Reportage aus Syrien

05. Dezember 2018 13:17; Akt: 05.12.2018 13:42 Print

«Mörser – mit Grüssen an den IS zurück!»

von Ann Guenter - Die Polizeichefin des Städtchens Busayrah lebt gefährlich. «Die Leute hier glauben immer noch, dass der IS zurückkehrt», sagt sie.

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Das Städtchen Busayrah liegt am rechten Ufer des Euphrat, rund 70 Kilometer nördlich der umzingelten IS-Hochburg Hajin. Die Syrian Democratic Forces SDF respektive die ihnen angeschlossenen kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG befreiten am 12. November 2017, also vor fast genau einem Jahr, Busayrah aus der Hand des IS. Doch seine Anhänger sind hier immer noch aktiv.

So verlangt YPG-Kommandant Ciyager Amed (35) nach einem gepanzerten PKW und setzt sich höchstpersönlich ans Steuer, er und seine zwei Begleiter haben ihre AK47-Gewehre stets in Griffnähe. «Auf der Strecke nach Busayrah finden derzeit die meisten Überfälle und Anschläge durch IS-Schläferzellen statt. Besonders heikel ist es auf der Brücke zur Stadt, wir müssen ihre Pfeiler täglich neu auf angebrachte Sprengsätze kontrollieren.» Die Fahrt in die Stadt wirkt allerdings nicht gerade bedrohlich, es ist ja auch noch hell. So lässt sich gut beobachten, dass die Hosen der Männer nach IS-Gebot hochgekrempelt sind und keine einzige unverschleierte Frau zu sehen ist.

«Die Leute in Busayrah glauben, dass der IS zurückkehrt»

Wir besuchen das Hauptquartier der Asayesh-Sicherheitskräfte von Busayrah. Diese nehmen in den Gebieten der autonomen Föderation Nordsyriens (kurdisch: Rojava) die Rolle der Polizei ein. Seit fünf Monaten ist Nasrin (29) hier Polizeichefin und damit für die öffentliche Sicherheit verantwortlich. «Ich erlebe Busayrah aus zweierlei Perspektiven», sagt sie. «Diese sunnitische Stadt akzeptiert mich nicht, weder als Kurdin noch als Frau in einer polizeilichen Führungsposition.» Dazu komme die angespannte Sicherheitslage: Je stärker der IS auf seinem verbleibenden Territorium unter Druck gerate, desto aggressiver würden seine Anhänger in den kürzlich befreiten Orten. «Die Leute in Busayrah glauben noch immer daran, dass der IS zurückkehrt», sagt Nasrin.

«Der IS hat die Menschen durch seine Brutalität während seiner gut fünfjährigen Herrschaft an sich gebunden. Zudem sind viele hier streng gläubig, was dem IS entgegenkam. Wir haben jetzt die schwere Aufgabe, ihn aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben.» Erreicht sie als Frau die Sunnitinnen der Stadt einfacher? «Nicht wirklich. Die Angst vor dem IS ist riesig. Und dann kommt das unterdrückende Stammessystem hinzu. Es braucht Zeit, um etwas zu verändern.» Man müsse den Leuten jeden Tag aufs Neue zeigen, dass es unter der Herrschaft der Kurden mehr Sicherheit gebe.

Allein geht sie nie heraus

«In Rojava glauben wir nicht an autoritäre Systeme. Aber die Menschen im Euphrattal haben oft verhärtete Herzen. Wir müssen sie weicher machen», sagt Nasrin und erklärt, wie das gelingen soll: «Indem wir den Leuten unsere Kultur und Werte entgegenhalten und diese denen des IS entgegenstellen. Indem wir in Busayrah den selbstverwalteten demokratischen Föderalismus leben und uns im hiesigen Stadtrat mit den Problemen und Sorgen der Leute befassen.»

Bei all der ideellen Begeisterung, sieht die Realität ganz anders aus. Nasrin hat schon einige Attentate überlebt. Es wurde auf offener Strasse auf sie geschossen, wenn sie durch die Strassen fährt, kann es vorkommen, das abgestellte Motorräder neben ihr explodieren. Allein geht sie nie heraus. «Ich bin ja nicht zum Rumlaufen hier», sagt Nasrin. «Zudem haben wir die Sicherheitskräfte stark aufgestockt, jetzt kommt es nicht mehr täglich zu Attacken.»

«Man muss Autorität zeigen»

Die IS-Zellen, die Busayrah terrorisieren, sind meist nicht in der Stadt selbst zu finden. Sie mischen sich unter die Beduinen, die in den umliegenden Geröllweiten leben. «Doch sie haben starke Verbindungen zu ehemaligen IS-Mitgliedern in der Stadt und schaffen es sogar, neue Leute zu rekrutieren.» Der IS hat in den Dörfern und Städten des Euphrattals eine besonders perfide Propaganda entwickelt: «Sie nutzen Moscheen als Informationszentren und als Munitionslager», sagt Nasrin.

«Wenn die Anti-IS-Koalition diese Orte angreift, klagt der IS dies auf seinen Proagandakanälen an: ‹Schaut, diese Ungläubigen zerstören unsere Moscheen!›» Nasrin erzählt auch, wie IS-Anhänger jeweils nachts ihre schwarzen Flaggen im Stadtzentrum hissen, um damit ihre Präsenz zu markieren. «Erst holten wir die Flaggen nur ein, doch seit die Attacken zugenommen haben, verbrennen wir sie öffentlich. Man muss Autorität zeigen», sagt die Polizeichefin.

Scharfe Minen auf dem Pausenplatz

Ein Asayesh-Beamter stürmt ins Zimmer und redet auf Nasrin ein. Der Lehrer einer Primarschule habe auf dem Pausenplatz acht scharfe Minen entdeckt und die Polizei verständigt. Als diese mit ihren Entschärfungsspezialisten anrückte, sei ein weiterer Bewohner an die Beamten herangetreten: Der IS habe das Nachbarhaus der Schule wohl als Mörserfabrik genutzt. «Offenbar sind dort Hunderte von Mörsern, Artillerie und Anti-Panzer-Minen gelagert. 200 Stück haben wir jetzt hierhergeschafft», sagt der Mann.

Draussen begutachten alle die IS-Waffen. Sie sind glücklicherweise noch nicht mit Sprengstoff gefüllt. Was passiert jetzt damit? «Wir füllen sie», sagt Nasrin. «Wir können sie zu Übungszwecken gebrauchen – und gegen den IS in Hajin einsetzen, mit Dank für die geleistete Arbeit und mit besten Grüssen zurück.»

Kribbeln im Magen und feuchte Hände

Ein Gedanke, der einem eine gewisse Befriedigung verschafft. Diese verfliegt schnell, als wir im Stockdunkeln die gute Stunde Fahrt zurück zur Basis antreten. Bis zur Brücke, die aus der Stadt führt, fährt ein weiterer gepanzerter Wagen mit Sicherheitskräften und Dushka-Maschinengewehren voraus. Es ist 21 Uhr. «Die Zeit, in der der IS gerne angreift», sagt Kommandant Cyiager. «Ich habe mehr Respekt vor dieser Strecke als vor der Front.»

Wir fahren schnell. Schäden durch explodierende Minen oder Sprengsätze sollen so möglichst klein gehalten werden, Scharfschützen kein leichtes Ziel haben. Cyiager umfährt geübt jeden noch so kleinen Gegenstand, selbst Steinen wird ausgewichen. «Alles ist gefährlicher geworden, seit Hajin unter Beschuss steht», sagt er. Die Anspannung manifestiert sich körperlich und die tiefschwarze Dunkelheit in der weiten Geröllandschaft verstärkt das Kribbeln im Bauch. Die Hände sind feucht. Mein Fixer redet ununterbrochen. Ich vermute, dass er auch nervös ist. «Ich wollte dich nur ablenken, du sahst etwas verspannt aus», meint er nach der sicheren Ankunft im Camp. Am nächsten Abend erfahren wir, dass es in Busayrah einen Sprengstoffanschlag mit Verletzten gab.