Kritik am Kreml

15. Juni 2011 15:42; Akt: 15.06.2011 15:57 Print

«Putin teilt Stalins Meinung über die Justiz»

Michail Chodorkowski sitzt an einem unbekannten Ort im Gefängnis. Von dort lässt er die Welt wissen, was er von russischen Gerichten hält und was Wladimir Putin mit Josef Stalin gemeinsam hat.

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Anfang Juni wird Michail Chodorkowski, umringt von Wachleuten, einem Moskauer Gericht vorgeführt. (Bild: Keystone)

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Michail Chodorkowski, Gründer der ersten Privatbank der Sowjetunion und später Ölmagnat und Inhaber des heute insolventen Konzerns Jukos, sitzt seit über acht Jahren im Gefängnis und wurde erst Ende Mai erneut veurteilt (siehe Box). Jetzt lässt Chodorkowski in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie anderen europäischen Zeitungen wissen, was er von der Anklage gegen ihn hält und geht in die Offensive. Das Interview wurde schriftlich geführt, die Fragen der Journalisten haben die Anwälte dem Inhaftierten übermittelt.

Auf die Frage, ob er sich nun still verhalten werde, in der Hoffnung auf eine vorzeitige Haftentlassung, oder ob er weiter seine Meinung offen kundtun wolle, lässt er die Welt wissen: «In den letzten Jahren vor meiner Verhaftung habe ich für bürgerliche Freiheiten gekämpft. Ich habe die Opposition finanziert, unabhängigen Massenmedien geholfen. Das Gefängnis hat die Mittel verändert, aber nicht das Ziel. Mein Verhalten bringt keine neuen Bedrohungen für meine Freunde, meine Familie, meine Kollegen mit sich.» Und weiter: «Für mich selbst habe ich keine Angst. Und ein Leben ohne Ziel – das ist kein Leben. Schon in der Kindheit war mir der Gedanke nahe, dass es besser ist, hell zu glänzen und zu verglühen, als lange sinnlos zu vermodern. Und so lebe ich.»

Nicht internationaler Standard

Auf Wladimir Putin ist der Kremlkritiker nicht gut zu sprechen: «Putin hat mich zu seinem persönlichen Feind ernannt. Offensichtlich teilt er die Meinung Stalins über die Rolle der Justiz. Diese entspricht allerdings nicht internationalem Standard. Aber er ist da nicht der Einzige in Russland...»

Auf die Vorwürfe Putins, dass an seinen Händen Blut kleben soll, will Chodorkowski gar nicht eintreten. Ob er Angst vor einer dritten Anklage habe, einer wegen Mordes, respektive Mordversuch? «Nach der Anklage, ich hätte das ganze vom Unternehmen Jukos geförderte Öl gestohlen, ist es schwierig, mich noch mit irgendwas zu verwundern. Ich ziehe es vor, von den Fakten auszugehen.»

«Macht mich das zum Dissidenten? Ja.»

Zuletzt will die Zeitung vom Inhaftierten noch wissen, ob er sich selber als Dissidenten versteht - nachdem er noch zu Beginn der Jukos-Affäre ebendies mit der Aussage, er sei Geschäftsmann, nicht Dissident, vehement bestritten hatte: «Amnesty International hat mich als Gefangenen aus Gewissensgründen anerkannt. Macht mich das zum Dissidenten? Wenn Sie dabei an einen Menschen denken, der bereit ist, lange Zeit für seine Ideen im Gefängnis zu sitzen, dann ja.»

Allerdings bleibt Chodorkowski bei der ganzen Kritik an Putin und den russischen Gerichten auch erstaunlich selbstkritisch: «Vielleicht habe ich nicht schnell genug verstanden, dass Geld an sich nicht interessant ist», antwortet er auf die Frage, was er als seine grössten Fehler betrachtet.

Die gesammelten schriftlichen Antworten des Inhaftierten sind beim «Wall Street Journal» in englischer Sprache einzusehen.

(jam)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Boit am 15.06.2011 17:53 Report Diesen Beitrag melden

    Recht und Gerechtigkeit

    Oligarchen gehören mitunter nicht zur Gruppe der besonders Sympatischen. Ihr Einfluss auf die Politik folgt in der Regel auch nicht unbedingt dem Solidaritätsgedanken. Mag sein, dass Chodorkowski eine moralische Verurteilung unsererseits verdient. Trotzdem hat jeder Recht auf einen fairen Prozess. Geht man nach den Berichten von Amnesty International (einer doch relativ unabhängigen NGO), so ist die Kritik an Putins Justizverständnis und der entsprechenen Praxis verständlich.

  • Pesche von Basel am 17.06.2011 20:11 Report Diesen Beitrag melden

    Putins Meinung

    .Wir muessen ihm helfen.Das ist unsere Aufgabe.

  • Der Kritiker am 15.06.2011 16:34 Report Diesen Beitrag melden

    Langweilige Kritik

    Ist es nicht süss, wie westliche Medien alle ins selbe Horn blasen? Und immer wieder dasselbe Fazit: Putin ist bös, alle seine Gegner unschuldig. Opfer des totalitären, kommunistischen Systems. Dieses kommunistische System hat uns allerdings keine Finanzkrise verursacht. Dieses kommunistische System führt auch nicht Kriege gegen Staaten, die offensichtlich über keine Atom- und Biowaffen verfügen. Dieses kommunistische System unterstützte auch niemals terroristen (Taliban, Tschetschenen, Paramilitärs in Mittel- und Südamerika usw.).

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Pesche von Basel am 17.06.2011 20:11 Report Diesen Beitrag melden

    Putins Meinung

    .Wir muessen ihm helfen.Das ist unsere Aufgabe.

  • Boit am 15.06.2011 17:53 Report Diesen Beitrag melden

    Recht und Gerechtigkeit

    Oligarchen gehören mitunter nicht zur Gruppe der besonders Sympatischen. Ihr Einfluss auf die Politik folgt in der Regel auch nicht unbedingt dem Solidaritätsgedanken. Mag sein, dass Chodorkowski eine moralische Verurteilung unsererseits verdient. Trotzdem hat jeder Recht auf einen fairen Prozess. Geht man nach den Berichten von Amnesty International (einer doch relativ unabhängigen NGO), so ist die Kritik an Putins Justizverständnis und der entsprechenen Praxis verständlich.

  • Der Kritiker am 15.06.2011 16:34 Report Diesen Beitrag melden

    Langweilige Kritik

    Ist es nicht süss, wie westliche Medien alle ins selbe Horn blasen? Und immer wieder dasselbe Fazit: Putin ist bös, alle seine Gegner unschuldig. Opfer des totalitären, kommunistischen Systems. Dieses kommunistische System hat uns allerdings keine Finanzkrise verursacht. Dieses kommunistische System führt auch nicht Kriege gegen Staaten, die offensichtlich über keine Atom- und Biowaffen verfügen. Dieses kommunistische System unterstützte auch niemals terroristen (Taliban, Tschetschenen, Paramilitärs in Mittel- und Südamerika usw.).

    • Aea Meo am 15.06.2011 16:59 Report Diesen Beitrag melden

      C!

      Auf den Punkt genau!

    • Hans Meier am 15.06.2011 17:04 Report Diesen Beitrag melden

      Der Böse Westen

      Dann zügeln Sie doch nach Russland, wo menschliche Werte noch geschätzt werden, nicht wie im bösen Westen, der verantwortlich für alle Kriege ist..

    • Sepp Lauener am 15.06.2011 17:16 Report Diesen Beitrag melden

      Sehr kritisch...

      Das kommunistische System hat keine Finanzkrise verursacht? Deshalb bezahlen die Westdeutschen bis heute Solidaritätsbeiträge an den ehemals kommunistischen Osten. Und die 112 Millionen Toten unter Mao und Josef sind an dieser Stelle auch nicht erwähnenswert. Komisches Geschichtsverständnis legen Sie an den Tag.

    • Poodel am 15.06.2011 17:18 Report Diesen Beitrag melden

      So viel Ironie...

      auf so wenig Platz! Das ist ein Kunststück! Das System habe nie Terroroisten unterstützt, oder Kriege geführt. HAHAHA.... Sooooooo guet!

    • Peter Meier am 15.06.2011 21:25 Report Diesen Beitrag melden

      Putin hat Angst vor Chodorkowski

      Der Kritiker ist für mich ein unverbesserlicher Stalinist.

    • Wossi am 16.06.2011 11:04 Report Diesen Beitrag melden

      Wissen ist Macht-nichts wissen macht....

      @ Sepp Lauener: 1.Der Solidaritätsbeitrag wird in West und Ost bezahlt... 2.Der Osten Deutschlands war nie kommunistisch sondern sozialistisch... 3.Das Kommunistische System kann gar keine Finanzkrise verursachen....es gibt nämlich gar keins Warum??? Es gibt entscheidende Unterschiede zwischen Sozilaismus und Kommunismus.... PS - Noch eine kleine Info zum Schluss: Von jeder D-Mark und jedem Euro, welche bis heute nach Ostdeuschland geflossen sind, sind ca. 2/3 wieder in die Wirtschaft desWesten zurückgeflossen - warum denn wohl... Wer hat wohl all das Neue im Osten erbaut und errichtet....

    • Nikita s. Chrustchow am 16.06.2011 15:00 Report Diesen Beitrag melden

      Russland 2011 ist Kapitalistisch

      ähm Sie wissen aber schon das Russland seit ca. 20 Jahren nicht komunistisch ist sondern Kapitalistisch. Leider verwechseln viele Komunismus mit einer Regierungsform, ist aber eine wirtschaftsform. Genau so wie es Kapitalistische Demokratien und Diktaturen gibt. ist das beim komunismus auch so. Nur leider gab es nie eine Komunistische Demokratie, diese wurde in der Revulution 1917 in Russland abgewürgt, spähter in Tschechien und Ungarn durch die Soviets, in Mittel und Südamerika durch die USA.

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  • Marc am 15.06.2011 16:20 Report Diesen Beitrag melden

    russische Gesetze

    Jeder der schon mal in der Administration einer russischen Firma gearbeitet hat, der weiss, dass sich keine russische Firma regelkonform führen lässt. Dies liegt am komplexen russischen Aktienrecht. Schlussendlich läufts auf folgendes raus: Die führenden Personen der Firma versuchen mittels Geschenken die regionalen und nationalen Politiker milde zu stimmen. Und wenn den Politikern etwas nicht passt, dann wird die jahrelang tolerierte Praxis einfach als illegal angeschaut.

  • Peter Silie am 15.06.2011 16:01 Report Diesen Beitrag melden

    Als Putin von Jelzin übernahm..

    ..hat er ganz klar eine Devise erteilt: "Wir werden euch in Ruhe lassen wenn ihr eure Steuern bezahlt und euch nicht in die Politik einmischt." Dies alles nachdem bereits weltweit klar war, dass Jelzin überhaupt nichts im Griff hatte in Russland, sondern der Rat der Oligarchen gestützt von Jelzins Tochter Tatyana. Putin hat aufgeräumt und die Oligarchen vertrieben - nur einer wollte sich nicht beugen und nicht nur wirtschaftliche Macht, sondern auch politische: Khodorkovsky... und dafür blutet er nun.

    • Ancronix am 17.06.2011 12:02 Report Diesen Beitrag melden

      Demokratie

      Heisst das jetzt, Putin ist ein lupenreiner Demokrat?

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