Reportage aus Syrien

18. Juli 2018 05:43; Akt: 24.07.2018 14:50 Print

«Unter dem IS gab es in Raqqa keine Verbrechen»

von Ann Guenter - Ein Besuch in seiner einstigen «Hauptstadt» Raqqa zeigt, dass der «Islamische Staat» dort noch lange nicht vertrieben ist.

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Eindrücke aus der zerbombten syrischen Stadt Raqqa. Einst lebten hier 200'000 Personen. 2014 kamen die Extremisten des «Islamischen Staates». Sie machten Raqqa zu ihrer syrischen «Hauptstadt». 2017 vertrieb die Anti-IS-Koalition die Islamisten aus Raqqa. Es gibt kaum ein Haus, das nicht mindestens Schussspuren ... ... von der schweren Schlacht aufweist. Einige Gebäude sind derart zerstört, dass man sich wundert, wie sie überhaupt noch stehen können. Der Einfluss der dreijährigen IS-Herrschaft ist in Raqqa allgegenwärtig: An vielen Läden sieht man seine Zeichen. Viele Frauen tragen noch immer einen doppelten Nikab: Über die verhüllten Augen lassen sie einen Schleier fallen, so wie es unter den Extremisten Gesetz war. Das tat auch diese Frau, kaum merkte sie, dass sie fotografiert wurde. Grafittis von IS-Kämpfern: «Bald kommen wir nach Rom», sprayte ein Extremist names al-Somali. Die traditionellen Plätze der Stadt haben ihre Unschuld verloren: Auf dem Al Naim (arabisch für Paradies) wurden während drei Jahren Köpfe abgeschlagen und auf den Metallornamenten des Kreisels aufgespiesst. Auf dem Glockenturm-Platz wurden Menschen erschossen und gekreuzigt. Dennoch trauern einige der IS-Herrschaft nach. «Unter dem IS war Raqqa sicher und es gab keine Verbrechen», sagt ein Mann, bevor er hinzufügt: «Aber es waren schlechte Leute.» Der Wiederaufbau der Stadt geht langsam voran. Alle Hauptstrassen und jene öffentlichen Gebäude, die noch stehen, sind von Sprengfallen und Minen geräumt (im Bild das Spital von Raqqa): 100% OK heisst, dass das Areal sicher ist. Läden eröffnen auch in zerstörten Gebäuden. Der unheimliche Gang durch das Sportstadion von Raqqa. Es war vom IS zum Gefängnis umfunktioniert worden (und ja, auf dem Graffiti seiner Aussenmauer steht tatsächlich Taylor Swift). Die Räume wurden zu Verhörräumen, ... ... Zellen und ... ... Folterräumen umfunktioniert. Auf diesem Bett ... ... wurden den Gefangenen Stromschläge versetzt, die Drähte dafür sind noch da. Die Stricke wurden nicht für Sport genutzt. Kritzeleien von Gefangenen, viele auf Arabisch, einige auf Türkisch und Russisch. In diese Box zwängte der IS jeweils Gefangene, die später exekutiert wurden. Graffitis in den Gängen des Stadions machen deutlich, wer hier wie regierte: «Der Staat des Kalifats» (rechts), «Wir kommen, um euch Alawiten zu köpfen» (links). Überall liegen Dokumente des IS herum. Aber auch solche aus ... ... alten Zeiten. Bleibt zu hoffen, dass hier bald wieder Judo unterrichtet wird.

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Der IS ist in Raqqa omnipräsent. An Wänden und Läden prangt sein berüchtigtes Emblem, alte Graffitis von IS-Kämpfern preisen seine Herrschaft. Viele Frauen tragen noch immer einen doppelten Nikab: Über die verhüllten Augen lassen sie einen Schleier fallen, so wie es unter den Extremisten Gesetz war.

Es gibt weitere, weniger augenscheinliche Zeichen dafür, wie stark sich der IS in die Köpfe der Menschen von Raqqa gegraben hat. So fällt auf, dass in den Räumlichkeiten des arabisch dominierten Stadtrates nicht geraucht wird – und das in einer Region, in der das Rauchen in allen öffentlichen Räumen zum guten Ton gehört. Offensichtlich hallt das mit Peitschenschlägen durchgesetzte Rauchverbot der Extremisten hier noch nach.


Videoaufnahmen aus der zerbombten syrischen Stadt Raqqa. (Video: Ann Guenter/20Minuten)

Einige machen kein Geheimnis daraus, dass sie der IS-Herrschaft nachtrauern: «Unter dem IS war Raqqa sicher und es gab keine Verbrechen», sagt ein Mann, bevor er hinzufügt: «Aber es waren schlechte Leute.» Er ist in Raqqa bei weitem nicht der Einzige, der das so sieht.

Plätze haben ihre Unschuld verloren

200'000 Menschen lebten vor der IS-Herrschaft in Raqqa, jetzt sind es wohl kaum mehr als 70'000. Trümmer, Schutt und verschüttete Leichen erinnern jene, die geblieben oder zurückgekehrt sind, täglich an die opferreiche Rückeroberung der Stadt. Der Terror der Islamisten scheint vor dieser deprimierenden Kulisse in den Hintergrund zu treten. Viele machen die Anti-IS-Koalition und ihre unpräzisen Luftschläge für die Tausenden zivilen Opfer verantwortlich.

Mittlerweile sind in Raqqa zwar alle Hauptstrassen, öffentlichen Gebäude und die Mehrheit der bewohnten Häuser von Sprengfallen und Minen geräumt. Aufbruchstimmung scheint dennoch keine aufzukommen. Nicht nur wegen der immensen Verwüstung. Sondern auch, weil viele traditionelle Plätze der Stadt ihre Unschuld verloren haben: Auf dem Al Naim (arabisch für Paradies) wurden während drei Jahren Köpfe abgeschlagen und auf den Metallornamenten des Kreisels aufgespiesst. Am Glockenturm-Platz wurden Menschen erschossen und gekreuzigt.

Unheimliches Sportstadion

Schwere Schatten liegen auch auf öffentlichen Gebäuden wie dem Sportstadion: Die IS-Extremisten nutzten es bis zuletzt als Gefängnis. Gymnastikräume funktionierten sie zu Folterkammern um. Die von der Decke hängenden Stricke nutzten sie nicht für sportliche Aktivitäten. WCs wurden zu Gefängniszellen.

Kritzeleien an den Wänden, die meisten auf Arabisch, einige auf Türkisch oder Russisch, geben Auskunft darüber, wer weswegen und wie lang schon hier sass. In einer Ecke steht eine zusammengezimmerte Box. In diese zwängten die IS-Sadisten jene, die exekutiert werden sollten. Graffitis in den Gängen des Stadions machen deutlich, wer hier wie regierte: «Der Staat des Kalifats» oder «Wir kommen, um euch Alawiten zu köpfen».

Vier IS-Anschläge im Juni

Seine IS-Vergangenheit schüttelt Raqqa weder schnell noch einfach ab. Die Bewohner der vom arabisch dominierten Raqqa Civil Council und den kurdisch dominierten Syrian Democratic Forces (SDF) verwalteten Stadt sind unzufrieden. Sie klagen über neue Steuern und Korruption und stehen den Kräften der SDF eher ablehnend gegenüber.

Auch davon profitiert letztlich der IS. Längst haben seine Schläferzellen die Stadt infiltriert. Neue Attacken sind die Folge: Erst Ende Juni starben 20 Soldaten der SDF bei vier verschiedenen Anschlägen.

Aktivere Schläferzellen beeinflussen Frontkampf

Das beeinflusst die Strategie der SDF an der Front rund um Deir ez-Zor, die Wüstenregion, in der sich der IS noch mit rund 5000 Kämpfern verschanzt hält. «Die Kämpfe in Deir ez-Zor haben direkten Einfluss auf Raqqa», sagt Mustafa Bali, Sprecher der SDF. «Sie bewegen ihre Schläferzellen seit letztem Monat, vor allem in den letzten 20 Tagen. Wir haben keine andere Wahl, als die Front in Hadjin ruhen zu lassen, damit wir uns um die IS-Schläferzellen in Raqqa kümmern können.»

Der IS sei «nicht nur Waffen, Kämpfer und Selbstmordkommandos», sagt Bali. «Der IS ist ein ideologisches System. Er hat sich seit Jahrzehnten auf diesen Krieg vorbereitet, unter verschiedenen Namen, an verschiedenen Orten. Um diese Leute aus der Gesellschaft vertreiben zu können, braucht es viel Zeit, Bildung und Aufklärungsprojekte.»