28. April 2005 14:00; Akt: 28.04.2005 14:01 Print

«Tag der Befreiung»

Heinrich Böll hat daraus eine Testfrage gemacht: In seinem fiktiven «Brief an meine Söhne» hiess es: «Ihr werdet die Deutschen immer wieder daran erkennen können, ob sie den 8. Mai als Tag der Niederlage oder der Befreiung bezeichnen.»

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Die Deutschen und ihre Politiker taten sich jahrzehntelang schwer mit dieser politisch-moralischen Frage zum Ende der Nazi- Herrschaft. Erst der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker durchschlug den Knoten. «Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung», sagte er 1985 in einer viel beachteten Gedenkrede.

Damit setzte er 40 Jahre nach Kriegsende zum Befreiungsschlag an. Seine Rede enthielt drei unbequeme Thesen: Die Deutschen wurden befreit. Allen Opfern des Nationalsozialismus gebührt Respekt und Trauer. Und: Mitläufer tragen eine Mitschuld am Nazi-Regime.

«Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten», sagte der Christdemokrat. Weizsäckers Rede wurde in kurzer Zeit in 1,2 Millionen Exemplaren verbreitet und steht heute in fast jedem Geschichtsbuch.

Noch zum 50. Jahrestag betonte sein Nachfolger im Präsidenten- Amt, Roman Herzog, Weizsäcker habe zum 8. Mai «Richtung weisendes, ja Abschliessendes gesagt».

Dass sich Weizsäckers Worte tief eingegraben haben in das Bewusstsein vieler Deutschen, zeigt eine aktuelle Umfrage. Danach werten acht von zehn Bundesbürgern das Kriegsende als «Tag der Befreiung». Nur neun Prozent sehen den 8. Mai 1945 als «Tag der Niederlage Deutschlands» an. Für sechs Prozent trifft beides zu.

(sda)