Geschlechtertrennung

27. Dezember 2011 18:53; Akt: 27.12.2011 18:53 Print

«Religionskrieg» um Frauenrechte in Israel

In Israel hat die Forderung ultra-orthodoxer Juden nach einer strikten Geschlechtertrennung zu Krawallen geführt. Auslöser war der Fall einer Achtjährigen, die als Hure beschimpft wurde.

Reportage über Naama Margolese. (Video: AP/YouTube)
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Mehrere hundert ultra-orthodoxe Juden haben sich am Montag in der Stadt Beit Schemesch bei Jerusalem Krawalle mit der Polizei geliefert. Die Demonstranten forderten lautstark eine strikte Geschlechtertrennung im öffentlichen Leben. Ein Beamter wurde nach Polizeiangaben leicht verletzt, mehrere Demonstranten wurden vorübergehend festgenommen. Auch Journalisten wurden Augenzeugen zufolge attackiert, Mülltonnen gingen in Flammen auf.

Den Auseinandersetzungen war der Notruf eines Teams des Fernsehsenders Channel 10 vorausgegangen, das am Montag in der Stadt gefilmt hatte und sich von einer feindlich gesinnten Menge umzingelt sah. Erst tags zuvor war ein Kamerateam von ultra-orthodoxen Juden angegriffen worden als es Schilder filmte, die Frauen aufforderten, nicht vor der Synagoge stehen zu bleiben. Die Polizei verstärkte ihre Patrouillen in Beit Schemesch.

«Unzüchtige» Kleidung

Auslöser der Eskalation war eine Reportage eines anderen Fernsehsenders, die letzte Woche ausgestrahlt worden war. Sie handelte von der achtjährigen Naama Margolese, die in Beit Schemesch eine Mädchenschule besucht. Auf dem Schulweg wird sie fast täglich von ultra-orthodoxen Juden belästigt, teilweise sogar angespuckt und als «Hure» beschimpft. Ihr Vergehen: Sie trägt nach Ansicht der Extremisten «unzüchtige» Kleidung.

Dabei stammt Naama Margolese selbst aus einer orthodoxen Familie. Sie trägt lange Ärmel und einen Rock, wie dies an religiösen Schulen in Israel üblich ist. Ihre aus den USA eingewanderten Eltern praktizieren allerdings einen moderneren Lebensstil als die «Ultras» aus Beit Schemesch, die weltliches Wissen und die Errungenschaften der Aufklärung ablehnen. Dies genügt offenbar, um in deren Augen als «unzüchtig» zu gelten.

Geschlechtertrennung in Bussen

Die Fernsehsendung hat unter säkularen Juden für Empörung gesorgt. «Wer hat Angst vor einer achtjährigen Schülerin?» hiess es am Sonntag auf der Titelseite von Israels grösster Tageszeitung «Jediot Ahronot». Die weltlichen Israelis verfolgen mit Besorgnis das immer aggressivere Auftreten der ultra-orthodoxen Gruppen, die selbst auf Trottoirs eine strikte Geschlechtertrennung durchsetzen wollen. Sie machen rund zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus, ihr Anteil wächst aufgrund einer hohen Geburtenrate jedoch stark.

Bereits seit Ende der 1980er Jahre haben sie in «koscheren» Buslinien, die häufig von Ultraorthodoxen benutzt werden, durchgesetzt, dass Frauen im hinteren Bereich sitzen müssen. Die Praxis erinnert an die Rassentrennung in den USA. In jüngerer Zeit wurde sie immer wieder von Frauen in Frage gestellt. In israelischen Medien häuften sich Berichte über Aggressionen gegen ultra-orthodoxe Frauen, die sich der Rangordnung nicht unterwerfen wollten.

«Existenzielle Herausforderung»

Der Staat sei zu nachgiebig gegenüber den ultra-orthodoxen Juden, kritisiert Frances Raday, emeritierte Jura-Professorin der Hebräischen Universität Jerusalem. Die Ultraorthodoxen missachteten das Recht auf Gleichheit von Männern und Frauen und die in der israelischen Verfassung festgehaltenen Frauenrechte. Menachem Friedman, ein ehemaliger Professor der Universität Bar Ilan und Experte für ultra-orthodoxes Judentum, sprach gegenüber der Nachrichtenagentur AP von einer «existenziellen Herausforderung» für die israelische Gesellschaft.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte in der Kabinettsitzung vom Sonntag ein hartes Vorgehen gegen die Übergriffe an: «Für so etwas gibt es keinen Platz in einem freien und demokratischen Staat.» Allerdings spielen die UItraorthodoxen in der zersplitterten israelischen Parteienlandschaft häufig die Rolle von Mehrheitsbeschaffern. Im Gegenzug erhalten sie grosszügige Subventionen, auch wird ihr Gebaren vom Staat generell toleriert.

(pbl/sda)