Michail Chodorkowski

26. Januar 2014 10:56; Akt: 26.01.2014 10:56 Print

«Putin hatte verboten, mich umzubringen»

Rund zehn Jahre sass der Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski in Lagerhaft. Jetzt spricht er erstmals über seine Zeit im russischen Straflager.

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Der berühmte Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski (50) am 5. Juni 2014 in der S7 Richtung Rapperswil. Michail Chodorkowski ist in der Schweiz angekommen. Am 5. Januar 2014 ist er mit dem Zug in Basel eingetroffen. Der russische Kreml-Kritiker ist zusammen mit seiner Frau Inna und drei seiner vier Kinder, den beiden Söhnen Gleb und Ilja und der Tochter Anastasia, gereist. Auf der Fahrt gab er dem Schweizer Fernsehen Auskunft. Er wiederholte, dass er sich auch von der Schweiz aus für die Befreiung von politischen Gefangenen in Russland einsetzen will. Er habe eine Verantwortung gegenüber der Zivilgesellschaft: «Man kann doch nicht ruhig leben, wenn man weiss, dass in Gefängnissen politische Gefangene schmoren.» Begleitet wurde Chodorkowski vom Moskau-Korrespondenten des Schweizer Fernsehens, Peter Gysling. Am 22. Dezember sprach Michail Chodorkowski erstmals nach zehn Jahren vor den Medien . Auf der Medienkonferenz in Berlin sprach er der deutschen Regierung seinen Dank für deren Hilfe aus und gegen einen Olympiaboykott. Und er verwies darauf, dass es noch weitere politische Häftlinge in Russland gebe. Chodorkowski wurde am 20. Dezember 2013 vom ehemaligen deutschen Aussenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Berliner Flughafen Schönefeld empfangen. Chodorkowski quartierte sich im Luxus-Hotel Adlon ein, vor dem sich eine Schar von Kamerateams aus der ganzen Welt einfand. Boris Chodorkowski, der Vater des Freigelassenen, erreichte das Hotel am 21. Dezember, wo er seinen Sohn wiedersehen durfte. Pawel Chodorkowsky, der älteste Sohn des Kreml-Gegners, traf ebenfalls im Adlon ein. Seine schwerkranke Mutter Marina Chodorkowskaja (mit weisser Mütze) wollte Michail Chodorkowski (links) im Spital besuchen. Sie hatte sich in Berlin behandeln lassen. Doch die Mutter war bereits am 10. Dezember aus dem Spital entlassen worden und wieder nach Russland zurückgekehrt. Das Treffen fand trotzdem in Deutschland statt. Chodorkowski hat unmittelbar nach seiner Freilassung ein Flugzeug Richtung Deutschland bestiegen. Anastasia Chodorkowski, die Tochter des Regimekritikers, tritt am Tag der Freilassung ihres Vaters im russischen Fernsehen auf. Chodorkowskis Frau Inna (l.) und seine Tochter Anastasiya auf dem Weg zu einem Gerichtssaal 2011. Chodorkowskis Eltern Marina (l.) und Boris im Mai 2011 bei einem Interview in einem von ihrem Sohn gegründeten Internat für Waisenkinder. Putins Erzfeind und einst reichster Mann Russlands: Michail Chodorkowski wurde am 20. Dezember aus dem Straflager Segescha nahe der finnischen Grenze entlassen. Hier, in der Strafkolonie Nummer 7 in Segescha im nordwesten Russlands, sass Chodorkowsky die letzten beiden von zehn Jahren ein. Wegen Steuerhinterziehung und Korruption, wie es hiess. Die Verurteilung des einstigen Erdölmagnaten galt allgemein aber als politisch motiviert. Per Helikopter ging es Richtung St. Petersburg. Danach soll der 50-jährige Chodorkowski ein Flugzeug Richtung Deutschland bestiegen haben, wo er sich mit seiner Mutter treffen will. Von dort aus plant er laut «Spiegel» in die Schweiz weiterzureisen. Von Polizisten eskortiert verlässt Kremlgegner Michail Chodorkowski einen Gerichtssaal in Moskau, Dezember 2003.

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Nach seiner Freilassung erzählt der ehemals reichste Russe von seiner Lagerhaft. «Putin hatte verboten, mich umzubringen», sagte Michail Chodorkowski in einem Interview mit der «SonntagsZeitung» und «Le Matin Dimanche». Das habe ihn geschützt.

Auf die Frage, ob er dessen sicher sei, antwortete Chodorkowski: «Sagen wir es so: Das ist meine Vermutung. Ich bin mir dessen nicht sofort bewusst geworden. Doch nach sechs Monaten habe ich begriffen, dass es ein striktes Verbot gab, mich anzurühren.»

Im Lager sei er zunächst in die «schwarze Zone» gekommen. «Dort regieren die Gefangenen.» Es gebe noch die «rote Zone», wo es keine Moral gebe und Chaos und Selbstjustiz herrschten, sowie die «Regime-Zone», welche die «normale Zone» sei.

«In der schwarzen Zone ist fast alles möglich»

Auf die Frage, wo es sich besser lebe, antwortete Chodorkowski, für gewöhnliche Gefangene, das seien 90 Prozent der Inhaftierten, sei die Situation in der Regime-Zone besser. Für jene 10 Prozent, die über Geld und eine gewisse Autorität in der Unterwelt verfügten, sei die schwarze Zone eindeutig besser: «Man verfügt über Telefon, Lebensmittel, Wodka, Drogen. Für mich spielte es keine Rolle.»

In der schwarzen Zone könne ein Inhaftierter unter gewissen Bedingungen sogar seine Baracke verlassen und spazieren gehen. «Es ist alles - oder fast alles - möglich.»

Das Essen im Lager sei recht gut gewesen. «Das hängt von den Insassen ab. Sie stehen in der Küche. Wenn sie kalte oder schlecht zubereitete Mahlzeiten servieren, dann gibt es sofort Ärger.»

Nicht mit Freilassung gerechnet

Er habe nicht damit gerechnet, jemals freizukommen, berichtete Chodorkowski weiter. «Ich lebe nach dem Prinzip 'Nichts glauben, nichts fürchten, nichts fordern'. Das bewahrt einen vor Enttäuschungen. Deshalb hätte ich auch kein Gnadengesuch gestellt, wenn man mich nicht gebeten hätte.»

Der Vorschlag, ein Gesuch zu stellen, sei ihm vom ehemaligen deutschen Aussenminister Hans-Dietrich Genscher über dessen Anwalt überbracht worden. «Aber ich wusste, dass der Vorschlag von Putin stammte.»

(sda)