Proteste in Ägypten

20. Dezember 2011 12:36; Akt: 20.12.2011 22:37 Print

«Sie machen Jagd auf Demonstranten»

Ägypten kommt nicht zur Ruhe: Die Proteste gegen die Militärführung dauern unvermindert an. Die Sicherheitskräfte reagieren laut Augenzeugen mit brutaler Gewalt.

storybild

«Schockierend» und eine «Schande»: Mit diesen harten Worten kritisiert US-Aussenministerin Hillary Clinton die brutale Misshandlung einer Demonstrantin durch die Militärpolizei. (Bild: Youtube)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Angst und Unsicherheit überschatten die zweite Etappe der ägyptischen Parlamentswahl. Am Dienstag - einen Tag vor der Stichwahl für die Direktkandidaten in neun Provinzen - attackierten die Sicherheitskräfte erneut Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo.

Soldaten und Bereitschaftspolizisten gingen mit Gewalt gegen Demonstranten vor. Dabei gab es Verletzte und möglicherweise mehrere Tote. Ein Rettungskoordinator der Demonstranten sagte, vier Menschen seien getötet worden. Ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums im Staatsfernsehen berichtete dagegen von lediglich vier Verletzten.

Augenzeugen berichteten, bei den Auseinandersetzungen seien Steine geworfen worden und Schüsse gefallen. Ein Arzt teilte mit, ein 15-jähriger Demonstrant sei angeschossen worden und schwebe in Lebensgefahr. Es war der zweite morgendliche Militäreinsatz innerhalb von zwei Tagen.

Die Sicherheitskräfte vertrieben die Demonstranten zunächst von dem Platz. Diese kehrten jedoch kurze Zeit später über einen anderen Weg wieder zurück. Beide Seiten bewarfen sich gegenseitig mit Steinen, bevor die Sicherheitskräfte den Platz verliessen.

Militärrat entschuldigt sich noch

Der Militärrat gerät wegen des harten Vorgehens gegen die Demonstranten, bei dem in den vergangenen Tagen mindestens 14 Menschen getötet wurden, im In- und Ausland immer stärker unter Druck.

Ein Mitglied des Rats, Generalmajor Abdel Emara, verteidigte an einer Medienkonferenz das Vorgehen der Sicherheitskräfte. Diese hätten die Pflicht, die staatlichen Institutionen zu schützen, sagte er am Montag.

Eine Entschuldigung für das gewaltsame Vorgehen besonders gegen weibliche Demonstranten lehnte Emara ab. Stattdessen drohte er einer Reporterin, sie hinauswerfen zu lassen, wenn sie ihn erneut unterbreche. Nachdem er wenige Fragen beantwortet hatte, brach der Generalmajor die Medienkonferenz ab.

Am Abend kam dann doch noch eine Entschuldigung des Militärrats. Die Armee werde die dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen, erklärte der Rat.

Menschenrechtskommissarin schockiert

Nach Informationen lokaler Medien hat die Staatsanwaltschaft festgestellt, dass 25 der insgesamt mehr als 700 Verletzten, die nach den Ausschreitungen der vergangenen Tage medizinisch behandelt worden waren, Schussverletzungen hatten. Ein Sprecher des Obersten Militärrates hatte am Montag bestritten, dass die Militärpolizei mit scharfer Munition auf die Demonstranten geschossen habe.

Der Generalsekretär der Arabischen Liga, der Ägypter Nabil al- Arabi, nannte in einem Interview der Tageszeitung «Al-Shorouk» (Dienstag) die Gewalt in Kairo «sehr bedauerlich». Die Verantwortlichen dafür müssten unbedingt zur Rechenschaft gezogen werden.

Die UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, forderte den herrschenden Militärrat am Montag auf, die Sicherheitskräfte strafrechtlich zu verfolgen, die an Gewalt gegen Demonstranten beteiligt gewesen seien. Die Bilder seien «schlichtweg schockierend» und nicht mit der Wiederherstellung von Sicherheit zu rechtfertigen, erklärte Pillay.

(sda)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Titanus am 20.12.2011 14:54 Report Diesen Beitrag melden

    Lange Revolutionszeiten

    Hab ich doch immer gesagt: Eine Revolution dauert fast immer Jahre. Nicht Monaten.

  • Hanfred am 20.12.2011 17:34 Report Diesen Beitrag melden

    Wer nichts aus der Geschichte lernt...

    Wieder einmal muss ein Volk (und der naive Fernsehzuschauer im Westen) mit ernüchterung feststellen, dass man den Diktator, aber nicht die Diktatur entfernt hat. Wer Lust auf noch mehr Ernüchterung hat, google mal die akt. Lage in Libyen - der Vorzeigedemokratisierung dieses Jahres.

  • plipp am 21.12.2011 08:31 Report Diesen Beitrag melden

    Falsch interpretierte Bilder

    An die Redaktion. Man müsste vieleicht das Foto noch einmal genau analysieren. Da tritt einer mit Turnschuhen und Pulover sowie falschen Armeehosen auf die Frau ein und ist somit sicher keiner der Soldaten. Viel mehr sieht es so aus, dass ihn die Soldaten wegziehen oder zumindest fernhalten wollen. Sicherlich sind die Bluttaten nicht ok aber die Medien sollten die Bildauswahl wahrheitsgetreu treffen!!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • plipp am 21.12.2011 08:31 Report Diesen Beitrag melden

    Falsch interpretierte Bilder

    An die Redaktion. Man müsste vieleicht das Foto noch einmal genau analysieren. Da tritt einer mit Turnschuhen und Pulover sowie falschen Armeehosen auf die Frau ein und ist somit sicher keiner der Soldaten. Viel mehr sieht es so aus, dass ihn die Soldaten wegziehen oder zumindest fernhalten wollen. Sicherlich sind die Bluttaten nicht ok aber die Medien sollten die Bildauswahl wahrheitsgetreu treffen!!!

  • Hanfred am 20.12.2011 17:34 Report Diesen Beitrag melden

    Wer nichts aus der Geschichte lernt...

    Wieder einmal muss ein Volk (und der naive Fernsehzuschauer im Westen) mit ernüchterung feststellen, dass man den Diktator, aber nicht die Diktatur entfernt hat. Wer Lust auf noch mehr Ernüchterung hat, google mal die akt. Lage in Libyen - der Vorzeigedemokratisierung dieses Jahres.

  • Ist So am 20.12.2011 16:48 Report Diesen Beitrag melden

    Wie Tiere

    Einfach nur eine Schande!

  • Stefan Goser am 20.12.2011 16:03 Report Diesen Beitrag melden

    Willkommen im Urlaubsparadies Aegypten

    Vielleicht sollte man sich wirklich langsam mal die Frage stellen, ob Ferien in diesem Land überhautp noch angebracht sind.....mit dem kühlen Bellini in der Hand am Strand von Sharm - El - Sheik, während draussen die eigene Bevölkerung weichgeprügelt wird. Gleichgültigkeit pur!

  • Dani am 20.12.2011 15:53 Report Diesen Beitrag melden

    Lernresistenter Westen

    Jeden Tag sterben mehr Leute in Oakland USA als in Syrien und Ägypten zusammen. Es ist eine Schande, dass sich die USA überhaubt erlaubt irgendeinen Ton von sich zu geben. Was soll uns das Bild da übrigens zeigen? Das Gleichberechtigung nicht existiert? Wen interessierts ob da eine Frau oder ein Mann liegt? NIEMANDEN. Solange wir Ausländer meinen, wir könnten unsere Moral einfach so einem Land aufzwängen, solange haben wir nix gelernt und sind mitschuld, amÜbel. Man kann ein Land nicht eifnach ändern wie es einem grad in den Kram passt und denken, die ginge ohne Widerstand über die Bühne.

    • Johanna M. am 21.12.2011 08:02 Report Diesen Beitrag melden

      Tzzz tzzzz um das gehts doch nicht

      Dani, um das gehts doch nicht, ein solcher Akt wie auf dem Foto ist in jedem Fall zu kritisieren, dass hat rein garnichts mit der Aussenpolitik von der USA oder sonst wem zu tun! Mit Frau oder Mann ist doch egal hast du recht, es ist einfach nur Menschenverachtend! Klar, das ist ein Bild, was alles noch passiert auf dieser Welt ist unausprechlich, aber dennoch, ich bin froh verurteilen alle nach wie vor solche Bilder! Zumindest das...und der Druck auf die Militärregierung kann schon zunehmen durch Frau Clinton! Das sei dir bewusst!

    einklappen einklappen