Fall Kampusch

29. Juni 2012 13:58; Akt: 02.07.2012 16:04 Print

«Staatsanwälte und Polizei haben versagt»

von K. Leuthold/F. Burch - Zu viele Hinweise wurden ignoriert, zu viele Fragen blieben offen: Ein Ausschuss will den Fall Kampusch neu aufrollen lassen. Im Bericht kommen Ermittler und Staatsanwälte schlecht weg.

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Jetzt also doch noch: Im Fall Kampusch hat der Unterausschuss für Innere Angelegenheiten einen Entscheid getroffen. Sechs Jahre nach der Flucht des Entführungsopfers Natascha Kampusch empfiehlt der Ausschuss, die Causa erneut zu untersuchen. Dazu sollen Cold-Case-Spezialisten des FBI oder Experten des Bundeskriminalamts aus Deutschland (BKA) beigezogen werden. Die Begründung für ein Wiederaufrollen ist im mehrseitigen Bericht, der an das Bundesministerium für Innere Angelegenheiten und das Bundesministerium für Justiz geht, aufgeführt:

1. Die Ermittler von Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei sind ihrer Aufgabe nicht mit der nötigen Sorgfalt und Professionalität nachgegangen.

2. Den wesentlichen Fragen, die sich im Lauf der Ermittlungen ergeben haben, ist man nicht ausreichend nachgegangen.

Klare Worte im Bericht

Im Bericht wird klar und deutlich von «offensichtlichen Ermittlungsfehlern» und einer «bedenklichen Vernachlässigung von Erkenntnissen» gesprochen. Dazu gehört etwa, dass den Aussagen der Augenzeugin Ischtar A., die stets sagte, am Entführungsort zwei Männer gesehen zu haben, wenig Beachtung geschenkt wurde. Man will nun überprüfen, ob Beamte Ischtar A. im Jahr 2009 unter Druck gesetzt hatten. Die Aussagen von Ischtar A. sind deshalb so zentral, weil die Frage nach allfälligen Mittätern oder Mitwissern nebst Wolfgang Priklopil weiter ungeklärt bleibt.

Ein weiterer «schwerer Ermittlungsfehler» gemäss dem Ausschuss: Der Hinweis eines Polizeihundeführers, der Wolfgang Priklopil als Entführer nahelegte, wurde nicht beachtet. Wäre man diesem und einem weiteren Hinweis aus Priklopils Nachbarschaft nachgegangen, hätte Kampusch möglicherweise viel früher befreit werden können, so der Ausschuss.

Viele offene Fragen

Es folgt eine Aufzählung von unzähligen Widersprüchen und unterlassenen Ermittlungen, die jetzt endlich untersucht werden sollen. «Warum fuhr Wolfgang Priklopil in ein Waldstück, telefonierte dort und stellte fest, dass Natascha Kampusch nicht abgeholt würde? Warum erfolgte die Entführung am 2. März 1998, obwohl das sogenannte Verlies zu diesem Zeitpunkt nicht fertiggestellt war? In welchem Zusammenhang stehen Geldüberweisungen an und von Wolfgang Priklopil über ein Konto seiner Mutter unmittelbar vor und nach der Entführung?» – diese Fragen stellte der Abgeordnete Werner Amon an einer vom Parlament einberufenen Pressekonferenz.

Mehr als einmal erwähnt der Ausschuss in seinem Bericht auch Ernst H., Priklopils besten Freund, der eine dubiose Rolle im Fall Kampusch spielte und auch schon als Mittäter verdächtigt wurde. Für Ernst H. gilt die Unschuldsvermutung. Er könnte nun aber in den Fokus der Justiz geraten.

Klares Zeichen gesetzt

Nebst den neuerlichen Ermittlungen im Fall Kampusch sollen in Zukunft die mächtigen Staatsanwälte, die in der Causa unter anderem des Amtsmissbrauchs beschuldigt wurden (das Verfahren wurde eingestellt) besser kontrolliert werden. Der Kampusch-Ausschuss argumentiert: Die Staatsanwaltschaft habe im Entführungsfall miserabel gearbeitet und sei womöglich von aussen beeinflusst worden. Deshalb sei eine bessere Kontrolle angebracht.

Peter Pilz, Abgeordneter der Grünen, sagt: «Die Staatsanwaltschaft und die Kriminalpolizei haben komplett versagt.»

War Priklopil wirklich ein Einzeltäter?

Zunächst sollen nun FBI und BKA die 14 Jahre zurückliegende Entführung von Kampusch untersuchen. Laut der seriösen österreichischen Zeitung «Der Standard» gilt es als sicher, dass die externen Cold-Case-Ermittler beigezogen werden. Und weiter schreibt das Blatt: «Es kann nichts schaden, wenn sich Profis von aussen den Fall ansehen, solange es so massive Zweifel gibt, dass Wolfgang Priklopil ein Einzeltäter war. Man kann nicht ausschliessen, dass Mitwisser dem Opfer selbst nicht bekannt waren.» Das habe nichts mit Verschwörungstheorien zu tun.

20 Minuten Online veröffentlichte Anfang Jahr eine Serie zum Fall Kampusch und publizierte bisher unveröffentlichtes Material. Es wurden Widersprüche, Fehler und Vertuschungen aufgezeigt. Pannen, die offenbar auch der Untersuchungsausschuss für unhaltbar hielt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • daniel duthaler am 30.06.2012 10:28 Report Diesen Beitrag melden

    Wer *A* sagt muss auch *B* sagen

    NK hat die Öffentlichkeit gesucht und jetzt wo es unangenehme Fragen oder Unstimmigkeiten gibt, will sie die Öffentlichkeit nicht mehr - hmm... da ist doch was faul. Sie hat sicher schlimmes durchgemacht, doch es ist ja auch bekannt, dass Opfer sich zu Tätern hingezogen fühlen können...

  • von mir am 29.06.2012 15:27 Report Diesen Beitrag melden

    bewusst und mit voller Absicht?

    Ich frage mich schon lange, ob da bewusst und mit Absicht einiges verschlampt wurde. Ich hoffe, dass all diesen Leuten ganz genau auf die Finger geschaut wird.

  • Psych am 29.06.2012 16:39 Report Diesen Beitrag melden

    sowieso schlimm

    Alles unüberblick- und auch nicht abseh-bar. Sie kann Opfer aber auch Täterin sein. Allerdings: Im Alter der Entführung vermutlich eher Flüchtling (von zuhause). Dass sie misshandelt wurde; wer weiss. Auf jeden Fall die letzten Jahre freiwillige "Gefangenschaft". Traue weder der Justiz und Polizeit in diesem Fall, aber auch nicht einer jungen Frau, die sich allenfalls in relevanten Punkten ein paar Geschichten ausdachte. Das Opfer wird nicht zum Täter gemacht; aber Ehrlichkeit wäre halt auch ratsam. Nie erwachsen geworden, auch wenn dies so scheinen mag und Ihre Welt sich neu erdacht.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Fischer Andrea am 30.06.2012 23:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Waren wir dabei?

    Wir alle! Waren Gott sei dank nicht dabei! Wie also kann man "Menschenkenner" sein? Wie kann jemand behaupten dies und das muss Natascha erlebt oder nicht erlebt haben?! Bitte, lasst die Behörden ihre Arbeit machen! Und hoffentlich kann der Fall dann abgeschlossen werden. Ändern wird sich das Erlebte für Natascha und all die anderen gepeinigten Kinder nicht. Wir können unsere Augen und Ohren offen halten, das es in unserer Umgebung so etwas nicht gibt!

  • Peter2106 am 30.06.2012 12:14 Report Diesen Beitrag melden

    Es geht nur ums Geld.

    Leute, hier geht es doch nur um das Eine: Geld! Der fall ist durch das Buch von Frau Kampusch so interessant geworden, dass sich die Meute auf das Wild stürzt, lies, die sensationsgeilheit des Menschen wird hier voll und ganz ausgenutzt. Profitieren tun damit Viele, angefangen bei Frau K. selbst.

  • Phibu Bungi am 30.06.2012 10:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sherlock Holmes

    Wo ist Detektiv Conan wenn man ihn mal braucht ?

  • daniel duthaler am 30.06.2012 10:28 Report Diesen Beitrag melden

    Wer *A* sagt muss auch *B* sagen

    NK hat die Öffentlichkeit gesucht und jetzt wo es unangenehme Fragen oder Unstimmigkeiten gibt, will sie die Öffentlichkeit nicht mehr - hmm... da ist doch was faul. Sie hat sicher schlimmes durchgemacht, doch es ist ja auch bekannt, dass Opfer sich zu Tätern hingezogen fühlen können...

  • S.Z am 30.06.2012 08:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Opfer

    Ich habe ihr buch gelesen, ich denke nicht dass sie ein täter war, sondern opfer, ich denke auch dass sie etwas verschweigt, aber ich denke sie tut es um sich selbst zu schützen!!! Ich glaube diese frau weiss unglaublich viel, ich könnte mir sogar vorstellen, dass sie zum schweigen verdonnert wurde.. Wer weiss ob sie erpresst wird/wurde oder gekauft ist... Dazu glaube ich dass nicht nur die österreicher so sind, sondern die ganze welt ist käuflich, die frage ist nur zu welchem preis...