«No pasarán»

30. September 2017 16:51; Akt: 30.09.2017 19:26 Print

«No pasarán» – Katalanen erneuern alten Schlachtruf

«Sie werden nicht durchkommen»: Der Konflikt zwischen Madrid und Barcelona erinnert an den spanischen Bürgerkrieg.

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«Manche reden schon von militärischer Intervention»: Der Generalsekretär der spanischen Linkspartei Podemos, Pablo Iglesias, rät den Katalanen zur Vorsicht. Bild: EPA «Die konstitutionelle Krise, die sich in Spanien entfaltet, erfordert Beratungen und keine Konfrontation», sagte der frühere UN-Generalsekretär, Kofi Annan. (Archivbild) «Redet oder tretet zurück!» Menschen demonstrieren in Madrid für einen Dialog. (7. Oktober 2017) Unabhängigkeit binnen weniger Tage: Der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont hat das Unabhängigkeitsbestreben bekräftigt. Wut und Trauer nach Gewalt: Zehntausende sind am Montag in Barcelona auf die Strasse gegangen. (2. Oktober 2017) Mit Blumen haben sie gegen das Vorgehen der Polizei protestiert. (2. Oktober 2017) Demonstration gegen Polizeigewalt: In Barcelona sind am Montag Zehntausende auf die Strassen gegangen. (2. Oktober 2017) Auch in Dutzenden anderen Städten und Gemeinden haben die Menschen gegen den harten Einsatz der staatlichen Polizei demonstriert. Beim Einsatz der nach Katalonien entsandten Polizeitruppen sind fast 900 Wähler und Demonstranten verletzt worden. Ein Kompromiss zwischen Barcelona und der Zentralregierung war derweil am Montag trotz der unzähligen Aufrufe zum Dialog aus dem In- und Ausland nicht in Sicht. Der Chefkoordinator der konservativen Volkspartei (PP) von Ministerpräsident Mariano Rajoy sagte, man werde beim Schutz des Gesetzes «keinen Schritt zurückweichen». Demonstration gegen Polizeihärte: Zehntausende sind am Montag in Barcelona auf die Strassen. (2. Oktober 2017) Sie protestieren gegen die Nationale Polizei vor deren Hauptquartier in Barcelona. (2. Oktober 2017) Untersuchung der Gewaltakte: Der UNO-Hochkommissar für Menschenrechte fordert von Madrid Zutritt für UNO-Menschenrechtsexperten. (Bild: 1. Oktober 2017) Keystone/Emilio Morenatti/AP «Wir haben das Recht gewonnen, einen unabhängigen Staat zu haben»: Der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont (Mitte). (1. Oktober 2017) Nennt die Abstimmung eine Inszenierung: Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy. (1. Oktober 2017) Über 90 Prozent der Katalanen stimmen für die Unabhängigkeit. (1. Oktober 2017) Die Menschen in Barcelona feiern das Ergebnis des Referendums. (1. Oktober 2017) Noch keine Resultate in Aussicht: Dutzende Gewerkschaften und separatistische Gruppen haben für Dienstag zu einem Generalstreik in Katalonien aufgerufen. (1. Oktober 2017) Menschen verfolgen in Barcelona eine Fernsehansprache des katalanischen Regierungschefs. Dieser eröffnete die Tür für eine potenzielle Unabhängigkeitserklärung seiner Region. Es soll eine Republik entstehen. Gebanntes Warten: Befürworter der Unabhängigkeit verfolgen die Nachrichten in den Strassen Barcelonas. (1. Oktober 2017) Menschen haben sich in Barcelona versammelt und verfolgen die Fernsehansprache Puigdemonts. (1. Oktober 2017) In ganz Spanien ist es zu Demonstrationen gekommen. (1. Oktober 2017) Auch Gegner des Referendums sind auf die Strasse gegangen – darunter auch rechts-nationalistische Gruppen. (1. Oktober 2017) Rechts-Nationalisten zeigen in Barcelona während eines Protests gegen die Unabhängigkeit Kataloniens den Faschistengruss. (1. Oktober 2017) Die Polizei ist gegen Befürworter des Referendums teilweise mit Gewalt vorgegangen. Ein Mann liegt verletzt durch ein Gummigeschoss der Polizei in Barcelona auf dem Boden. (1. Oktober 2017) Nach der Schliessung der Wahllokale um 20 Uhr haben sich die Menschen draussen versammelt. Unterstützer des Referendums verfolgen in Barcelona eine Ansprache von Ministerpräsident Rajoy. Menschen warten auf der Plaza Catalunya in Barcelona auf die Resultate. (1. Oktober 2017) Zunächst war nicht absehbar, wann ein Resultat vorliegen könnte. Eine Frau, gehüllt in eine Pro-Unabhängigkeits-Flage zeigt den Finger, während sie in Barcelona auf die Resultate wartet. Keine Gewalt in der katalanischen Exklave: Die Abstimmung im von Frankreich umgebenen Ort Llívia ist ruhig verlaufen. (Archivbild) Von den rund 1500 Einwohnern durften am Sonntag etwa 1000 abstimmen. Im Vorfeld haben die Befürworter mit 82'000 Kerzen eine Unabhängigkeits-Flage geformt. (23. September 2017) In ganz Spanien gehen Menschen auf die Strassen, wie hier in Granada. Mit katalonischen respektive andalusischen Unabhängikeits-Flaggen unterstützen sie die Anhänger des Referendums in Katalonien. (1. Oktober 2017) Derweil überwältigt die Polizei Wähler, um sie von der Stimmabgabe abzuhalten: Szene vor einem Wahllokal in Barcelona. (1. Oktober 2017) Gewalt eskaliert: In Spanien geht die Polizei gegen Demonstranten vor. Die Regionalregierung Kataloniens spricht von «Polizeibrutalität». (1. Oktober 2017) Die Polizei setzt in Barcelona Gummigeschosse ein. (1. Oktober 2017) Beamte der Guardia Civil gehen in Sant Julia de Ramis in der Nähe von Girona gegen einen Mann vor. (1. Oktober 2017) Wüste Szenen gibt es auch in Tarragona: Vor einem Wahllokal kommt es zu Zusammenstössen zwischen Anhängern des Referendums und der Nationalen Polizei. (1. Oktober 2017) Eine Frau schreit vor einem Wahllokal in Barcelona Polizisten an. (1. Oktober 2017) Das Fussballspiel findet statt, aber ohne Publikum: Ein katalanischer Polizist steht vor den leeren Rängen im Stadium von Barcelona. Der FC Barcelona verurteilt die Verhinderung der Abstimmung, wie der Verein mitteilt. (1. Oktober 2017) Gewaltsam: Die Polizei entfernte Wählerinnen von einem Wahllokal. Feuerwehrleute unterstützen die Wähler, indem sie die Polizisten in San Julia de Ramis vor einem Zugriff beschützen. (1. Oktober 2017) Angespannte Ruhe vor dem Referendum: Katalanen versammeln sich vor einer Primarschule in Barcelona. (1. Oktober 2017) Die staatlichen Polizeieinheiten Guardia Civil sind auf Schiffen im Hafen von Barcelona untergebracht. (1. Oktober 2017) Diese sind mit unbekanntem Ziel am Morgen aufgebrochen. (1. Oktober 2017) Viele haben die Nacht vor dem Referendum in und um die Abstimmungslokale verbracht. (1. Oktober 2017) Menschen beobachten aus einem Café in Barcelona die Demonstranten. (30. September 2017) Die Zerstörung der technologischen Infrastrukur soll die Abstimmung laut Zentralregierung verunmöglichen: Ein Polizist überwacht die Proteste in Madrid. (29. September 2017) Angespannte Stimmung: Demonstranten protestieren gegen die Unabhängigkeit Kataloniens in Madrid. (30. September 2017) Setzen sich gegen Gerichtsbeschlüsse hinweg: Unabhängigkeits-Befürworter in einem Wahllokal in Barcelona. (30. September 2017) Die Katalanen wollen mit der Besetzung verhindern, dass die Wahllokale geschlossen bleiben. (30. September 2017) In Barcelona demonstrieren Tausende für die Unabhängigkeit Kataloniens. (29. September 2017) Die Organisatoren des Referendums haben die Bürger aufgerufen, friedlich zu bleiben, wenn sie an der Stimmabgabe gehindert werden. (29. September 2017) Laut Verfassung ist Spanien ein unteilbarer Staat: Ein Mann mit der katalanischen Unabhängigkeitsflagge. (29. September 2017) Ein Demonstrant schreit in Barcelona einen Polizisten an. (30. September 2017)

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Der Streit um die Abspaltung Kataloniens ist tief verwurzelt in einem historischen Konflikt zwischen der Region und der spanischen Zentralmacht: Mit der Losung «no pasarán» («Sie werden nicht durchkommen») griffen die Demonstranten in Barcelona dieser Tage einen Schlachtruf der antifaschistischen Bewegung gegen den spanischen Militärdiktator Francisco Franco auf. Franco schaffte nach seinem Sieg im Spanischen Bürgerkrieg 1939 die Regierung Kataloniens, die Generalität, ab – tausende Katalanen mussten ins französische Exil fliehen.

«Das Exil-Trauma von 1939 ist bis heute sehr präsent», sagt Joan Baptista Culla, Historiker an der Autonomen Universität Barcelona. Der aktuelle zivile Ungehorsam und die Besetzung von Wahlbüros in Barcelona weckt ebenfalls Erinnerungen an die Zeiten Mitte der 30er Jahre, als die Stadt als anarchistische Hochburg galt. In der sich rasch entwickelnden Industriestadt lebten vor allem Intellektuelle und Arbeiter – sie boten General Franco während des dreijährigen Bürgerkriegs bis zum Ende die Stirn.

An die Nazis verraten

Schon 1934 hatte der Präsident der Generalität, Lluís Companys, den «katalanischen Staat in der föderalen spanischen Republik» ausgerufen und sich damit den konservativen Kräften in Madrid entgegengestellt. Der Katalanen-Führer wurde wenig später festgenommen, doch Fotos von ihm in seiner Zelle fanden in Katalonien rasch Verbreitung.

Als Companys 1940 im französischen Exil an die Nazis verraten und in Spanien hingerichtet wurde, wurde er endgültig zur Symbolfigur im katalanischen Unabhängigkeitskampf. «Er ist das grundlegende Abbild des märtyrerischen Präsidenten», sagt Historiker Culla.

«Wirtschaftlich fortgeschritten»

Vor diesem Hintergrund hat die Regierung in Madrid nach Auffassung von Geschichtswissenschaftler Jordi Canal von der Pariser Hochschule für Sozialwissenschaften versucht, solche Bilder im aktuellen Konflikt «zu vermeiden». Dennoch empörte die Festnahme hochrangiger Regierungsmitarbeiter dieser Tage in Barcelona zahllose Katalanen, der Vorwurf des «repressiven» Zentralstaats machte erneut die Runde.

Von 1939 bis 1975 gestand der Zentralstaat unter Franco den Katalanen keinerlei Autonomie zu, auch ihre Sprache war verboten. Dabei sahen sich die stolzen Katalanen schon Jahrhunderte zuvor «als wirtschaftlich fortgeschritten und kulturell gebildet und die Spanier als rückständige Analphabeten», sagt Andrew Dowling, Katalonien-Experte an der britischen Universität Cardiff.

Eroberung Barcelonas

Ein Schlüsseldatum im historischen Konflikt zwischen Madrid und Katalonien ist der 11. September 1714. Damals eroberten Truppen des spanischen Königs Philip V. Barcelona. Die Region verlor damit ihre eigenen Gesetze und Verfassungsorgane. Seit 2012 erinnern die Katalanen jedes Jahr am 11. September an dieses Ereignis mit ihrem «Nationalfeiertag» Diada - zu diesem Anlass fanden bislang auch immer grosse Demonstrationen der Separatisten statt.

Nach dem Ende der Franco-Herrschaft im Jahr 1975 hatte die spanische Regierung 1977 den katalanischen Provinzen zwar wieder eine begrenzte Autonomie eingeräumt. Doch erweiterte Autonomierechte wurden ihnen verwehrt, auch durch ein Urteil des spanischen Verfassungsgerichts 2010. Seither erstarkte die Unabhängigkeitsbewegung in Barcelona, die Ursachen sind umstritten. Nach Auffassung des Historikers Culla ist ein wichtiger Grund, dass Barcelona und Madrid seit Jahren aneinander vorbeigeredet haben.

(oli/afp)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Beltran Leyva am 30.09.2017 17:37 Report Diesen Beitrag melden

    Die Katalanen haben jedes Recht

    auf Demokratie!nur sehen gerade auch die letzten unter uns das wir nicht in einer Demokratie leben,auch wenn der Fernseher was anderes sagt...

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  • Miachel Grande am 30.09.2017 17:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Freier Will, freies Volk

    Du kannst ein Volk in seinem freien Willen nicht unterdrücken, sondern nur ersticken. Der Widerstand und ein allfälliger Bürgerkrieg ist die Folge davon. Spanien tut gut daran, dies im Interesse freier Völker zu vermeiden und eine gewisse Autonomie zuzugestehen. Das Drehbuch solcher Auswüchse steht in den Geschichtsbüchern.

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  • Herr Domino Flächenfeuer am 30.09.2017 17:36 Report Diesen Beitrag melden

    No pasarán..!

    Die ganze Welt fiebert mit Katalonien. Katalonien, das Original. Hoch lebe Katalonien!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • B. Kerzenmacher am 03.10.2017 13:29 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn...

    die Menschen in Katalonien oder auch in Südtirol oder Schottland mehrheitlich unabhängige Länder werden wollen, sollte gerade die EU dies unterstützen. Beim schottischen Referendum wurde nämlich vorgemacht, wie man so etwas gut und demokratisch hin bekommen kann. Mit dem Ergebnis, dass Schottland weiter Teil von Grossbritannien bleibt.

  • gordito am 02.10.2017 15:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Legal / Ilegal

    Sklaventum war legal Apartheit war legal Holocoust war legal Frauenstimmrecht ilegal Gesetze haben nicht immer recht. Wenn Bürger Gesetze immer befolgen und es kein Ziviler ungehorsam gäbe würde in den U.S.A die Schwarze Bevölkerung immernoch zuhinderst im Bus sitzen.

  • M.M. am 01.10.2017 22:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nein, die Bilder stammen nicht..

    ...aus Equador, Kolumbien oder Venezuela. Es ist in Spanien. Mitten in Europa. Und wir zeigen mit dem Finger auf die USA, Russland, Türkei, kritisieren und erteilen Ratschläge. Wohl zuerst mal in der EU für Demokratie sorgen.

    • Tien Anmen am 02.10.2017 02:54 Report Diesen Beitrag melden

      Differenzierte Betrachtung

      Auch weil Russland zu Europa gehört, ist die Einsatztaktik der Truppen des Innenministeriums ähnlich wie die in span. Zentralregierung. Lerne: In der freien Schweiz wollen wir keine Truppen des Innenministeriums und auch keine Bundessicherheitstruppen, wir wollen unsere organisch geschrumpfte Milizarmee auf Vordermann bringen und sie hegen und pflegen.

    • Dr Besserwisser am 10.10.2017 16:11 Report Diesen Beitrag melden

      451°

      "freien" Schweiz? Ich weiss nicht wo Sie leben, man schaue sich z.B. die Arena-Sendung mit Ganser und Projer an. Lachhaft wer solche Dinge behauptet, oder wie war das noch mit der Masseninitiative? Knallharte Durchsetzung? Sorry aber in der Schweiz werden wir von der Elite beherrscht und wer was anderes behauptet geht blind durch sein Leben

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  • Ender am 01.10.2017 22:12 Report Diesen Beitrag melden

    Logik

    Das ist das Problem mit solchen konservativen Politikern. Am Schluss lassen sie die Leute noch niederknüppeln, bevor sie dann selber zurücktreten

    • Mari Gnano am 02.10.2017 02:11 Report Diesen Beitrag melden

      Das waren noch Zeiten...

      200 Jahre nach der Schlacht am Morgarten waren unsere Väter 1515 in Marigano engagiert. Ob dort mit oder gegen das Königreich Aragon gekämpft wurde, können interessierte Zeitgenossen wohlwollend googeln.

    • Jan Palach am 02.10.2017 03:13 Report Diesen Beitrag melden

      @Ender

      Diese Logik kennen wir vom Prager Frühling 1968. (Ungarn bekam 1956 aufs Dach.)

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  • Pädy79 am 01.10.2017 21:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Visca Catalunya

    Früher war ich Spanier, aber wenn ich sehe wie die Spanische Polizei mit uns und den Politikern umgeht, bekenne ich mich nicht mehr als Spanier sondern als Katalane! Ich war gegen die Abspaltung Kataloniens aber mittlerweilen bin ich ein Befürworter!

    • pedro am 02.10.2017 21:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Pädy79

      danke dir ....endlich mal einer der gleich denkt...glg aus Barcelona

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