Drama auf Lampedusa

08. Oktober 2013 15:02; Akt: 08.10.2013 16:25 Print

«Migranten können nicht an erster Stelle kommen»

Die Bewohner von Lampedusa haben in den letzten Tagen ihre volle Solidarität mit den Flüchtlingen gezeigt. Doch jetzt fordern sie, dass auch ihnen geholfen wird.

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Auch drei Wochen nach dem verheerenden Bootsunglück vor Lampedusa reisst der Flüchtlingsstrom nicht ab: Am Montag, den 29. Oktober und einen Tag danach hat die italienische Küstenwache und Marine 400 verunglückte Migranten gerettet. Trotz der Tragödie nimmt der Flüchtlingsstrom in Lampedusa nicht ab. Fischer Michele Burgio fährt am 5. Oktober 2013 zusammen mit anderen Fischern an die Stelle, wo vergangenen Donnerstag das Flüchtlingsboot mit 500 Menschen an Bord gesunken ist. Sie warfen im Gedenken an die Opfer Blumengebinde ins Meer. Während der Zeremonie heulten die Schiffssirenen der Kutter. Wie die italienische Staatsanwaltschaft berichtete, konnte einer der ersten unter den Überlebenden eruiert und verhaftet werden. Der Tunesier beteuert seine Unschuld. Am , ein Tag nach der Tragödie mit mehr als 100 toten Flüchtlingen, ist Italien weiter geschockt. Das voll besetzte Boot hatte vor der kleinen Isola dei Conigli bei Lampedusa Feuer gefangen und war gekentert. Nur 155 der mindestens 400 Menschen an Bord des Schiffes konnten gerettet werden. Die meisten Überlebenden befinden sich im Auffanglager von Lampedusa, in dem sich zurzeit über 1050 Migranten aufhalten. Dabei hat das Lager lediglich 250 Plätze. Mehrere Hunderte Migranten sollen aufs italienische Festland gebracht werden. Italien hat einen Tag der Staatstrauer ausgerufen, vielerorts sollte es Schweigeminuten geben. 111 Leichen wurden aus dem Mittelmeer geborgen. «Das ist noch keine definitive Bilanz, weil Dutzende weitere Körper im Wrack des gesunkenen Bootes sind», sagte Italiens Innenminister Angelino Alfano am 4. Oktober. Inzwischen forderte Staatspräsident Napolitano eine Änderung der Gesetze. Eine schnelle Überprüfung von Normen, die eine Aufnahmepolitik verhinderten, sei nun notwendig, sagte er. Am 3. Oktober 2013 war es vor der Mittelmeerinsel Lampedusa zu einem Schiffsunglück gekommen. Auf einem Flüchtlingsschiff war ein Feuer ausgebrochen. In ihrer Not hatten die Einwanderer Decken angezündet, nachdem knapp tausend Meter vor der Küste der Motor ausgefallen war. Über 100 Personen kamen bei der Tragödie ums Leben, darunter auch Frauen und Kinder. Viele Opfer werden jedoch noch vermisst. Die Küstenwache und freiwillige Helfer arbeiteten trotz schlechten Wetters die ganze Nacht.

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Am Tag nach der Katastrophe vor der Küste Lampedusas eilten Fischer und Bootsbesitzer den gekenterten Flüchtlingen zu Hilfe. Sie boten den Menschen Essen an, sie brachten den Kindern Spielsachen und Decken. Doch jetzt staut sich langsam ein gewisser Frust unter den Lampedusa-Bewohnern an: Denn, wie sie es in ihren eigenen Worten schildern, «fällt hier alles auseinander und der Tod scheint unser einziger Wirtschaftsmotor zu sein.»

In einem Bericht der Nachrichtenagentur AFP beschreibt die Kellnerin Silvana Martelli, wie sich die Insel in letzter Zeit verändert habe. «Es fühlt sich nicht mehr wie mein Zuhause an. Es gebe staatliche Gelder, um die Migranten zu betreuen, aber «unsere Schulen brechen auseinander und der Abfall häuft sich.»

Kinder bringen den Horror auf Papier

Auf Lampedusa am Rande von Europa wohnen etwa 4500 Menschen. In Zeiten, in denen täglich neue Schiffe mit Immigranten kommen, sind sie oft in der Unterzahl. «Diese Insel hat die schönsten Strände, aber im Meer liegt ein riesiger Friedhof», sagt der 57 Jahre alte Fischer Filippo Bruno. «Europa muss die Sache regeln und reagieren, bevor das noch einmal passiert. Denn das wird sicher noch einmal passieren.»

Auf dem lokalen Friedhof hat es keinen Platz mehr. Die noch wenigen leeren Parzellen wurden für die Opfer der unaufhörlichen Flüchtlingstragödien freigegeben. Die Folgen beobachten die Erwachsene sehr gut bei ihren Kindern: In der Schule zeichnen sie dramatische Szenen, in denen sich Menschen ins Wasser fallen oder auf brennenden Booten um ihr Leben kämpfen.

Auf Lampedusa hat es kein Spital, keine Bibliothek

Die Bewohner haben stets ihre Solidarität mit den Flüchtlingen gezeigt, doch dieses Mal scheinen sie von den Dramen und der wirtschaftlichen Konsequenzen genug zu haben. «Wir können diese arme Seelen nicht im Stich lassen», meint Restaurant-Besitzerin Ornella Gervasi, die in den letzten Tagen Hunderte von Pasta-Tellern unter den Afrikanern verteilt hat. Auf der anderen Seite «kommt jetzt der Winter und wir werden nicht genug Vorräte haben.» Es sei begreiflich, dass sich ein gewisser Frust unter den Bewohnern anstaue.

«Wir haben hier keine sanitäre Einrichtungen. Als mein Vater krank wurde, mussten wir ihn für die Behandlung nach Rom bringen. Das hat uns unsere gesamten Ersparnisse gekostet», fügt Gervasis Schwester Romina hinzu. Hotelbesitzerin Angela Lombardo nickt ihr zu.

«Kulturell läuft auf der Insel gar nichts. Wir haben weder Bibliotheken noch Bücherläden. Unsere Kinder sind fast Analphabeten.» Lombardo zitiert die Bibel: Man solle zuerst auf die Eigenen schauen, bevor man sich um die Nachbarn kümmert, meint sie. «Die Migranten können nicht an erster Stelle kommen.»

Fischer Calosero Spalma hat mehrmals Flüchtlingsboote in Not geholfen. Doch seit dies von der Regierung in Rom gesetzlich verboten wurde, hat er in solchen Situationen sein eigenes Schiff gewendet und weggeschaut. «Stellen Sie sich vor, mein Boot wird beschlagnahmt und ich könnte meine Familie nicht mehr ernähren. Das kann ich nicht riskieren. Mir tun diese Menschen Leid, aber was soll ich machen?»

(kle)