Kindersoldaten

12. Februar 2020 17:39; Akt: 12.02.2020 17:39 Print

«Töten musste ich maskiert»

von Philippe Stalder - Ulimwangu (21) wurde als Teenager im Kongo zwangsrekrutiert. Wie geht es ihm heute? 20 Minuten sprach mit dem ehemaligen Kindersoldaten.

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Weltweit werden rund 250'000 Kinder in Kriegen und bewaffneten Konflikten zum Kämpfen, Foltern und Töten gezwungen. Die Kinder werden von den Kriegsherren und ihren Milizen meist in den Dörfern, auf Strassen oder in der Schule aufgespürt, entführt und durch Gewalt und Drogen gefügig gemacht.

Insbesondere in Zentralafrika werden Knaben und Mädchen häufig von Milizen für ihre Zwecke missbraucht. Aber auch in Syrien, im Jemen oder in Myanmar kommt es zum Einsatz von Kindersoldaten. Anlässlich des Internationalen Tages gegen den Einsatz von Kindersoldaten sprach 20 Minuten mit Ulimwangu, der früher für eine kongolesische Miliz kämpfte. Heute lebt er in Goma im Osten des Landes in einem Transit- und Orientierungslager, wo er zurück in die Gesellschaft integriert werden soll:

Wie sah dein Leben vor deiner Zeit als Soldat aus?
Ich hatte ein ganz normales Leben, hatte viel mit meinen Freunden im Dorf gespielt und ging zur Schule.

Wie bist du zum Soldaten geworden?
Man hat mich dazu gezwungen. Eines Tages tauchten Kämpfer der Nyatura-Miliz in unserer Schule auf. Ein gewisser Kommandant Eric hat uns bedroht und mit Gewalt rekrutiert. Das war 2016.

Wie lief deine Ausbildung ab?
Gleich im ersten Monat lernte ich, wie man im Kampf Waffen einsetzt. Ich lernte auch, wie man Menschen ohne Waffen töten kann. Insgesamt blieb ich ein Jahr lang bei der Miliz.

Wie ist es dir während dieser Zeit ergangen?
Es war eine sehr harte Zeit. Wir haben schlecht geschlafen und sahen keinen Ausweg aus der Situation, keine Zukunft. Damit wir nicht erkannt wurden, wollten unsere Vorgesetzten, dass wir uns maskieren, bevor wir töteten. Weil ich mich nicht immer an die Regeln hielt, wurde ich bestraft. Deswegen versuchte ich eines Tages abzuhauen.

Ist dir die Flucht geglückt?
Beim ersten Mal nicht, leider wurde ich erwischt. Zur Strafe wurde ich geprügelt. Danach klaute ich eine Waffe und flüchtete nochmals. Dieses Mal erfolgreich. Schliesslich meldete ich mich beim Auffangzentrum für Kindersoldaten der Unicef.

Wie geht es dir hier?
Ich fühle mich grundsätzlich wohl, habe aber Angst, dass mich die Rebellen eines Tages aufspüren.

Was glaubst du, würden sie dir antun?
Sie würden mir wohl die Kehle durchschneiden.

Welche Rolle spielten Drogen im Krieg?
Drogen waren überall. Einige Kindersoldaten waren ständig zugedröhnt. Ich habe gelegentlich konsumiert, etwa vor einem Kampf, wenn ich wusste, dass ich jemanden töten sollte.

Von welchen Drogen sprechen wir?
In meinem Fall von Alkohol und Cannabis.

Bist du abhängig geworden?
Ja, für eine gewisse Zeit. Heute bin ich aber clean.

Fühlst du dich schuldig dafür, was du anderen Menschen angetan hast?
Eigentlich nicht, denn ich wurde zu meinen Taten ja gezwungen. Dennoch fühle ich mich manchmal schuldig.

Wie sieht dein Alltag heute aus?
Das Aufnahmezentrum für Kindersoldaten ermöglicht mir, einen Beruf zu erlernen. Ich lasse mich zum Metallbauer ausbilden.

Hast du noch Kontakt zu deiner Familie?
Mein Vater ist bereits verstorben. Zu den anderen Mitgliedern habe ich guten Kontakt.

Wissen sie, was du getan hast?
Ja. Aber sie wissen auch, dass ich bloss Befehle ausführte.

Was müsste sich deiner Meinung nach ändern in dieser Welt?
Das Verbot, Kinder zu rekrutieren, müsste konsequent umgesetzt werden. Auch heute noch gibt es viele Kindersoldaten. Nicht jedem gelingt die Flucht.

Wie siehst du deine Zukunft?
Ich möchte meine Ausbildung hier beenden und danach eine eigene Werkstatt eröffnen, um anderen mit meiner Arbeit zu helfen.

*Alle Namen geändert