Zu Guttenberg

16. Februar 2011 22:33; Akt: 17.02.2011 09:21 Print

«Titelverliebtheit» wird zur Schummelfalle

Eine Professorin für Medieninformatik kritisiert die zunehmende «Titelverliebtheit» in der Gesellschaft: Einen Titel brauche nur, wer in der Wissenschaft arbeite.

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Soll ganze Passagen seiner Dissertation ohne Quellenangabe abgeschrieben haben: Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.

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Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg soll seine Dissertation teilweise abgeschrieben haben und verliert deshalb womöglich seinen Doktortitel. Der CSU-Politiker wies die Vorwürfe zweier Rechtsprofessoren, seine Arbeit sei stellenweise eine Täuschung, am Mittwoch als «abstrus» zurück. Auch sein Doktorvater verteidigte ihn. Die Universität Bayreuth leitete dennoch eine Überprüfung ein.

Der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano trat die Debatte mit einer Rezension im Fachblatt «Kritische Justiz» los. Guttenberg hatte die Arbeit 2006 an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät eingereicht und dafür die Bestnote summa cum laude erhalten. Fischer-Lescano fand nun bei einer Google-Recherche heraus, dass sich Textduplikate durch die gesamte Arbeit ziehen. Die Stellen, an denen sich ohne Nachweis wortgleiche Parallelen mit fremden Texten finden, umfassen demnach mehrere Seiten. Offensichtlich kopierte Abschnitte, die die «SZ» abdruckte, sollen aus der «Neuen Zürcher Zeitung» am Sonntag und einem Vortrag am Liechtenstein-Institut stammen. Der Wissenschaftler sagte der «Süddeutschen Zeitung», Guttenbergs Arbeit sei an mehreren Stellen «ein dreistes Plagiat» und «eine Täuschung».

Im Laufe des Tages kam noch ein weiterer Vorwurf hinzu. So berichtete die «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» in ihrer Online-Ausgabe, dass der einleitende Absatz der Doktorarbeit sich fast wortwörtlich mit einem am 27. November 1997 in dem Blatt erschienenen Text der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig über das Vorbild Amerikas für Europa decke. Das Zitat sei bei zu Guttenberg weder im Text als solches kenntlich gemacht noch sei Zehnpfennig als Quelle angegeben, hiess es.

Guttenberg verteidigte sich vehement. «Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung», erklärte er. «Ich bin gerne bereit zu prüfen, ob bei über 1.200 Fussnoten und 475 Seiten vereinzelt Fussnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten und würde dies bei einer Neuauflage berücksichtigen.» Er fügte hinzu: «Und sollte jemand auf die Idee kommen zu behaupten, Mitarbeiter meiner Büros hätten an der wissenschaftlichen Erarbeitung meiner Dissertation mitgewirkt, stelle ich fest: Dies trifft nicht zu.»

Zunehmende «Titelverliebtheit»

In Deutschland hat der Plagiatsvorwurf eine neue Debatte um die Wichtigkeit eines «Titels» losgetreten. Debora Weber-Wulff, Professorin für Medieninformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin schreibt dazu in ihrem Beitrag «Mogelpackung – Was leisten Plagiatserkennungssysteme?», schon Bertold Brechts Dreigroschenoper sei eine Plagiat gewesen: «Denn auch Brecht hat sich genommen, was er brauchte, und seine Dreigroschenoper in grossen Teilen aus der Übersetzung der Gedichte von François Villon durch Karl Ammer zusammengesetzt».

Im Zusammenhang mit den Plagiatsvorwürfen gegen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg kritisiert Weber-Wulff eine zunehmende «Titelverliebtheit» in der Gesellschaft. «Die Leute wollen gerne ihre Titel haben», sagt die Wissenschaftlerin am Mittwoch der Nachrichtenagentur dapd. Das habe in der Politik und in der Wirtschaft aber nichts zu suchen, sondern sei nur für die Wissenschaft wichtig - als erste eigenständige wissenschaftliche Arbeit. «Wir müssen davon wegkommen, dass der Doktor gesellschaftlich relevant ist.»

Bei den in der «Süddeutschen Zeitung» veröffentlichten Passagen aus Guttenbergs Doktorarbeit von 2009 handelt es sich nach Ansicht der Medien-Professorin um eine quellenlose «Eins-zu-eins-Kopie». «Das geht so nicht», sagt Weber-Wulff. Die Bayreuther Universität werde jetzt zu prüfen haben, ob es weitere übernommene Passagen gibt, und entscheiden müssen, ob sie eine Rüge ausspricht, die Note herabstuft oder die Anerkennung der Dissertation entziehen wird.

«Wie viele Fälle es gibt, wissen wir nicht»

Beispiele dafür gibt es durchaus. So wurde laut Weber-Wulff 2004 einem Doktoranden der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen im Nachhinein der Titel entzogen. Einen weiteren Fall habe es an der Universität in Saarbrücken gegeben. «Wie viele Fälle es gibt, wissen wir nicht», räumte die Professorin ein.

Belastbaren Zahlen für solche Raubkopien gibt es Angaben des Deutschen Hochschulverbandes nicht. Doch würden im «Zeitalter von Copy & Paste und dem Internet» wohl Fälschungen zunehmen, sagte Verbandssprecher Matthias Jaroch der dapd. Eines aber sei klar: «Mit dem wissenschaftlichen Ethos lässt sich das nicht vereinbaren.»

Letzter prominenter Fall war Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, die sich vor einem Jahr gegen Vorwürfe wehren musste, bei ihrer Dissertation geschummelt zu haben. Schröder habe Dienste ihrer Partei genutzt, um die Forschung zu machen, hiess es. So seien etwa Fragebögen von der CDU-Zentrale versandt worden. Das sei nicht in Ordnung, denn die Arbeit müsse selbstständig sein, sagte Weber-Wulff. Konsequenzen habe es aber nicht gegeben, der Doktorvater habe Schröder «den Rücken gestärkt». Der Fall Guttenberg sei jedoch «bedenklich».

(ap)