Vorahnung eines 11-Jährigen

23. Juli 2014 23:10; Akt: 24.07.2014 09:44 Print

«Mama, was ist, wenn der Flieger abstürzt?»

von Kristen Gelineau, AP - Miguel (11) verhielt sich Tage vor seinem Flug mit der Malaysia Airlines merkwürdig. Seiner Mutter stellte er Fragen zum Tod. Ahnte der Junge etwas von der Tragödie?

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Im Schlafzimmer eines Reihenhauses bei Amsterdam fasste Miguel Panduwinata nach seiner Mutter. «Mama, darf ich dich drücken?» Samira Calehr umarmte ihren elfjährigen Sohn, der seit Tagen merkwürdig unruhig war und sie mit Fragen über den Tod, seine Seele und Gott löcherte. Am nächsten Morgen würde sie Miguel und seinen älteren Bruder Shaka zum Flughafen fahren, wo beide auf Flug 17 von Malaysia Airlines gebucht waren. Die Brüder wollten nach Bali fliegen, um ihre Grossmutter zu besuchen.

Eigentlich hätte sich ihr Junge auf die Reise freuen müssen. Sein silberner Koffer stand fertig gepackt im Wohnzimmer. Ihm stand eine herrliche Ferienzeit im Tropenparadies bevor. Doch etwas stimmte nicht. Am Vortag hatte Miguel beim Fussballspielen plötzlich gerufen:

«Wie würdest du sterben wollen? Was passierte mit meinem Körper, wenn ich begraben würde? Würde ich nichts spüren, weil unsere Seelen zurück zu Gott gehen?»

Angst in der Nacht davor

Und nun, eine Nacht vor der grossen Reise, wollte Miguel seine Mutter nicht mehr loslassen. Er wird mich einfach vermissen, sagte sich Calehr. Sie legte sich neben ihn und hielt ihn die ganze Nacht im Arm. Es war 23 Uhr am Mittwoch den 16. Juli. Miguel, Shaka und die 296 anderen Menschen an Bord von Flug MH17 hatten noch etwa 15 Stunden zu leben.

Am nächsten Morgen nahmen Samira Calehr, ihr Freund Aan und die zwei Jungen den Zug zum Flughafen. Sie scherzten und lachten. Der 19-jährige Shaka hatte gerade sein erstes Jahr an der Hochschule abgeschlossen, wo er Textilingenieurswesen studierte. Er versprach, auf Miguel aufzupassen. Der dritte Bruder, der 16-jährige Mika, hatte auf Flug MH17 keinen Platz mehr bekommen und würde am nächsten Tag nach Bali fliegen.

«Ich werde dich vermissen»

Am Check-in-Schalter stellte Shaka fest, dass er vergessen hatte, Socken einzupacken. Seine Mutter versprach, welche zu kaufen und sie Mika mitzugeben. Schliesslich standen alle vor der Zollabfertigung. Die Jungen umarmten ihre Mutter zum Abschied und gingen zur Passkontrolle. Plötzlich drehte sich Miguel noch einmal um, rannte zurück und schlang die Arme um seine Mutter. «Mama, ich werde dich vermissen», sagte er.

«Was passiert, wenn das Flugzeug abstürzt?» Calehr wunderte sich. «Sag das nicht», antwortete sie und drückte ihren Sohn. «Alles wird gut sein.» Shaka versuchte, beide zu beruhigen. «Ich passe auf ihn auf», sagte er zu seiner Mutter.

Schock am Telefon

Sie sah, wie sich die beiden Jungen entfernten. Doch Miguel schaute immer wieder zurück zu seiner Mutter. Seine grossen braunen Augen wirkten traurig. Dann war er nicht mehr zu sehen. Flug MH17 startete gegen 12.15 Uhr zu der üblicherweise etwa 11 Stunden und 45 Minuten langen Reise. Doch sie dauerte nur zwei Stunden. Calehr hatte gerade Shakas Socken gekauft, als ihr Telefon klingelte. Ihr Freund Aan war dran. «Wo bist du?», schrie er. «Das Flugzeug ist abgestürzt!» Calehr schaffte es gerade noch nach Hause, bevor sie ohnmächtig wurde.

Sie versucht nun, mit den Gedanken über das «Was wäre gewesen, wenn ...» fertig zu werden. Sie denkt daran, dass ihr Jüngster offenbar zu fühlen schien, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Wie konnte er das wissen? Wie hätte sie es ahnen können? «Ich hätte auf ihn hören sollen», sagt sie leise. «Ich hätte auf ihn hören sollen.»