20. April 2005 12:16; Akt: 21.04.2005 08:58 Print

«Ratzinger ist eine Katastrophe»

So gross die Hoffnung war, so tief ist jetzt die Enttäuschung.

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Die Wahl des deutschen Kardinals Joseph Ratzinger löst in den meisten Gemeinden Lateinamerikas und Afrikas keinen Jubel aus. Von den Slums am Rand von Tegucigalpa über die Strassen von Buenos Aires bis zu den staubigen Dörfern in Nigeria hatten so viele Katholiken auf einen ersten Papst aus der Dritten Welt gehofft.

«Ich hätte etwas anderes gewollt», sagt der Eisverkäufer Alfonso Mercado in der kolumbianischen Stadt Pereira, «einen Jüngeren, mit neuen Ideen und vielleicht mit dunklerer Haut wie wir.» Viele in der vom Kaffee-Anbau geprägten Stadt hatten auf Kardinal Dario Castrillon Hoyos gehofft, der 22 Jahre lang in Pereira gepredigt hat.

Vor allem in Lateinamerika, wo rund die Hälfte der weltweit 1,1 Milliarden Katholiken lebt, wird die Enttäuschung kaum verhehlt, dass kein Kardinal aus der Dritten Welt zum Papst gewählt wurde. Von einem solchen Oberhaupt hätten sie sich mehr Engagement für den Kampf gegen Armut und Hilfe in den eigenen Nöten versprochen. Und schliesslich sind gleich drei Kardinäle aus Lateinamerika als Favoriten ins Konklave gegangen: Jorge Bergoglio, der 68-jährige Erzbischof von Buenos Aires, Claudio Hummes, der 70-jährige Erzbischof von Sao Paulo, sowie der 62-jährige Erzbischof von Tegucigalpa, Oscar Andrés Rodriguez Maradiaga.

«Es hätte ein Latino sein sollen», sagt die 50-jährige Gloria Vazquez in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa. Aber auch sie folgt dem Ruf der Glocken, die zu Ehren des neuen Papstes in die Kathedrale rufen. «Was sollen wir tun? Wir sind Katholiken.»

Auch der Priester Julio Lancellotti, der sich in Sao Paulo für Obdachlose und Waisenkinder einsetzt, runzelt nur die Stirn, als er die Entscheidung in Rom hört. «Wir akzeptieren den Papst, der gewählt worden ist», sagt der Geistliche. «Ich akzeptiere ihn schweigend. Wir Priester können keine Meinung haben.»

Der kolumbianische Bischof Jaime Prieto räumt ein, dass «wir alle insgeheim hofften, dass der nächste Papst einer von uns sein würde». Aber der Präsident der chilenischen Bischofskonferenz, Monsignore Alejandro Goic, verteidigt Benedikt XVI. und sagt, dass er über «tiefe Kenntnisse von Lateinamerika» verfüge und Spanisch spreche.

«Ratzinger ist eine Katastrophe für Lateinamerika», schimpft hingegen der mexikanische Soziologe Bernardo Barranco. «Er hat es auf sich genommen, die Befreiungstheologie auszulöschen. Er versteht Lateinamerika nicht.» Als Präfekt der Glaubenskongregation belegte Ratzinger den brasilianischen Theologen Leonardo Boff 1985 mit einem Schweigegebot. Boff gehörte zu den Vordenkern der Theologie der Befreiung, die den kirchlichen Kampf gegen die Armut auch politisch gedeutet und mit marxistischen Positionen verbunden hat.

In Afrika sind vor allem die enttäuscht, die sich für die Wahl des nigerianischen Kardinals Francis Arinze eingesetzt haben. In der südostnigerianischen Stadt Onitsha, wo Arinze Bischof war, versammelten sich die katholischen Bewohner in Restaurants und Geschäften, um die Entscheidung im Fernsehen mitzuverfolgen. «Die echten Katholiken in der Welt sind nun in Afrika und Lateinamerika», sagt der 45-jährige Geschäftsmann Okwudili Otti. «Ein Papst aus einem dieser Orte hätte die Kirche gestärkt.» Aber die 30-jährige Bankangestellte Mary Ekpe sagt, sie habe nie gedacht, dass ein afrikanischer Papst gewählt werden könnte. «Ich weiss, dass die Europäer und Amerikaner noch nicht bereit dafür sind», sagt sie. «Aber ich dachte, sie würden jemand aus Lateinamerika wählen.» Immerhin sei die Kirche nicht zur Tradition zurückgekehrt, nur Päpste aus Italien zu wählen.

(ap)