ISIS-Terror

12. Juni 2014 22:21; Akt: 12.06.2014 22:21 Print

«Obama ist nicht schuld am Chaos im Irak»

von Caroline Freigang - Die USA zogen 2011 ihre Truppen aus dem Irak ab. Jetzt überrennen ISIS-Kämpfer irakische Städte. Wer ist schuld am Chaos? 20 Minuten fragte den Irak-Experten David Patel.

Bildstrecke im Grossformat »
Irakische Geheimdienste warnen am davor, dass IS-Terroristen dank Tunnels bereits gefährlich nahe an Bagdad herangerückt seien. Die dichte Vegetation und die Kanäle bieten den Islamisten auf dem Vormarsch in Richtung Bagdad gute Deckung. Irakische Militärtransporter bringen am 13. Juni Freiwillige nach Bagdad. Diese sollen das Militär beim Kampf gegen die Terrorgruppe IS unterstützen. Schiitische Stammesanführer trafen sich in Sadr City, einem Stadtteil der Hauptstadt Bagdad, und verkündeten ihre Bereitschaft, gegen die Extremisten zu kämpfen. Ein irakischer Soldat steht an einem Checkpoint der Stadt Taji, die am Rande der Hauptstadt Bagdad liegt. Schiitische Männer reinigen ihre Waffen in Sadr City. Sie bereiten sich auf Angriffe der sunnitischen Extremisten vor. Eine Flagge des IS hängt in Mosul. Die irakische Armee rekrutiert Freiwillige, die mit ihnen gegen die Terrorgruppe IS kämpfen wollen. Kämpfer der IS-Truppe bei Samarra. Sie haben grosse Teile vom Norden und Westen des Iraks erobert. Die Diplomaten seien nur an einen sicheren Ort gebracht worden, lautete ein Tweet von einem IS-nahen Account. Die Kämpfer, hier auf einem Standbild eines Propagandavideos, drohen am 12. Juni Bagdad einzunehmen. Die Islamisten haben am 11. Juni 2014 in der Stadt Mosul das Konsulat der Türkei gestürmt und mindestens 48 Menschen als Geiseln genommen. Unter ihnen befindet sich der türkische Konsul Öztürk Yilmaz. Der IS hat ein Propaganda-Video hochgeladen, das Kämpfer an einem unbekannten Ort im Irak zeigt. Im Video ist auch ein Konvoi von IS-Kämpfern zu sehen. IS hatte in den vergangenen Tagen Mosul, Iraks zweitgrösste Stadt, und weite Teile der Provinz Ninive eingenommen. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht. Irakische Polizisten stehen auf dem Dach einer Militäranlage in Bagdad Wache, nachdem der Ausnahmezustand ausgerufen worden ist. Bereits am 10. Juni versuchten rund 500'000 Menschen aus Mosul zu fliehen. Die Extremisten haben die Stadt nach tagelangen Kämpfen eingenommen. Flüchtlinge, darunter viele Familien, versuchen in die kurdischen Provinzen Erbil und Dohuk zu flüchten. Die noch junge Regierung verliert immer mehr die Kontrolle.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Bagdad, Irak: Aufständische Dschihadisten der Al-Kaida-Splittergruppe ISIS sind bis auf 90 Kilometer an die Hauptstadt Bagdad herangerückt. Die Millionenstadt Mossul, aber auch Falludscha und Teile der Provinz Anbar sind bereits in Hand der extremistischen ISIS. Das irakische Militär scheint machtlos.

Die USA, die ihre Truppen 2011 vollständig abgezogen haben, erwägen jetzt zur Unterstützung der Regierung von Premierminister Nuri al-Maliki Drohnen im Irak einzusetzen und appelliert an die Iraker, mehr zur Bewältigung der Krise zu tun.

Doch wer ist schuld an den chaotischen Verhältnissen und der nicht aufhörenden Gewalt? Wieso können die Extremisten Millionenstädte überrennen? Wieso hat die irakische Regierung ihnen nichts entgegen zu setzen? 20 Minuten fragte David Patel, Irak-Experte an der renommierten Cornell University.

Herr Patel, wie ernst ist die Lage im Irak?

Sehr ernst. Die Krise im Irak ist längst nicht mehr auf das Land beschränkt. Erschwerend kommt dazu, dass der Krieg in Syrien in den Irak überschwappt. Mit der Folge, dass die Grenzen zwischen Irak und Syrien faktisch nicht mehr existent sind.

Obama hat die US-Truppen vor drei Jahren abgezogen. Trotz seiner Milliardenhilfen hat sich die Sicherheitslage drastisch verschlechtert. Ist Obama an der aktuelle Lage schuld?

Nein, Obama ist nicht schuld am erneuten Aufflammen der Irak-Krise. Die irakische Regierung forderte 2011 einen Komplettabzug der US-Truppen. Wäre es nach Obama gegangen, hätte er höchstwahrscheinlich, wie in Afghanistan, Truppen im Land behalten. Etwa Spezialeinheiten, die die irakische Armee logistisch unterstützt und trainiert hätten. Die irakische Regierung dürfte ihre Entscheidung, die Amerikaner aus dem Land zu werfen, heute bereuen. US-Streitkräfte im Land wäre hilfreich gewesen, um die ISIS zu bekämpfen und abzuschrecken.

Der Irak hatte die USA im Mai um Unterstützung in Form von Luftangriffen gegen Extremisten gebeten. Er wurde nicht erhört. Wird das US-Militär das jetzt nachholen und wieder direkt in den Konflikt eingreifen?

Ich könnte mir zwei Formen der amerikanischen Einmischung vorstellen: Drohnen und Luftangriffe. Gerade Drohnen sind sehr effektiv, um das Vorankommen der Extremisten zu unterbinden – speziell gegen die ISIS, die vornehmlich in Konvois von 20 bis 60 Geländewagen unterwegs ist. Dasselbe gilt für die Waffen- und Güterströme dieser Gruppierung. Mit Luftangriffen könnten die USA das irakische Militär effizient unterstützen.

Wieso bekommt das irakische Militär trotz Unterstützung in Milliardenhöhe die Situation nicht unter Kontrolle?

Das irakische Militär ist kriegsmüde. Es kämpft seit zehn Jahren, erst gegen Al Kaida, jetzt gegen die ISIS. Viele Soldaten haben ihre Kameraden sterben sehen. Es gibt sogar Gerüchte, wonach das irakische Militär der ISIS die Stadt Mossul freiwillig übergeben habe.

Wie stark ist die ISIS?
Wir haben keinen Anhaltspunkt, wie viele Kämpfer die ISIS umfasst. Wir wissen nur, dass sie extrem gut bewaffnet sind. Viele ihrer Waffen kommen aus dem syrischen Bürgerkrieg, vom syrischen Militär. Und die ISIS-Kämpfer sind radikal. Diese Jungs lassen Al Kaida aussehen wie Kindergärtler.

Stellen die ISIS und der Krieg im Irak auch eine Gefahr für die westliche Welt dar?
Es besteht eine grosse Gefahr eines Bumerang-Effekts, des so genannten Blow-back-Effekts. Der Syrien- und Irakkonflikt sind nicht mehr direkt trennbar. Dabei kämpft eine grosse Anzahl westlicher Bürger in Syrien und für die ISIS, bis zu 2000 Kämpfer sollen es sei. Der Westen hat grosse Angst vor solchen zurückkehrenden Kämpfern, die ihr extremistisches Gedankengut mit nach Hause bringen.

Haben die USA eine moralische Verpflichtung, jetzt im Irak einzugreifen, weil sie nach ihrer Invasion 2003 dem Land bis heute keinen Frieden bringen konnten?
Die USA griffen im Irak ein, weil sie dort ein Nest der Al Kaida vermuteten. Paradoxerweise gibt es die Al Kaida im Irak erst seit der amerikanischen Invasion. Der damalige US-Präsident George W. Bush hat diesen Konflikt kreiert. Daraus könnte man durchaus eine Verantwortung ablesen, den Irak jetzt weiter zu unterstützen.