Attentat

12. Dezember 2018 11:42; Akt: 12.12.2018 19:02 Print

«Strassburg ist so nah, der käme zu Fuss hierher»

Der Mann, der am Strassburger Weihnachtsmarkt zwei Menschen tötete, ist flüchtig. Die Schweizer Grenzen waren heute Morgen erschreckend leer. Nun reagieren die Behörden.

Bildstrecke im Grossformat »
Am Grenzübergang zwischen Frankreich und Deutschland in Kehl steht nach dem Attentat in Strassburg ein massives Sicherheitsaufgebot bereit und kontrolliert alle Grenzübertritte. Auf der Europabrücke zwischen Strassburg und dem deutschen Kehl patrouillieren Mitglieder der französischen Interventionseinheit. Am Grenzübergang Saint-Louis, wo das 11er-Tram hinfährt, sind am frühen Mittwochmorgen noch keinerlei erhöhten Sicherheitsmassnahmen zu erkennen. Nicht einmal ein Polizist sei vor Ort gewesen, meldeten unsere Reporter. Der zweite Besuch vor Ort am Grenzübergang Saint-Louis um 10.30 zeigt, dass alles Grenzübertritte aus Frankreich in die Schweiz kontrolliert werden. Laut unseren Reportern herrscht aber wenig Betrieb an der Grenze. Auch der französische Bus 604, der von Saint-Louis nach Basel an die Schifflände fährt, wird kontrolliert. Auch am Autobahnübergang von Basel nach Frankreich scheint es am Mittwochmorgen keine erhöhten Sicherheitsmassnahmen zu geben. Der Autobahnübergang Basel/Frankreich um 10.30 Uhr. Strassburg liegt ungefähr 120 Kilometer von Basel entfernt. Bereits in der Nacht riegelte die deutsche Polizei den Grenzübergang in Kehl ab. Auch beim Tram zwischen dem deutschen Kehl und Strassburg ist die deutsche Polizei sichtbar präsent. Jedes Fahrzeug wird am Grenzübergang Kehl angehalten und durchsucht. Schwer bewaffnete Polizisten markieren an der deutsch-französischen Grenze Präsenz. In Strassburg selbst, wo am Dienstagabend der mutmassliche Attentäter Cherif Chekatt mindestens zwei Menschen erschossen hat, sind überall schwer bewaffnete Spezialeinheiten zu sehen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Am Dienstagabend hat ein Mann auf dem Strassburger Weihnachtsmarkt zwei Menschen erschossen und mindestens zwölf weitere verletzt, die Hälfte davon schwer. Der verletzte Täter ist flüchtig. Er hat sich vor dem Anschlag bereits in der Schweiz aufgehalten. Er soll während mehr als einem Jahr in Basel im Gefängnis gesessen haben.

Strassburg liegt nur rund 120 Kilometer von Basel entfernt. Doch die Schweizer Grenzposten waren heute Morgen nur schwach besetzt, wie Bilder von 20 Minuten zeigen (siehe Bildstrecke). Anders die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland: Sie wurden schon am frühen Morgen stark bewacht. Mittlerweile wird auch die Schweizer Grenze intensiver kontrolliert, wie die neusten Bilder zeigen. Die Eidgenössische Zollverwaltung, die für das Grenzwachtkorps zuständig ist, teilt auf Anfrage mit, sie stehe in engem Kontakt mit den ausländischen Behörden, insbesondere der Police aux frontières und der Deutschen Bundespolizei. «Das Dispositiv an der Nordgrenze wurde punktuell verstärkt und geeignete taktische Massnahmen wurden ergriffen», sagt Sprecher David Marquis.

«Sicherheitslage vergleichbar mit der Schweiz»

Der Elsässer Georges*, der in Saint-Louis wohnt und täglich von Basel nach Zürich pendelt, sagte zu 20 Minuten: «Ich war geschockt, als ich vom Anschlage erfuhr. Strassburg ist so nahe, dass der Täter mittlerweile sogar zu Fuss bis zu uns hätte gelangen können.» Bisher habe sich der Terror in Frankreich bisher eher in Paris abgespielt, dass nun das Elsass betroffen sei, erstaune ihn.

Strassburg kenne er gut, sagt Georges. Er sei früher häufig für ein Wochenende dorthin gefahren und habe auch den Weihnachtsmarkt schon besucht – zuletzt vor zwei Jahren. «Das Elsass habe ich von der Sicherheitslage stets eher wie die Schweiz eingestuft.» Er verstehe nicht, wie der Täter zuerst mit einem Taxi vom Tatort fliehen konnte und noch immer nicht gefasst worden sei. «Angst habe ich nicht, aber ich habe mich auf dem Weg zum Zug dabei ertappt, wie ich unbewusst Ausschau halte, ob ich irgendjemanden Verdächtigen sehe», so Georges.

Schweizer Weihnachtsmärkte

Der Anschlag rückt die Frage nach der Sicherheit an Schweizer Weihnachtsmärkten in den Fokus. Kürzlich machte die «SonntagsZeitung» publik, dass das Wienachtsdorf auf dem Zürcher Sechseläutenplatz anders als andere Märkte nicht mit mobilen Terror-Bollern ausgestattet ist. Die Betreiberin war für 20 Minuten bisher nicht erreichbar. Marco Cortesi von der Stadtpolizei Zürich sagt: «Die Geschehnisse in Strassburg werden sehr ernst genommen. Momentan läuft deshalb eine Lagebeurteilung.» Zudem finde ein intensiver Austausch mit der Kantonspolizei sowie dem Nachrichtendienst des Bundes statt.

Im Gegensatz zu Zürich sind am Berner Weihnachtsmarkt Betonklötze aufgestellt. Norbert Esseiva, Leiter der Orts- und Gewerbepolizei Bern, sagt, es gelte dasselbe Sicherheitskonzept wie im Vorjahr. Dieses sieht Betonklötze, die gewisse Zufahrten schützen, und weitere Massnahmen vor. «Wir werden keine Änderungen vornehmen, sofern sich keine Hinweise auf eine erhöhte Gefährdung unseres Weihnachtsmarktes ergeben.» Darüber entscheide die Kantonspolizei.

Bedrohungslage schon länger als erhöht eingestuft

Dominik Jäggi, Mediensprecher der Kantonspolizei Bern, bestätigt, dass schon seit mehreren Jahren bauliche Massnahmen wie die Betonklötze für die Sicherheit eingesetzt würden. «Die terroristische Bedrohungslage wird von den zuständigen Bundesbehörden schon seit längerem als erhöht beurteilt. Diese Einschätzungen auch in unsere Sicherheitsvorkehrungen mit ein.» Zudem sei die Polizei an Weihnachtsmärkten auch in diesem Jahr wieder präsent. «Ergeben sich aus unserer Lagebeurteilung neue Erkenntnisse, werden, wo nötig, punktuell zusätzliche Sicherheitsmassnahmen ergriffen.»

Heute Mittwoch wird auch in Baden der Weihnachtsmarkt eröffnet. Die Kantonspolizei Aargau überprüfe nun, ob das Sicherheitskonzept geändert werden müsse, sagt Sprecher Bernhard Graser.

*Name der Redaktion bekannt

(jk/mat)