Toter IKRK-Delegierter

04. Juni 2014 15:48; Akt: 05.06.2014 11:05 Print

«Michael war ein Menschenfreund»

In der libyschen Stadt Sirte ist ein Schweizer Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) getötet worden. Der 42-Jährige wurde aus nächster Nähe erschossen.

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In einer Dokumentation der BBC von 2009 berichtete Michael G. von seiner Arbeit als IKRK-Delegierter im Gazastreifen.

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Unbekannte haben am Mittwoch in der nordlibyschen Hafenstadt Sirte einen Schweizer Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) erschossen.

Bei dem getöteten Mann handelt es sich um Michael Greub, über den 2009 prominent in einer BBC-Dokumentation berichtet wurde. Der Schweizer arbeitete seit sieben Jahren für das IKRK und war zuletzt Leiter der Unterdelegation in Misrata, wo er seit diesem Jahr stationiert war. Die genauen Hintergründe der Bluttat sind noch unklar. Unbekannte Bewaffnete sollen den 42-jährigen Schweizer und zwei Arbeitskollegen in Sirte in einen Hinterhalt gelockt und dort das Feuer eröffnet haben. Während die beiden Begleiter unverletzt blieben, erlitt Greub schwere Verletzungen – er verstarb später im Spital von Sirte.

Der Angriff auf den IKRK-Delegierten und seine zwei Begleiter erfolgte, nachdem diese an einem Arbeitstreffen in Sirte teilgenommen hatten. Entgegen ersten Informationen seien die Rot-Kreuz-Mitarbeiter nicht auf dem Weg zu ihrem Fahrzeug, sondern im Auto beschossen worden, erklärte der IKRK-Sprecher Wolde Saugeron.

«Es ist ein trauriger Vorfall, der Schock bei den Kollegen sitzt tief», so Saugeron. «Michael war ein hingebungsvoller Menschenfreund, der viele Jahre seines Lebens damit verbrachte, anderen zu helfen», schreibt das IKRK in einer offiziellen Mitteilung.

Fahrzeuge nicht gekennzeichnet

Gemäss den Vorgaben des Roten Kreuzes in Libyen sind die IKRK-Fahrzeuge nicht als solche gekennzeichnet gewesen.

Die Schützen hätten «aus allernächster Nähe» auf die humanitären Helfer geschossen, sagt Saugeron. Das IKRK verurteile die Tat.

Angehörige des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz geraten in Konfliktgebieten immer wieder zwischen die Fronten. So starben etwa im April 2001 sechs IKRK-Mitarbeiter im Nordosten von Kongo, darunter auch die Berner Krankenschwester Rita Fox.

Burkhalter reagiert konsterniert

Bundespräsident Didier Burkhalter hat «mit Konsternation und grosser Betroffenheit» auf den Tod eines Schweizer IKRK-Delegierten in Libyen reagiert.

Burkhalter habe der Familie und den Angehörigen des Opfers sowie dem IKRK «seine aufrichtige Anteilnahme und sein tiefes Mitgefühl ausgedrückt», teilte das EDA am Mittwoch mit.

Der Bundespräsident nehme «mit Beunruhigung die Nichtrespektierung der mutigen Arbeit zur Kenntnis, welche die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem Feld zugunsten der Schwächsten leisten», heisst es in der Mitteilung des Eidg. Departements für auswärtige Angelegenheiten.

Die Schweiz verurteile jeden Verstoss gegen das Humanitäre Völkerrecht und die humanitären Prinzipien mit grösster Entschlossenheit und ruft alle Konfliktparteien dazu auf, diese zu respektieren.

Amtssitz des Regierungschefs unter Beschuss

Seit dem Bürgerkrieg 2011 und dem Sturz von Machthaber Muammar al-Gaddafi ist es den libyschen Regierungen nicht gelungen, sich im gesamten Land Autorität zu verschaffen. Viele ehemalige Rebellengruppen verweigern ihre Entwaffnung und kämpfen zum Teil gegeneinander.

Zuletzt hat sich die Sicherheitslage im Land weiter verschlechtert, vor allem im Osten. Doch auch die Hauptstadt Tripolis ist von der Gewalt betroffen: So beschossen Unbekannte am Mittwoch das Büro von Ministerpräsident Ahmed Maitik mit einer Panzerfaust. Maitik sei nicht in seinem Amtssitz gewesen, sagte einer seiner Berater, es sei niemand verletzt worden.

Kurz zuvor war auf den Ex-General Khalifa Haftar ein Anschlag verübt worden, den er nach Angaben seines Sprechers unverletzt überstand. Maitik war im Mai in einer chaotischen Abstimmung vom Parlament zum Regierungschef gewählt worden. Einige Abgeordnete stellen die Rechtmässigkeit der Wahl aber in Frage.

Maitiks Vorgänger Abdullah al-Thani weigerte sich, die Macht abzugeben, bis die Legitimität der Wahl bestätigt sei. Als Reaktion rückte am Montag Maitik mit einer Polizei-Eskorte in das Büro des Ministerpräsidenten ein.

(cho/kko/gbr/sda)