Regierungskrise in Belgien

11. Februar 2011 07:29; Akt: 11.02.2011 10:58 Print

«Sex-Streik» gegen Politkrise

Seit Juni 2010 verhandeln Flamen und Wallonen in Belgien über eine neue Regierung – ohne Erfolg. Eine Senatorin will die Politiker jetzt auf Trab bringen: Ein Sex-Streik solls richten.

Für eine Auszeit im Schlafzimmer: Senatorin Temmerman im Interview. (Quelle: AP Video)
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Marleen Temmerman aus Gent ist 57 Jahre alt, Gynäkologin und sitzt für die flämischen Sozialdemokraten (SP-A) im belgischen Senat. Dies alles ist noch nicht unbedingt schlagzeilenträchtig – wohl aber der jüngste Vorstoss der Parlamentarierin, mit dem sie zielsicher Aufmerksamkeit weit über ihr Heimatland hinaus erregte: Temmerman ruft ihre Geschlechtsgenossinnen zum «Sex-Streik» auf.

Damit soll der Druck zur Lösung der sich dahinschleppenden Polit-Krise erhöht werden. «Wir haben uns gefragt, was die Frauen tun können», erläutert die Parlamentarierin dieser Tage im flämischen Gent den Vorstoss für die erzwungene Auszeit im Schlafzimmer – Vorbilder dafür gibt es auch andernorts und sogar in der Antike.

Obwohl die Idee gar nicht so ernst gemeint war, erntet Temmerman nach ihren Worten viel Zuspruch in Anrufen und E-Mails. «Warum nicht?», urteilt auch Florence Willems, eine Passantin in Brüssel. «Wir wissen nicht, was wir sonst tun sollen, um eine Regierung zu bekommen.»

Warterei nahe am Weltrekord

Belgien steckt seit April 2010 in der Krise, als die Koalition unter Yves Leterme am Streit zwischen flämischen und französischsprachigen Belgiern zerbrach. Nach den Neuwahlen im Juni blieben alle Anläufe für eine neue Regierung und die damit zusammenhängende Staatsreform erfolglos.

Zankäpfel sind die künftige Machtfülle der Gliedstaaten und die Finanzen, der Status der Hauptstadt und die Minderheitenrechte von Frankophonen in Flandern. König Albert II. schickt seit Monaten immer neue Vermittler in die Parteien-Arena, nur um sich hinterher von ihrem Scheitern berichten zu lassen.

Die Wartezeit zwischen Wahlen und Regierungsbildung hat jetzt schon den europäischen Rekord eingestellt, bald könnte der Weltrekord fallen, den noch der Irak hält. Genervt von der Blockade gingen Ende Januar über 30 000 Menschen in Brüssel auf die Strasse.

Bärte wachsen lassen

Einen originelleren Protest veranstaltete der Schauspieler Benoît Poelvoorde. Nach seinem Willen soll der Frust der Bürger bald buchstäblich auf ihren Gesichtern abzulesen sein: Poelvoorde rief die Männer auf, sich nicht mehr zu rasieren, bis eine neue Regierung gebildet wird.

Davon liess sich Senatorin Temmerman inspirieren, auf einer Reise in Afrika. «Ich war in Kenia, als Benoît Poelvoorde seine Idee vorgeschlagen hat.» Ihre afrikanischen Gesprächspartnerinnen brachten sie dann auf den Gedanken, den Männern nachzuziehen.

«Sie haben uns mit der grössten Ernsthaftigkeit daran erinnert, dass sie 2009 zu einem ‹Sex-Streik› aufgerufen hatten», sagt Temmerman. Damals litt Kenia unter blutigen politischen Unruhen, die Männer sollten zur Vernunft gebracht werden.

«Keine wissenschaftliche Studie wird jemals die Wirkung des Aufrufs bestätigen können, aber nach einigen Wochen hatte Kenia eine stabile Regierung», erzählt die Belgierin mit einem Lächeln. Allerdings, so relativiert Temmerman gemäss der flämischen Zeitung «De Standaard», zweifle sie doch am Interesse, das die Belgier am Sex hätten. «In Kenia ist das noch eine andere Geschichte.»

Keine belgische Idee

Dabei ist die Idee ein echter Klassiker. Schon im antiken Griechenland baute der Dichter Aristophanes im Schauspiel «Lysistrata» einen Sex-Boykott ein. Auch Temmerman erinnert auf ihrer Homepage an das antike Vorbild.

Ziel der Frauen damals: das Ende des Peloponnesischen Krieges. Die Athenerin Lysistrata (griech. für «Heeresauflöserin») organisierte den Streik zusammen mit der Spartanerin Lampito, um die kriegslüsternen Männer zum Einlenken zu bringen. Vor fünf Jahren organisierten überdies kolumbianische Frauen einen Streik der «gekreuzten Beine», um Gangster zum Abgeben ihrer Waffen zu drängen.

Auch wenn der Hintergrund in Belgien wesentlich friedlicher ist: Eine voll funktionsfähige Regierung scheint noch in weiter Ferne. Ob der neue königliche Vermittler und kommissarische Finanzminister Didier Reynders ernsthaft an einen Erfolg seiner Mission glauben könne, fragte am Donnerstag ein Politologe in der Zeitung «Le Soir»: Reynders sei sehr intelligent, die Antwort daher «nein».

Ob in dieser Situation ein «Sex-Streik» tatsächlich weiterhilft, bezweifelt nicht zuletzt Temmerman selbst. «Ich glaube nicht, dass viele Frauen die Abstinenz praktizieren werden, noch dass das überhaupt eine Auswirkung auf die Verhandlungen hätte», gesteht die Politikerin.

Sie persönlich hätte aber im Moment keine Probleme mit dem «Streik»: «Mein Mann ist zurzeit in Kenia.»

(dhr/sda)