11-jährig und schwanger

03. Mai 2019 20:33; Akt: 03.05.2019 21:18 Print

«Sie weinte Tag und Nacht und nässte das Bett»

Lucia (11) wurde vergewaltigt und daraufhin schwanger. Die Behörden liessen sie jedoch nicht abtreiben. Jetzt erzählt ihre Mutter, was die Familie durchgemacht hat.

Bildstrecke im Grossformat »
Sol, die Mutter der elfjährigen Lucia aus Argentinien, erzählt am 2. Mai 2019 erstmals vom Leiden, dem die Ärzte ihre Tochter ausgesetzt haben. Sol wirft den Behörden der Provinz Tucumán vor, den Weg zur Abtreibung «absichtlich» verzögert zu haben. «Ich sagte immer wieder, Lucia wolle das nicht. Aber er bettelte weiter, Lucia solle doch noch vier Wochen aushalten, damit das Baby bessere Überlebenschancen habe.» Im Interview erzählt Sol, wie der Leiter des Gesundheitswesen der Provinz Tucumán, Gustavo Vigliocco, ihr versprach, ihr Haus fertigzubauen. «Eines Tages kam jemand und nahm das Blechdach weg, um es zu reparieren. Dann ging die Person wieder und kam nicht mehr zurück. Seither habe ich kein Zuhause mehr», sagt Sol. Schliesslich führten die Ärzte José Gijena und Cecilia Ousset den Kaiserschnitt bei der Elfjährigen durch. Das Ärztepaar wurde am 12. März 2019 von einer rechtskonservativen Gruppierung wegen vorsätzlicher Tötung angezeigt. Im Spital Eva Perón in der nordargentinischen Provinz Tucumán wurde in der Nacht zum 27. Februar 2019 der Kaiserschnitt am elfjährigen Mädchen durchgeführt. Das Mädchen war vom Partner seiner Grossmutter vergewaltigt worden; es war in der 23. Schwangerschaftswoche. Das Neugeborene starb am 8. März 2019. (Symbolbild) Derzeit sind Schwangerschaftsabbrüche laut einem Gesetz aus dem Jahr 1921 nur im Fall von Vergewaltigung oder Gefahr für das Leben der Mutter legal. In der Nacht auf den 9. August 2018 hat Argentiniens Senat einen Gesetzentwurf zur Legalisierung von Abtreibungen abgelehnt. Die Frauen und Männer, die mit grünen Tüchern um Hals, Stirn oder Handgelenk zeigten, dass sie für das Abtreibungsgesetz sind, waren sehr enttäuscht. Der Fall aus Tucumán hat in Argentinien die Abtreibungsdebatte wieder neu entfacht. Die Bevölkerung ist in dieser Frage tief gespalten. Erst im August 2018 war ein Gesetz für ein liberales Abtreibungsrecht im argentinischen Parlament knapp abgelehnt worden. «In bin traurig und auch etwas enttäuscht von unseren Politikern», sagte damals Jana (27) aus Buenos Aires. Sie wartete am 9. August 2018 wie Zehntausende auf dem Platz vor dem Kongressgebäude in Buenos Aires auf die Nachricht des Abstimmungsergebnisses. Ursula (29) zog dennoch eine positive Bilanz: «Auch wenn wir das heute nicht geschafft haben, bin ich froh, dass diese Debatte ein grosses Umdenken in der Gesellschaft brachte. Es wird über Feminismus und über Frauenrechte diskutiert. Das ist etwas, wofür wir schon lange kämpfen. In diesem Sinn haben wir gewonnen», sagt sie. Manuela (27) sah es ähnlich: «Wir haben trotzdem etwas erreicht», sagt sie zu 20 Minuten. Die Abtreibungsgegner mit hellblauen Tüchern feierten die Nachricht von dem Abstimmungsergebnis auf dem Platz vor dem Kongressgebäude in Buenos Aires mit Jubel und Feuerwerk. «Ich bin sehr glücklich. Das ist eine Ehre für Gott und die Liebe», sagte Yolanda (38). «So ein Gesetz wäre Mord gewesen», meinte Victoria (57). Es sei nun die Aufgabe des Staates, den Frauen, die ihre Kinder nicht wollten, zu helfen. Im Heimatland von Papst Franziskus hatte die katholische Kirche leidenschaftlich gegen die Verabschiedung des Abtreibungsgesetzes gekämpft und Druck auf die Abgeordneten ausgeübt. Am anderen Ende der Plaza del Congreso trauerten die Abtreibungsbefürworter.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Sechs Wochen nachdem die elfjährige Lucia aus dem Norden Argentiniens das Spital verlassen durfte, spricht ihre Mutter erstmals mit den Medien. Lucia war vom 65-jährigen Lebenspartner ihrer Grossmutter vergewaltigt worden, was zu einer Schwangerschaft führte. In einem Spital in Tucumán nahmen Ende Februar die Frauenärztin Cecilia Ousset und ihr Mann José Gijena einen Kaiserschnitt an dem Mädchen vor. Das Baby, das in der 23. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen war, starb wenig später.

Im Gespräch mit der Zeitung «La Gaceta» erzählt Sol, wie die Behörden immer wieder versuchten, ihre Tochter zu überzeugen, das Kind auszutragen. Dabei wollte Lucia nur eines: «Das Ding, das mir der Alte in den Bauch gesteckt hat», loswerden. Das Gesetz in Argentinien erlaubt einen Schwangerschaftsabbruch im Fall von Vergewaltigung oder wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Doch der Leiter des Gesundheitswesens der Provinz Tucumán, Gustavo Vigliocco, «verzögerte absichtlich den Prozess», lautet der Vorwurf der Mutter. Vigliocco habe Sol dermassen unter Druck gesetzt, dass er «mich wahnsinnig machte».

Ärzte wollten, dass Lucia das Baby austrägt

«Er versprach, sich um das Baby zu kümmern. Er werde es grossziehen, wie wenn es sein eigenes wäre, sagte er zu uns», so Sol. «Und ich sagte immer wieder, meine Tochter wolle das nicht. Sie leide und wolle die Sache hinter sich bringen. Aber er bettelte weiter, Lucia solle doch noch vier Wochen aushalten, damit das Baby bessere Überlebenschancen habe.»

Der Beamte versprach der Elfjährigen sogar, ihr ein Studium zu finanzieren. «Er fragte sie, was sie gerne werden wolle, und sie sagte, sie liebe Tiere. Da meinte er: ‹Nein, du solltest Medizin studieren.›» Vigliocco versprach der Frau, ihr Haus fertigzubauen. «Eines Tages kam jemand zu mir und nahm das Blechdach weg, um es zu reparieren. Dann ging die Person wieder und kam nicht mehr zurück. Seither habe ich kein Zuhause mehr», sagt Sol.

«Er bettelte, Lucia solle doch noch vier Wochen aushalten, damit das Baby bessere Überlebenschancen habe.»

Während sie mit Lucia im Spital auf die Abtreibung wartete, kam ein katholischer Priester das Mädchen jeden Tag besuchen. «Lucia wollte das nicht. Sie lässt nicht zu, dass älterere Männer sich ihr nähern. Dem Priester war das egal, er machte das Zeichen des Kreuzes auf Lucias Stirn. Dann redete er ihr ein, sie müsse ihr Baby lieben, wenn es zur Welt komme», erzählt die Mutter des Mädchens. Die Psychologin hingegen, die das Mädchen besuchen wollte, durfte das Zimmer nicht ohne Erlaubnis des Spitalpersonals betreten.

Das Mädchen war psychisch am Ende

Im Laufe der darauffolgenden Wochen verschlechterte sich Lucias psychischer Zustand. «Sie wollte nichts mehr essen und trinken und drohte damit, vom Spital abzuhauen, wenn die Ärzte nichts unternähmen», erinnert sich Sol. Dann habe ihre Tochter begonnen, das Bett zu nässen. «Sie war am Ende mit den Nerven. Aber die Ärzte gaben ihr stattdessen Spritzen, damit die Lungen des Babys schneller reifen würden.»

«Lucia wollte nichts mehr essen und trinken und drohte damit, vom Spital abzuhauen.»

Die Lage wurde unerträglich. «Eines Tages wachte Lucia weinend auf und hörte nicht mehr auf. Ich rief eine Anwältin an, die mir vermittelt worden war. Sie sorgte schliesslich dafür, dass noch an dem Abend eine Frauenärztin den Kaiserschnitt durchführte.»

Lucia wohnt jetzt bei Sols Bruder und seiner Frau. Das Paar hat für die nächsten sechs Monate das Sorgerecht für Lucia bekommen. «Meine Tochter will zurück zu mir», sagt Sol weinend. «Ich möchte, dass wir wieder eine Familie sind, obwohl ich weiss, dass nichts mehr so sein wird wie früher. Was passiert ist, werden wir nie vergessen. Jetzt muss ich dafür sorgen, dass der Mann, der das verursacht hat, dafür bestraft wird.»

(kle)