Iran – Saudiarabien

03. Januar 2016 16:35; Akt: 05.01.2016 10:39 Print

«Mein Tod wird Auslöser von Handlungen sein»

In mehreren Ländern halten die Proteste nach dem Tod des schiitischen Predigers Nimr al-Nimr an. Wer war der unbequeme Kritiker des Herrscherhauses al-Saud?

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Abbruch sämtlicher Handelsbeziehungen zum Iran: Der saudische Aussenminister Adel al-Jubeir (25. Oktober 2015). Nach Protesten kappt auch Bahrain die Beziehungen zum Iran. Demonstranten in Teheran. (3. Januar 2016) Der Tod des Geistlichen Nimr al-Nimr sorgt für Aufruhr: Proteste in der Stadt Daih in Bahrain. (3. Januar 2016) Nach diesem schweren Zwischenfall ordnet Saudiarabien die Schliessung der iranischen Botschaft in Riad an: Iranische Demonstranten hatten Brandsätze gegen die Botschaft Saudiarabiens geschleudert. (2. Januar 2016) In der Nacht hatte ein wütender Mob die Botschaft Saudiarabiens in Teheran angegriffen und Teile davon in Brand gesteckt. (2. Januar 2016) Der iranische Präsident Hassan Ruhani hat den Angriff auf die saudische Botschaft verurteilt: Ein Feuerwehrmann im Einsatz. Ruhani sagte: «Der Angriff von Extremisten auf die saudische Botschaft in Teheran ist in keiner Weise zu rechtfertigen und hatte negative Auswirkungen auf das Image des Iran.» Alte Spannungen entladen sich am Tod des Geistlichen Nimr al-Nimr: Demonstranten recken in Teheran vor der saudischen Botschaft ihre Fäuste in die Höhe. (3. Januar 2016) Iranische Polizisten halten die Demonstranten von der saudischen Botschaft fern. (3. Januar 2016) Demonstranten versuchen in Teheran ein neues Strassenschild mit dem Namen des hingerichteten Nimr al-Nimr anzubringen. (3. Januar 2016) Auch die Fahnen der USA und Israels müssen bei der Demonstration gegen Saudiarabien dran glauben. (3. Januar 2016) Über Twitter wurden bereits in der Nacht Bilder vom Angriff versandt: Brennende saudische Botschaft im Iran. (Bild: Amin Khorami, Twitter) Später konnte die Polizei den Mob zurückdrängen: Polizisten in einiger Distanz zur wütenden Menge. (Bild: Amin Khorami, Twitter) Einige Teile der Botschaft wurden verwüstet: Laut dem Twitterer Amin Khorami zeigt das Bild einen von den Demonstranten verwüsteten Raum in Der Vertretung Saudiarabiens. (Bild: Amin Khorami, Twitter) Die saudischen Behörden veröfffentlichten Bilder der Exekutierten: Dieses undatierte Foto zeigt Nimr Baker al-Nimr. Am Tag nach der Hinrichtung des Geistlichen kam es zu zahlreichen Demonstrationen in mehreren Ländern: Pakistanische Schiiten protestieren in Karachi. (3. Januar 2016) Zahlreiche schiitische Vertreter veruteilten die Exekution: Der Anführer der libanesischen Hizbollah, Hassan Nasrallah, in einer Fernsehansprache. (3. Januar 2016) Proteste bis nach Indien schon am Tag der Hinrichtung: Schiiten demonstrieren in Srinagar, das während der Sommermonate die Hauptstadt des indischen Teils Kaschmirs ist. (2. Januar 2016) Besonders ausgeprägt waren die Proteste in Bahrain: Ein Demonstrant in Daih, einem Vorort der Hauptstadt Manama. (2. Januar 2016) Sie Sicherheitskräfte in Bahrain setzten Tränengas gegen die vorwiegend jugendlichen Demonstranten ein. Auch Frauen demonstrierten in Bahrain. Auch in Saudiarabien selber kam es zu Protesten: Demonstranten mit Postern al-Nimrs in Tarut. Al-Nimr war einer der Anführer der Proteste von Shiiten während des arabischen Frühlings. Schon zuvor kam es zu Protesten wegen seiner Verhaftung und Verurteilung: Demonstration im ostsaudischen al-Awamiya. (30. September 2012) Eine Anhägerin der shiitischen Huti-Miliz im Jemen demonstriert für al-Nimr vor der saudischen Botschaft in Sanaa. (18. Oktober 2014)

Fehler gesehen?

Mit der Hinrichtung von Nimr Baker al-Nimr hat sich das saudiarabische Herrscherhaus eines unbequemen Kritikers entledigt, doch belastet die Exekution des charismatischen schiitischen Geistlichen das ohnehin schwierige Verhältnis zu den Schiiten.

Irans geistliches Oberhaupt Ayatollah Ali Khamenei warnte das Königreich heute vor der «Rache Gottes». In der Hauptstadt Teheran demonstrierten wieder rund 400 Personen vor der saudischen Botschaft und skandierten Slogans wie «Tod dem Haus Saud». Die Demonstranten missachteten damit einen Aufruf der Behörden, an einem andern Ort zu protestieren. In der Nacht hatten Demonstranten Teile der Botschaft in Brand gesteckt und andere Räumlichkeiten verwüstet.

Irans Präsident verurteilt Angriff auf Botschaft

Der iranische Präsident Hassan Rohani hat den Angriff auf die Vertretung Riads verurteilt: «Der Angriff von Extremisten auf die saudische Botschaft in Teheran ist in keiner Weise zu rechtfertigen und hatte negative Auswirkungen auf das Image des Irans.» Das Innenministerium, der Geheimdienst und die Polizei sollten konsequent gegen die Täter vorgehen, teilte Rohani am Sonntag in einer Medienerklärung mit. «Solchen hässlichen Aktionen sollte ein für alle Mal ein Ende gesetzt werden», forderte der Präsident.


Schwerer diplomatischer Zwischenfall: Eine wütende Menge greift die saudische Botschaft in Teheran an. (Video: Reuters)

Iraks oberster schiitischer Geistliche Ayatollah Ali al-Sistani verurteilte die Hinrichtung als «Ungerechtigkeit und Aggression». Im Libanon sprach der Führer der Schiiten-Miliz, Hassan Nasrallah, von al-Nimr als «einem Märtyrer, einem heiligen Krieger», die Organisation nahm ebenfalls Stellung und verurteilte die Hinrichtung als «ein Zeichen der Schande und Schwäche» für Saudiarabien. Das Land «hat seine grösste Schwäche erreicht und gräbt sein eigenes Grab. Es hat sich für den Weg der Feiglinge entschieden.»

Al-Nimr: Immer wieder verhafteter Kritiker

Wer war der Mann, dessen Hinrichtung derart heftige Reaktionen auslöst? Der Schiit aus dem Osten Saudiarabiens war nach der iranischen Revolution 1979 zu theologischen Studien in den Iran gegangen. Erst 1994 kehrte er als islamischer Rechtsgelehrter in sein Heimatdorf Awamija zurück, wo er die Leitung der Imam-Hussein-Moschee übernahm. Wegen seiner Predigten, in denen er mehr Rechte für die schiitischen Minderheit forderte, wurde der graubärtige Gelehrte seit 2003 immer wieder festgenommen.

Die Schiiten klagen in Saudiarabien, in dem eine besonders strenge Auslegung des sunnitischen Islam gilt, seit langem über religiöse und soziale Diskriminierung. Riad verdächtigt die Schiiten wiederum, Sympathien für den Iran zu hegen. Al-Nimr habe eine «besondere und herausgehobene Stellung» unter den Schiiten gehabt, sagte sein Bruder Mohammed al-Nimr am Samstag. Er sei «ein bescheidener, religiöser Mann gewesen, der ein einfaches Leben führte, was ihn für die Jugend attraktiv gemacht hat».

Sezessionforderung und Freude über Tod von Prinz

Im Jahr 2009 zog al-Nimr den Zorn des Herrscherhauses auf sich, als er forderte, die östlichen Provinzen Katif und Al-Ihsaa, in denen die meisten der rund zwei Millionen Schiiten Saudiarabiens leben, an das mehrheitlich schiitische Nachbarland Bahrain anzuschliessen. Als im Frühjahr 2011 der Arabische Frühling begann, organisierte al-Nimr auch in Saudiarabien Proteste. Nach dem Tod mehrere schiitischer Demonstranten rief er dazu auf, friedlich für mehr politische Rechte zu kämpfen.

Als al-Nimr 2012 den Tod von Innenminister Prinz Najef bin Abdulasis begrüsste, brachte dies das Fass zum Überlaufen. «Mögen die Würmer ihn fressen», sagte al-Nimr in einem Video, das im Internet Verbreitung fand. Zudem kritisierte er Riads Vorgehen in Saudiarabien und Bahrain, wo saudiarabische Truppen im Frühjahr 2011 eine schiitische Protestbewegung niedergeschlagen hatten.

Bei Verhaftung ins Bein geschossen

Am 8. Juli 2012 wurde al-Nimr schliesslich festgenommen, wobei ihm wegen «Widerstands» ins Bein geschossen wurde. Seine Festnahme löste tagelange Proteste in seiner Heimatregion aus, doch liess sich Riad nicht beirren. Wegen Aufwiegelung, «Ungehorsams gegenüber dem Herrscher» und illegalen Waffenbesitzes wurde al-Nimr im Oktober 2014 zum Tode verurteilt. Menschenrechtsorganisationen kritisierten das Verfahren als «zutiefst fehlerhaft».

Am Samstag wurde er nun im Alter von 56 Jahren zusammen mit 46 weiteren Männern exekutiert. Seinem Sohn Ali, der mit nur 17 Jahren ebenfalls festgenommen und in Haft angeblich gefoltert wurde, droht ebenfalls die Hinrichtung.

Al-Nimrs Tod löste in seiner Heimatregion Proteste aus. Bereits gestern gingen auch im Iran, im Irak, im Libanon, in Bahrain und im indischen Teil Kaschmirs zahlreiche wütende Schiiten auf die Strasse. Al-Nimrs Bruder sagte, ihm sei gesagt worden, die Familie werde die Leiche nicht zur Beerdigung zurückerhalten.

Sein Bruder habe «Worte gesprochen, die womöglich hart waren», doch hätte er dafür «politisch zur Rechenschaft gezogen» und nicht hingerichtet werden, sagte Mohammed al-Nimr.

Vor seiner Festnahme 2012 warnte Nimr al-Nimr in einer Predigt: «Ich bin sicher, dass meine Verhaftung oder mein Tod Auslöser von Handlungen sein werden.»

(afp)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • John Livers am 03.01.2016 18:19 Report Diesen Beitrag melden

    Glauben muss zur reinen Privatsache wer.

    Der Religionsunsinn sollte endlich weltweit aus der Öffentlichkeit Verbannt und zur reinen Privatsache gemacht werden. Privat, in seinen vier Wänden kann jeder Glauben was er will, aber er darf niemanden mit seinem Glauben belästigen.

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  • Anonymous am 03.01.2016 18:07 Report Diesen Beitrag melden

    Wieder eine Religionsdiktatur

    Schade dass es wieder einmal in eine neue religiöse Diktatur enden wird/würde. Wenn sie die Religion in diesen Ländern nur nicht so ernst nehmen würden, wäre es viel Friedlicher und sehr schöne Länder zu bereisen.

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  • fanki am 03.01.2016 18:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur schade

    eigentlich hat die Welt schon genug Probleme.Dem kann man auch sagen Benzin ins Feuer gießen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • nostradamus am 06.01.2016 00:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    na bitte

    Schon letztes jahr schrieb ich hier was nostradamus voraussagte im jahre zwanzig nach zwanzig 2020 hat sich der mensch selber vernichtet. So wird es wohl kommen.

    • Schlafloser am 06.01.2016 02:47 Report Diesen Beitrag melden

      @nostradamus

      Ja, ja... der letzte finale Weltuntergang fand meines Wissens Ende 2012 statt, im Zusammenhang mit irgend einer ominösen aztekischen Prophezeiung. Ich fühle mit eigentlich trotzdem noch recht fit...

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  • Cavi33 am 04.01.2016 19:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Iran und IS

    Die grosse Gefahr ist der Iran für die gesamte Region und Europa. Die Sanktionen müssen verstärkt werden weil kein Rechtssystem im Iran vorhanden ist. Es kann nicht sein dass wir uns diesem Staat unterwerfen.

  • Fi tsche am 04.01.2016 14:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    grosse gefahr!!!

    jetzt wird es richtig gefährlich! wenn schiiten gegen suniten kämpfen, kommt es definitiv zu einem flächenbrand. ich möchte mich nicht entscheiden müssen, welche glaubensrichtung ich moralisch mehr unterstütze, doch ich tendiere eher zur shia. der saudische wahabismus ist mir zu extrem. er ist zudem die grundlage der extremen ansichten der is/isis/isil/daesch.

  • Psy am 04.01.2016 13:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Geschäft mit dem Tod "Waffen"...

    Das Leben auf den Planet Erde ist mörderisch. Irgendwann hat man das gesehen und will gehen.

  • Ausser Irdischster am 04.01.2016 03:26 Report Diesen Beitrag melden

    Und ihr braucht ein Studium für sowas?

    Eher Auslöser für mehr Polizei und Militärgewalt in jedem Land.. Da alle durchdrehen weil alle um Sylvester einen Knall erwartet haben aber er gezielt verschoben wurde.. Auf dass es nicht nur einmal knallt sondern dauernd und stetig! Business halt! So geht das!