Michail Chodorkowski

25. Oktober 2013 23:56; Akt: 25.10.2013 23:56 Print

«Seine Seele ist nicht gebrochen»

von Vladimir Isachenkov, AP - Michail Chodorkowski war der reichste Mann Russlands, als er verhaftet wurde. Obwohl er seit zehn Jahren in Haft sitzt, ist es dem Kreml nicht gelungen, ihn kleinzukriegen.

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Michail Chodorkowski in einem Moskauer Gerichtsaal 2010. (Bild: Keystone/AP/Misha Japaridze/ap)

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Seit genau zehn Jahren sitzt der einst reichste Mann Russlands im Gefängnis. Am 25. Oktober 2003 stürmten maskierte Einsatzkräfte auf einem sibirischen Flughafen den Privatjet des Ölmagnaten Michail Chodorkowski. Der offizielle Vorwurf: Steuerhinterziehung.

Beobachter waren schon damals überzeugt, dass andere Beweggründe hinter der Inhaftierung des Kreml-Kritikers standen. Mit Chodorkowskis Verurteilung und der Zerschlagung seines Ölkonzerns Jukos liess Präsident Wladimir Putin ein Exempel statuieren. Zugleich festigte Putin seine Macht und verstärkte die Kontrolle des Staates über den Energiesektor. Die lukrativsten Jukos-Vermögenswerte fielen an den staatlichen russischen Ölkonzern Rosneft.

Chodorkowski wurde im Jahr 2005 wegen Steuerhinterziehung zu acht Jahren Haft verurteilt. In einem zweiten Verfahren sprach ein Gericht den ehemaligen Jukos-Chef sowie seinen Geschäftspartner Platon Lebedew 2010 wegen Unterschlagung schuldig. Viele sahen in dem Urteil ein Instrument des Kremls, Chodorkowski so lange ausser Gefecht zu setzen, bis Putin ein drittes Mal zum Präsidenten gewählt sein würde.

Chodorkowski brach Pakt

Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung belief sich das Vermögen des damals 40-jährigen Chodorkowski auf umgerechnet etwa elf Milliarden Euro, was ihn zum reichsten Mann Russlands machte. Das wäre er vielleicht heute noch, hätte er Putin nicht offen herausgefordert: Während dessen erster Amtszeit als Präsident finanzierte Chodorkowski nicht nur Oppositionsparteien, ihm wurde auch nachgesagt, selbst politische Ambitionen zu hegen.

Damit brach Chodorkowski eine Art stillschweigende Übereinkunft zwischen Kreml und Oligarchen: Die Regierung kümmert sich nicht um die teils fragwürdigen Umstände der Privatisierungen, die die Wirtschaftsmagnaten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unglaublich reich gemacht hatten. Im Gegenzug halten sich diese aus der Politik heraus.

Freilassung 2014?

Obwohl in den Monaten vor Chodorkowskis Verhaftung der Druck auf den Jukos-Chef zunahm, waren die Ereignisse des 25. Oktober 2003 doch ein Schock für ihn und viele andere. Auf die Frage, was er getan hätte, wenn er schon damals gewusst hätte, dass er die nächsten zehn Jahre im Gefängnis sitzt, antwortete Chodorkowski kürzlich in einem Interview: «Ich fürchte, ich hätte mich erschossen.»

Nach heutigem Stand könnte der dann 51 Jahre alte Chodorkowski im August kommenden Jahres freikommen, Lebedew im Mai. Ihre Unterstützer fürchten jedoch, dass die Staatsanwaltschaft bereits ein neues Verfahren vorbereitet, um die beiden hinter Gittern zu halten.

Familiäre Tragödie

Erst vor wenigen Tagen sagte Chodorkowskis Sohn Pavel der Nachrichtenagentur AP, sein Vater versuche die Aussicht auf ein Ende der Haft zu verdrängen. «Er denkt nicht über eine mögliche Freilassung nach und will sich keine Sorgen über das machen, was als Nächstes kommt.» Für jemanden, der seit zehn Jahren im Gefängnis sitze, sei es nervenaufreibend, sich auf einen bestimmten Termin zu freuen - zumal ungewiss sei, ob dieser Termin nicht wieder gekippt werde.

Chodorkowskis Anwalt, Wadim Kljuwgant, nennt die Inhaftierung seines Mandanten eine «familiäre Tragödie», die auch das Leben vieler Jukos-Mitarbeiter zerstört habe. Eines der vorrangigen Ziele sei gewesen, Chodorkowski kleinzukriegen, «ihn dazu zu bringen, das zu tun, was sie von ihm wollen», sagte Kljuwgant der AP. «Aber das ist ihnen nicht gelungen. Seine Seele ist nicht gebrochen.»