Vom blinden Bauernmädchen zur Star-Anwältin

19. Februar 2018 07:41; Akt: 19.02.2018 10:14 Print

«Dass Männer Chef sein können, war mir neu»

von Mareike Rehberg - Die Blinden-Aktivistin Yetnebersh Nigussie hat kürzlich den Alternativen Nobelpreis gewonnen. Bis dahin war es ein steiniger Weg.

Yetnebersh Nigussie hatte mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Heute setzt sie sich für Blinde in der ganzen Welt ein. (Video: Mareike Rehberg)
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Frau Nigussie, Sie sind im Alter von fünf Jahren nach einer Hirnhautentzündung erblindet. Hatten Sie deshalb eine schwere Kindheit?
Wäre ich in meinem kleinen Dorf in Äthiopien geblieben, wäre ich nichts wert gewesen. Niemand hätte mich heiraten wollen und ich wäre als ungewollter Fehler und als Bürde angesehen worden. Als Blinde hätte meine Familie mich im Haus behalten und ich hätte vermutlich keine Bildung erhalten. Ich würde jetzt herumsitzen und Gott vorwerfen, was er mir angetan hat.

Es kam anders. Warum?
Meine Grossmutter sorgte dafür, dass ich mit sechs Jahren – als ältestes von sieben Geschwistern – auf eine katholische Blindenschule kam, die Hunderte Kilometer von meinem Heimatdorf entfernt war. Das war der Durchbruch in meinem Leben. Denn damals war es behinderten Kindern in meiner Gegend nicht erlaubt, auf eine normale Schule zu gehen.

Was hat Sie dort am meisten geprägt?
Die Schule wurde von irischen und britischen Nonnen geleitet. Ich wuchs auf mit der Vorstellung, dass Frauen Führungspersönlichkeiten sind. Als ich mit zwölf Jahren auf die integrierte Schule wechselte, war der Leiter ein Mann. Das hat mich überrascht und schockiert. Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriff, dass auch Männer Chefs sein können. Ausserdem haben wir an der Blindenschule eine sehr gute Ausbildung genossen.

Wie haben Sie den Wechsel an die öffentliche Schule erlebt?
Die Kinder behandelten mich wie eine Fremde. Sie hatten vorher nie mit behinderten Kindern zu tun gehabt. Vier Monate lang hatte ich keine Freunde. In einem Klassenraum mit 76 Schülern war ich allein. Vorher hatte ich nie darüber nachgedacht, dass wir an der Blindenschule wie im Himmel lebten. Alles wurde für uns getan und alle waren blind, deshalb gab es keine Diskriminierung.

Blieben Sie an der integrativen Schule allein?
Nein. Ich wurde Klassenbeste, und als die anderen meine guten Noten bemerkten, rissen sie sich plötzlich darum, mit mir befreundet zu sein. Sie kamen überpünktlich, um neben mir sitzen zu können. Aber diese Erfahrung der Einsamkeit lässt mich heute für Inklusion kämpfen. Wenn behinderte und nichtbehinderte Kinder nicht zusammen spielen und lernen, wird es später sehr viel schwieriger. Deshalb ist die Schule der beste Ort, um mit der Inklusion zu beginnen.

Sie sind heute eine prominente Aktivistin. Wie kam es dazu?
Ich nahm mir nicht gleich vor, Anwältin zu werden. Aber ich war schon in der siebten Klasse sicher, dass ich etwas ändern musste. Ich gründete einen Club für blinde Schüler. Wir waren sieben blinde Kinder und trafen uns, um über unsere Probleme zu sprechen und Bücher in Braille-Schrift auszutauschen. Zudem schlugen wir dem Schuldirektor Massnahmen vor, wie er die Situation für uns verbessern könnte. Ich habe klein angefangen. An der Universität baute ich ein Zentrum für Studenten mit Behinderungen mit auf, und gründete schliesslich das Äthiopische Zentrum für Behinderung und Entwicklung.

Wie wäre Ihr Leben als sehende Frau verlaufen?
Wo ich herkomme, sind frühe Ehen weit verbreitet. Meine Mutter wurde mit elf Jahren verheiratet und hat mich, ihr erstes Kind, mit 14 Jahren bekommen. Wer nicht früh heiratet, wird in dieser Gesellschaft diskriminiert. Als ich im Alter von 23 Jahren erstmals wieder in mein Dorf zurückkehrte, waren alle Frauen in meinem Alter verheiratet, hatten vier oder fünf Kinder und lebten ein ärmliches Leben. Meine Blindheit hat mich gerettet. Ich lebe heute mit meinen beiden Töchtern und meinem Mann ein gutes und freies Leben in der Hauptstadt Addis Abeba und habe jemanden geheiratet, den ich mir selber ausgesucht habe.

Wie Yetnebersh Nigussie als eine der drei ersten blinden Frauen in Äthiopien ihr Jus-Studium meisterte und was ihr der Right Livelihood Award bedeutet, verrät die 35-Jährige im Video.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mariam am 17.02.2018 12:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Herzliche Glückwünsche!

    Herzliche Glückwünsche! Was für eine tolle, mutige und intelligente Frau! Ich ziehe den Hut vor ihr!

  • D.G. am 17.02.2018 13:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz

    Wer jetzt denkt, in der Schweiz sei es viel besser, irrt. Meine hörbehinderte Tochter wurde hier in der Schule auch immer wieder ausgestossen. Als sie dann ende Primarschule von der Lehrer richtig geplagt wurde, müssten wir sie aus der Schule nehmen und in eine Sonderschule stecken wo sie überhaupt nicht gefördert wurde. Der Käntönligeist hat verhindert, dass wir sie in der, für sie, am besten geeignete Schule schicken konnte. Der Berufsmatura bleibt ihr verwehrt weil diese Schule kein Franz unterrichtet hat und ohne Franz, kein BM! Das Leben mit eine Behinderung ist hier ein Kampf.

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  • Netti am 17.02.2018 13:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toll

    Bravo!! Ich bewundere ihre Stärke!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Hr Schmidt am 19.02.2018 09:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Das ist Schön. Schicksal, Mut und Ideen bringen einen im Leben weiter. Das sollte man nicht vergessen. Jammern bringt nix. Die Frau hat auch für Andere was auf die Beine gestellt. So hat sie ein erfülltes Leben.

  • alright am 17.02.2018 17:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    interessanter Bericht

    ... aber muss man wirklich gleich jedes Mal eine Anti-Mann Schlagzeile daraus machen. Sind wir nur gute Männer, wenn wir uns selbst hassen? Nach dem Motto Frau ist gut, LGBT ist gut, aber normaler Mann ist ganz schlecht und böse. Komme nur ich mir langsam so vor?

    • Waldläuferin am 17.02.2018 18:31 Report Diesen Beitrag melden

      @ alright

      Aber aber auch!...wo bleibt ihr männliches Selbstbewusstsein? Wir Frauen lieben Männer mit einem gesunden Ego, die uns Frauen selbstverständlich als ebenbürtig achten. Wir brauchen euch ebenso wie ihr uns. Also Kopf hoch und lasst euch doch von diesen übersteuerten Feministinnen und me-too Susen nicht beirren ;)

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  • Kräuterschnaps am 17.02.2018 16:32 Report Diesen Beitrag melden

    Toller Artikel

    Toller Artikel. Der Vater war ein Orthodoxer Priester. Damit war ihr der Weg zur Katholischen Blindenschule geöffnet. Zudem hatte Sie Zugang zu einer von den Amerikaner bereitgestellten Bibliothek die ihr half Ihre Studium zu bestehen. Toll find ich, dass sie in Äthopien lebt und der Frauenfeindlichkeit / Tradition entgegentritt. Als Katholikin dürfte Sie es in einem muslimischem Land schwer haben.

    • Cartman1993 am 19.02.2018 15:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Kräuterschnaps

      Äthipien ist ein koptisches Land kein muslimisches

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  • Dx am 17.02.2018 15:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Herzlichen Dank den Nonnen

    Schön zu hören!

  • Joel am 17.02.2018 14:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Starke Frau

    Diese Frau weiss noch was kämpfen heisst und ist nicht wie unsere Feministinnen hierzulande eine reine Sofa-Aktivistin. Hut ab vor ihr!

    • Jugni am 18.02.2018 16:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Joel

      Ganz meinerseits.Ein grosses Dankeschön an die mutige Frau.

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