Nach der Wahl

06. Mai 2012 23:51; Akt: 07.05.2012 05:02 Print

«Super-Sarko» hat sich verrannt

von Annika Joeres, dapd - Höhere Arbeitslosigkeit, tiefere Kaufkraft, gesunkene Kreditwürdigkeit: Den Franzosen geht es heute schlechter als vor fünf Jahren, als Nicolas Sarkozy ins Elysée einzog. Ein Rückblick.

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Es hat alles nichts genutzt, auch nicht der Griff in die nationalistische Trickkiste: Präsident Nicolas Sarkozy und Ehefrau Carla Bruni bei der Stimmabgabe am 6. Mai 2012.

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Nicolas Sarkozy muss einer historischen Niederlage ins Auge schauen: Als erster Präsident Frankreichs seit 31 Jahren scheidet der 57-Jährige nun schon mit Ablauf seiner ersten Amtszeit aus. Dabei riskierte der Jurist in den vergangenen zwei Wochen noch einmal alles: Mit nationalistischen Tönen versuchte er, die im ersten Wahlgang so zahlreichen Anhänger der rechtsextremen Front National für sich zu gewinnen. Mit überbordendem Selbstbewusstsein stürmte Sarkozy von Rede zu Rede und schlug einen immer rechtskonservativeren Weg ein.

Womöglich hat Sarkozy den Bogen dabei überspannt. Sein Fernsehspot, in dem maghrebinische Jugendliche von Polizisten gefilzt werden und die von Migranten bewohnten Vorstädte brennen, hat viele verschreckt. Zuletzt wandte sich der Mitte-Politiker François Bayrou unter dem Vorwurf «rechtsextremer Tendenzen» von Sarkozy ab, obwohl Bayrou programmatisch eigentlich der UMP näher steht als den Sozialisten.

Die vergangenen fünf Jahre liefen nicht gut für «Super-Sarko», wie er noch 2007 genannt wurde. Die weltweite Wirtschaftskrise überschattete alle nationalen Programme, die Arbeitslosigkeit stieg sprunghaft an, und der umtriebige Politiker, der wegen seiner kleinen Statur und seiner hektischen Bewegungen als «Speedy Gonzales» bezeichnet wird, hat nur wenige seiner Versprechungen durchsetzen können.

Sein wichtigster Slogan war noch 2007, «mehr zu arbeiten um mehr zu verdienen». Der in Frankreich magische Begriff der «Kaufkraft» beherrschte die Debatten. Inzwischen aber höhnen die Franzosen, dass sie mehr arbeiten und weniger verdienen. Die Krise der Banken hat die versprochenen lukrativen Zusatz-Jobs und grosszügig entlohnte Überstunden hinfällig gemacht.

«Eigentlich kein präsidialer Typ»

«In Deutschland hätte Sarkozy nicht einmal den Hauch einer Chance gehabt», sagte Henrik Uterwedde, Vize-Chef des deutsch-französischen Instituts in Ludwigsburg. «Der einzige Sarkozy ähnelnde Typ war früher einmal Aussenminister Guido Westerwelle.» Der Geisteswissenschaftler ist überrascht über Sarkozys Erfolg in Frankreich: «Sarkozy kann sich kaum beherrschen und läuft mit stetig unterdrückter Aggressivität durchs Land, er ist eigentlich kein präsidialer Typ.»

Dies zeigte auch die Fernsehdebatte zwischen ihm und Herausforderer François Hollande. Der zuvor so siegesgewisse Sarkozy hatte Hollande unterschätzt und wurde schliesslich von dem angriffslustigen Sozialisten in die Enge getrieben. Je mehr er sich verteidigen musste, umso mehr fielen wieder seine alten Ticks auf: Sarkozy wackelte auf dem Stuhl hin und her, und hinter der lächelnden Fassade schien er seine aufsteigende Wut nur schwer zurückhalten zu können.

Spontan am überzeugendsten

Sarkozy ist immer dann überzeugend, wenn er spontan mit den Menschen reden kann, wenn er über Themen wie zum Beispiel Europa spricht, die ihm persönlich am Herzen liegen. Nun aber schien er «über-coacht» - häufig wirken seine Sätze wie auswendig gelernt.

Sarkozys ausladende Körpersprache hat auch schon Bundeskanzlerin Angela Merkel mehrfach aus der Bahn geworfen: Er fasst immer wieder Gesprächspartner am Arm oder tätschelt die Hand. Sarkozy, so beschrieb es einmal der Pariser Korrespondent der englischen Tageszeitung «The Independent», wirke auf ihn wie ein «ungeduldiges, zehnjähriges Kind».

Tatsächlich verlor Sarkozy in den vergangenen Jahren einige Male die Beherrschung. Bei seiner letzten Wahlkampfveranstaltung am Freitag fuhr er einen Journalisten scharf über das Mikrophon an, weil dieser ihm den Rücken zugewandt hatte. Auf der immer noch sehr einflussreichen Messe der französischen Bauern beschimpfte er einen Zuschauer als «schmutzigen Idioten». Auch in seinen morgendlichen Ministerkonferenzen soll Sarkozy einige Male die Beherrschung und damit auch einige Mitstreiter verloren haben.

Sehnsucht nach Bewahrer in der Krise

Beim Wahlkampf 2007 erwarteten die Franzosen offenbar genau dieses Ungestüme - es sollte ein frischer, unbekümmerter Präsident sein, der alles anders machen würde als seine Vorgänger. Schliesslich hatte damals Jacques Chirac mehr als zehn Jahre lang regiert. Und der Mittsiebziger mit seinen einflussreichen Freunden verkörperte für viele Wähler den elitären Stillstand der konservativen Partei. Sarkozy kam mit einem neuen Programm, er holte auch Persönlichkeiten aus der Opposition in sein Kabinett und versprach eine neue Republik.

Aber in der Krise wollten die Franzosen jemanden, der ihren Wohlstand bewahrt. Und da hat Sarkozy aus ihrer Sicht mehrfach versagt: Die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr, Frankreich verlor das von ihm zuvor so beschworene Rating Triple-A, die Kaufkraft der Franzosen ist gesunken.

Möglicherweise wird Sarkozy ganz aus der Politik verschwinden: Vor Journalisten kündigte er schon im Januar an, im Falle einer Niederlage in die Wirtschaft wechseln zu wollen.