die unrealistischen Tweets...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Monica am 10.08.2017 08:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Möge Kamp rechthaben!

    Hoffen wir, dass Kamp recht hat! Mir scheint das allerdings mehr Wunschdenken als Realität zu sein. Die sind doch beide Selbstdarsteller und nicht ganz klar im Kopf . Bei einem Präsidenten der USA besonders verheerend!

  • Nüchtern betrachtet am 10.08.2017 08:27 Report Diesen Beitrag melden

    Tag der Wahrheit ?

    Nach etlichen Jahren Sanktionspolitik ist wohl die Lunte gezündet...alle Drohgebärden der Vereinten Nationen wurden seitens NK missachtet, ein Raketentest nach dem anderen mögen nach aussen vielleicht Gelächter an den Tag bringen, allerdings droht NK bis Mitte August die Pläne für einen Angriff auf Guam bereitzustellen. Entweder China spricht ein Machtwort oder die worthülsen aller werden ins Gegenteil umgeschrieben...das Szenario kann sich jeder vorstellen und genug Länder hat es ja die jeden Tag Tod Amerika schreien...da kann ein Schneeball zur Lawine werden. Der USA hat keine andere Wahl

  • Senior am 10.08.2017 08:21 Report Diesen Beitrag melden

    Unverantwortliche Staatsmänner

    Dieser Beitrag ist gut durchdacht, und gemäss aller vernünftiger Logik auch absolut richtig und nachvollziehbar. Nur wie er selbst erwähnt, hat man es da mit zwei sehr speziellen Verantwortlichen zu tun, deren Handlungsweise als unberechenbar einzuschätzen ist. Man kann nur hoffen, dass K.H. Kamp recht behält, und das Ganze nur ein verbales Getöse bleibt.

    • Nüchtern betrachtet am 10.08.2017 16:45 Report Diesen Beitrag melden

      Die Lunte ist im inneren

      Was kommt nach verbal ? Wie soll denn da wieder Ruhe aufkommen ? Wer bestimmt denn das NK nicht weiter an der A-Bombe bauen darf ? Wer soll den NK das verbieten und wenn wie ? Mit Sanktionen ? Schaut mal die Rede von Bill Clinton an zu NK und was ist 18 Jahre später das Resultat? Game over !

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  • i. s. am 10.08.2017 07:57 Report Diesen Beitrag melden

    Was ist hier los?

    @zürcher Ja, der A...von Nordkorea ist ein schlimmer Mensch. Darf ich jedoch aus Wikipedia zitieren zum Thema Welthunger? "In den USA hungerten im Jahr 2005 10,8 Millionen US-Bürger. Insgesamt waren es gar 35 Millionen, also jeder achte US-Amerikaner, die Schwierigkeiten hatten, sich zu ernähren. Offiziell gibt es jedoch keine Hungernden, da die US-Regierung seit dem November 2006 stattdessen von Menschen mit sehr geringer Nahrungssicherheit spricht. Auch das ist Realität

    • Rüedu am 10.08.2017 14:25 Report Diesen Beitrag melden

      i. s.

      Das sind 10% der Bevölkerung der USA. Das zeigt höchstens, dass das reine kapitalitische System der USA, ohne soziale Abfederung wie in der Schweiz oder Europa, ein massives Problem mit gesellschaftlicher Solidarität und politischem Staatsverständnis hat. Diese Zahlen mit Nordkorea zu vergleichen ist schon sehr gewagt.

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  • Realist am 10.08.2017 07:35 Report Diesen Beitrag melden

    Börsenspekulanten

    Irgendwie habe ich das Gefühl, dass beide an der Börse aktiv sind und Puts kaufen um so noch mehr Geld zu machen. Die Börsen reagieren genau in ihrem Sinne...:-(