Rückkehr der Gaza-Aktivisten

01. Juni 2010 15:08; Akt: 01.06.2010 17:11 Print

«Sie schlugen manche vor unseren Augen»

Nach den deutschen Aktivisten reden nun auch freigelassene Griechen und eine Türkin. Sie werfen den israelischen Soldaten brutales Vorgehen vor.

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Ein Bild aus einem Video einer türkischen Hilfsgruppe zeigt israelische Soldaten am auf einem Schiff der Solidaritätsflotte. Die Soldaten stürmten die Hilfsflotte von einem israelischen Militärschiff aus. Bei der Erstürmung verletzte Personen werden in ein Spital in Tel Aviv gebracht. Unklar ist, ob es sich dabei um Mitglieder der Solidaritätsflotte oder um israelische Soldaten handelt. Zehn Menschen starben beim Angriff. Undatierte Aufnahme von einem der türkischen Schiffe, die Teil der «Solidaritätsflotte» von 2010 sind. Aus Protest gegen die Erstürmung des türkischen Schiffes hatten am 31. Mai dutzende Demonstranten versucht, das israelische Konsulat zu stürmen. Sie wurden aber von Polizeikräften zurückgedrängt. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Steine werfenden Demonstranten und den Polizisten. Demonstranten mit palästinensischen und türkischen Fahnen vor dem israelischen Konsulat in Istanbul. Demonstranten, umringt von Sicherheitskräften vor der Residenz des israelischen Botschafters Die pro-palästinensische Organisation «Free Gaza» wollte gegen die Abriegelung des Gazastreifens protestieren: Am lief ein Konvoi mit sechs Schiffen aus dem Istanbuler Hafen aus. Sie sollten rund 10'000 Tonnen Hilfsgüter direkt in den Gazastreifen liefern. An Bord hatten sie unter anderem hundert Fertighäuser, 500 Rollstühle und medizinische Ausrüstung. Zwei Tage später wurde eines der Schiffe durch ein israelisches Elitekommando gewaltsam übernommen. Dabei sind der Kapitän verletzt und zehn Menschen an Bord des Schiffes getötet worden.

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Wie die linksgerichtete Israelische Zeitung «Haaretz» berichtet, sind die Boote der Aktivistenflotte in der israelischen Hafenstadt Ashdod vertäut. Bereits sind einige Gefangene freigelassen worden – unter anderem die Türkin Nilufer Cetin, die mit ihrem Baby auf der «Mavi Marmara» reiste, bei deren Erstürmung es zur tödlichen Schiesserei kam. Ihr Mann, der Schiffsingenieur, befindet sich noch immer in Gefangenschaft.

Cetin versteckte sich in ihrer Kabine, als die israelische Kommandoeinheiten das Schiff enterten. «Sie warfen Rauchbomben, dann Benzinkanister », sagte sie gegenüber türkischen Medien nach ihrer Ankunft in Istanbul. Dann habe die Schiesserei begonnen. «Der Schiffboden war mit Blut bedeckt», sagte Cetin. Nach der Gefangennahme hätten die Israelis sämtliche Handys und Laptops konfisziert – Cetin kriegte ihre Sachen nach der Entlassung nicht wieder.

Knüppel und Elektroschocks

Der freigelassene griechische Aktivist Dimitris Gielalis, der auf dem Boot «Sfendoni» mitfuhr, erzählte gemäss Haaretz vor Journalisten in Athen: «Die Soldaten benutzten Plastikkugeln, Elektroschocks, sie schlugen uns – sie setzten jede Methode ein die man sich denken kann.» Als der Kapitän sich geweigert habe, das Steuer zu verlassen, sei er geprügelt worden. Einem Kameramann habe ein Soldat den Gewehrkolben ins Auge geschlagen.

Aris Papadokostopoulos, ein weiterer Grieche, war auf der «Free Mediterranean». Er sagte: «Sie kamen aus der Luft und vom Meer, von überall. Sie traktierten einige mit Elektroschocks und Knüppeln, obwohl auf unserem Boot niemand Widerstand leistete.» Während der Einvernahme seien viele vor ihren Augen geschlagen worden.

«Rein zivile Mission»

Zuvor hatten sich die drei freigelassenen deutschen Linkspartei-Politiker, die an Bord des Schiffskonvois mit Hilfsgütern für Gaza waren, vor den Medien geäussert. Sie werteten die Kommandoaktion als «Kriegsverbrechen und klaren Akt der Piraterie» gewertet.

Der Angriff sei vollkommen unverhältnismässig gewesen, sagte der frühere Bundestagsabgeordnete und Rechtsprofessor Norman Paech am Dienstag in Berlin nach seiner Rückkehr aus Israel. Es habe sich um eine «rein zivile Mission» in internationalen Gewässern gehandelt.

Holzstöcke als Waffen

Paech wies Berichte zurück, die maskierten Elitesoldaten hätten nur in Notwehr zur Selbstverteidigung scharf geschossen, weil sie mit Eisenstangen, Äxten und auch Messern angegriffen worden seien. Er persönlich habe vor der Attacke auf dem Schiff «Mavi Marmara» lediglich «zwei lange und einen etwas kürzeren» Holzstock gesehen.

Während der Erstürmung selbst war Paech auf dem Unterdeck. Er könne daher nicht ausschliessen, dass oben auch Stangen zur Attacke auf israelische Soldaten benutzt worden seien, räumte er ein. Aus seiner Sicht wäre jedoch «nichts daran auszusetzen», wenn einzelne Gaza-Aktivisten versucht haben sollten, «die Soldaten zu entwaffnen».

Frauen im Unterdeck eingeschlossen

Die beiden Bundestagsabgeordneten der Linken, Inge Höger und Annette Groth, berichteten, sie seien zusammen mit allen mitreisenden Frauen während der Erstürmung am frühen Morgen auf einem Unterdeck eingeschlossen gewesen. Ihnen sei noch unklar, ob dies von den türkischen Aktivisten, die das Kommando führten, veranlasst wurde oder von den Israelis. Höger sagte: «Wir haben uns wie im Krieg gefühlt.» Sie appellierte an die israelische Regierung, alle festgenommenen Aktivisten freizulassen. Die Mission habe friedliche Zwecke verfolgt. «Niemand hatte eine Waffe.»

Deutscher Arzt sah rund 50 «erheblich» Verletzte

Der deutsche Arzt Matthias Jochheim, der für die Friedensorganisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges / Ärzte in sozialer Verantwortung) an Bord der «Marmara» war, sagte, er habe selbst vier Tote gesehen und rund 50 «erheblich» Verletzte, davon der Grossteil mit Schusswunden.

Paech sagte, mit als Erstes seien drei verletzte israelische Soldaten nach unten in das Lazarett des Schiffs gebracht worden. Einer habe nach seinem Eindruck «eventuell einen Kreislaufkollaps» erlitten, die beiden anderen seien am Arm verletzt worden.

Die Linken-Parteichefin Gesine Lötzsch sagte, Bundeskanzlerin Angela Merkel hätte angesichts des «verbrecherischen Angriffs» den israelischen Botschafter einbestellen müssen. Sie sei «sehr stolz» auf den mutigen Einsatz der Aktivisten.

Fünf von elf Deutschen sind zurück

Am Vormittag waren fünf von elf deutschen Aktivisten wohlbehalten zurück in Deutschland gelandet. Aussenminister Guido Westerwelle verlangte Aufklärung über das Schicksal von sechs weiteren Bundesbürgern, die ebenfalls Teilnehmer an dem Hilfskonvoi waren. Die Schiffe mussten nach der fehlgeschlagenen Hilfsaktion für Gaza den israelischen Hafen Aschdot anlaufen.

Bei dem Einsatz gegen sechs Schiffe in internationalen Gewässern wurden mindestens neun pro-palästinensische Aktivisten getötet und Dutzende Menschen verletzt. Das blutige Vorgehen der Streitkräfte stiess im Ausland auf Empörung und scharfe Kritik.


Aktivisten werden bei der Landung im Hafen abgeführt.

(ap)